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Da ist er, der Meister: Richard Wagner auf einem Graffito beim „Wagner Project“ in Tokio.

Frankfurt

Rap und Richard in Frankfurt

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Der Theaterkünstler Akira Takayama verbindet im Frankfurter Mousonturm Richard Wagner mit einer „School of Hip Hop“.

Akira Takayama ist kein Unbekannter in Frankfurt. Für Furore sorgte der japanische Theaterkünstler zuletzt im März 2017 mit seiner „McDonald’s Radio University“. Drei Wochen lang ließ er in den Frankfurter Filialen der Fastfoodkette Vorträge und Lesungen halten von Geflüchteten, die erst kurz zuvor nach Deutschland gekommen waren. Es war Takayamas zweites Projekt mit dem Mousonturm, dessen assoziierter Künstler er seit 2014 ist. Im selben Jahr hatte er sein Debüt im Rhein-Main-Gebiet mit dem Projekt „Evakuieren“, für das mehr als 30 S- und U-Bahn-Stationen in der Region kurzweilig umfunktioniert wurden. Zwei Dinge zeichneten Takayamas Werk und Arbeit unter anderem aus, sagt Matthias Pees, Intendant des Mousonturms: Zum einen mache er Theater nicht da, „wo es hingehört“, sondern an ungewohnten Orten. Zum anderen mache er „Theater für Menschen, die normalerweise nicht ins Theater gehen“.

Nun steht also das dritte Projekt an, das außerdem zeigt, dass Takayama und sein Künstlerkollektiv Port B sich nicht mit Kinkerlitzchen begnügen: Am morgigen Freitag startet das „Wagner Project – Die Meistersinger von Nürnberg. A School of Hip Hop“ im Mousonturm. Inspiriert von Richard Wagners Oper bringt Takayama den Sängerstreit aus der Reformationszeit in die Gegenwart: 18 Meisterschülerinnen und -schüler werden zehn Tage lang als „Wagner Crew“ gemeinsam mit mehr als 40 internationalen und lokalen Stars des Hip Hop singen, lernen und leben und dabei die Regeln, Raffinessen und Traditionen des Hip Hop diskutieren und definieren.

Bis Mitte November konnte man sich bewerben, 74 Anmeldungen gingen ein, die Altersspanne reicht von 14 bis 47 Jahre. „Wir haben beschlossen, keine Vorauswahl zu treffen, sondern alle Bewerber öffentlich auftreten zu lassen“, erläutert Tatsuki Hayashi, Dramaturg und Dramaturgie-Stipendiat am Mousonturm. Eine neunköpfige Jury aus Frankfurt und Japan wähle dann 18 Kandidatinnen und Kandidaten aus, die als „Wagner Crew“ die folgenden neun Tage an der „School of Hip Hop“ und am gesamten Programm des „Wagner Projects“ aktiv teilnehmen. Nachmittags stehen Workshops an, abends Konzerte, gestaltet werden sie von Künstlern wie Arrior & Q-Rush, Aylin & Be Shoo, Born Crew, Darthreider, DJ Kitsune, Hiroshi Egaitsu, Fresh Fruits Movement, Markus Gardian, Gier, Murat Güngör & Hannes, Los Monteroz & Tobeé Tom, Rola, Timeless und vielen mehr. Auch dabei ist Alyssa aka A.Frequency, die bei der Vorstellung des Programms im Lokal des Mousonturms erzählt, wie sie zum Hip Hop kam: In der 5. Klasse habe sie angefangen, Gedichte zu schreiben, irgendwann habe sie ein Video gepostet und „gutes Feedback“ bekommen. Es folgte die Einladung ins Studio. „So wurden meine Gedichte zu Songtexten.“ Und von denen gibt sie auch gleich mal eine spontane Kostprobe.

Neben A.Frequency im Sessel sitzt Gianni Suave, „aufgewachsen in der Frankfurter Nordweststadt“, der 2016 einen Rap-Contest gewonnen hat. Den Plattenvertrag hat er allerdings platzen lassen. „Für mich war klar, dass ich das Album mit meinen Leuten machen will.“ Das aber wollte die Plattenfirma nicht. „Mein großer Traum ist nun, mein eigenes Label zu gründen, um junge Talente zu fördern.“ Für den Hip-Hop-Nachwuchs setzt sich auch DJ und Sozialpädagogin Nikki on Fleek ein, speziell für den weiblichen. „Frauen und Mädchen sind im Hip Hop nach wie vor unterrepräsentiert.“ In ihrem Workshop will sie daher den „Mythos vom männlichen DJ“ entzaubern.

Das Nachmittags- und Abendprogramm ist zum größten Teil kostenlos und richtet sich nicht nur an die 18 ausgewählten Meisterschüler, sondern an alle Interessierten. Der japanische Künstler Keigo Kobayashi konstruiert einen Bau in den Theatersaal, der nach und nach mit Graffiti bestückt wird. „So wird das Ganze eine Dynamik bekommen und sich über zehn Tage entwickeln“, sagt Tatsuki Hayashi. Was in den Workshops zu Freestyle Rap, Songwriting, DJing oder Musikvideos von der „Wagner Crew“ erarbeitet wird, kommt als „Wagner Crew Show“ auf die Bühne.

Wer nun vermutet, dass es sich dabei um eine Hip-Hop-Interpretation der Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ handelt, liegt falsch. Auf die Frage, wie viel Originalmusik denn im „Wagner Project“ stecke, antwortet Akira Takayama unumwunden: „Eigentlich gar keine.“ Und warum dann das Ganze? Warum ausgerechnet Wagner? Die Festspiele in Bayreuth seien ja „sehr exklusiv“ und nur einem sehr exklusiven, homogenen Publikum zugänglich. Er hingegen habe viel Zeit bei McDonald’s verbracht, wo sich Menschen aus aller Welt, aus allen Ecken der Gesellschaft tummelten. „Und ich war einer von ihnen.“ Leute, die zu McDonald’s gingen, „gehen nicht nach Bayreuth.“ Doch das „Wagner Project“, das Takayama bereits in Tokio inszeniert hat, soll nicht bloß ein Gegenentwurf zum elitären Pomp auf dem Grünen Hügel sein, auch inhaltlich gibt es durchaus Bezüge zu „Die Meistersänger von Nürnberg“. Den zentralen Fragen der Oper wie „Was ist Kunst?“ und „Wie wollen wir leben?“ soll auch in der „School of Hip Hop“ nachgespürt werden. Und während die Oper mit einem großen Gesangswettbewerb und einem Volksfest endet, bildet ein Hip-Hop-Battle zwischen den 18 Meisterappern den Abschluss.

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