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So blicken Riederwälder in die Schäfflestraße.

Riederwald

Wohnen – Das Leiden der Riederwälder

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Klagen über Vernachlässigung von Wohnraum sind nicht selten. Eine Studie des Instituts für Sozialforschung gibt Bewohnern eine Stimme. 

Frankfurt - Was Esther Fries schildert, kennen viele Riederwälder nur zu gut. Gemeinsam mit zwei Studenten stand sie am vergangenen Freitag vor einem Plakat mit der Überschrift „Wohnen“ und erzählte dem voll besetzten Raum der Philippus-Gemeinde von ihrem Leiden: Schimmel an den Wänden, all winterliches Kondenswasser am Fenster. „Immer heißt es: Sie lüften nicht richtig.“ Sie erzählt von der Vernachlässigung durch die Wohnungsbaugesellschaft ABG und deren Hotline. „Die Holding sitzt das aus und erhöht gleichzeitig die Miete“, ärgert sie sich und erntet Zuspruch. Trotzdem habe sie sich im Riederwald immer wohlgefühlt, vieles sei besser als der Ruf.

Dem „Leiden im Stadtteil“ ist das Institut für Sozialforschung der Goethe-Universität auf den Grund gegangen, Studierende haben sich dafür zwei Semester lang mit dem Riederwald beschäftigt. Initiiert wurde die Studie von Quartiersmanager Sebastian Wolff, um eine Sozialraumanalyse von 2010 zu aktualisieren. „Wichtig war uns, demokratische und partizipative Forschung zu betreiben“, erklärte Dozentin Sabine Flick, die die Untersuchung mit dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Alexander Herold anleitete. „Als Co-Forscher haben sich die Gruppen Experten aus dem Stadtteil gesucht. Sie wissen am besten, was gut, was schief läuft.“

Riederwald: Fotoprojekt zeigt Nähe zur Natur

Das Fotoprojekt mit Kindern brachte deren Nähe zur Natur zum Vorschein. Typische Lieblingsorte waren der Abenteuerspielplatz und das „zweite Zuhause“, das Kinder- und Jugendhaus. Jugendliche würden bemängeln, über keinen eigenen Platz zu verfügen und unter sozialer Beobachtung zu leiden. Prompt weiß jemand: „Die sitzen in der Lassallestraße und kiffen.“

Sie sei im Riederwald aufgeblüht, freut sich Regina Dietrich über die vielen Möglichkeiten. Vor einem Jahr ist sie in ein Seniorenwohnheim zugezogen und nutzt besonders die dortige Begegnungsstätte: Turnen, Café, Stammtisch, Singen. „Immer Dienstags wird getanzt, da läuft unsere Musik.“ Dass Einkaufsmöglichkeiten fehlen, sei ärgerlich, denn der weite Weg zum Netto bereite vielen Schwierigkeiten – und Bänke zum Rast machen gebe es kaum. „Dass andere im Alter einsam sind, macht mich traurig.“ Sie könne nur alle ermutigen, die Angebote wahrzunehmen.

Ein Phänomen hat die Gruppe „Roter Riederwald“, die sich mit (politischem) Handeln im Stadtteil beschäftigte, dokumentiert: Einerseits gebe es sehr aktive, vernetzte Bewohner. Anderseits viele, die trotz ihres Problembewusstseins passiv blieben. Auch für die Studie konnten größtenteils nur institutionsnahe Personen gewonnen werden.

Die Frage nach dem Warum wurde mit Frustration durch Rückschläge begründet. „Niederlagen aus der Vergangenheit sind das Wegfallen des Gesundheitsamtes, der Bankfiliale und des Bürgerhauses gewesen“, so ein Student. „Aber wer nichts tut, wird schnell zum Opfer“, zeigt sich Sozialbezirksvorsteherin Ingeborg Wendel kämpferisch.

„So viele Angebote hat es früher nicht gegeben“, lobt Esther Fries, die beim Nachbarschafts-Frühstück rekrutiert wurde, das Quartiersmanagement. Auf ihr Plädoyer, man müsse mehr miteinander reden, folgt Beifall.

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