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Die Anlaufstelle für obdachlose Frauen ist in einem Haus am Alfred-Brehm-Platz.
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Die Anlaufstelle für obdachlose Frauen ist in einem Haus am Alfred-Brehm-Platz.

Obdachlosigkeit

Duschen und ein heißer Kaffee für obdachlose Frauen

  • Anja Laud
    vonAnja Laud
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Für viele Obdachlose sind die Wintermonate die schwerste Zeit im Jahr. Beim Tagestreff 17-Ost bekommen obdachlose Frauen eine Auszeit vom Leben auf der Straße.

Ein grauer Dezembermorgen, es nieselt, die Kälte kriecht durch die dicke Winterjacke. Eine ältere, gepflegt gekleidete Frau mit Maske klingelt an der Tür des Zentrums für Frauen am Alfred-Brehm-Platz. Als sie den Summer hört, drückt sie die Tür auf, zieht ihren Einkaufstrolley, in dem sich ihr gesamter Besitz befindet, hinter sich her und geht ein paar Schritte über einen Korridor zum Tagestreff 17-Ost des Diakonischen Werks für Frankfurt und Offenbach. Im Verlauf des Tages werden ihr etwa 60 Frauen folgen. Sie alle sind wohnungslos und freuen sich, dem Leben auf der Straße wenigstens für ein paar Stunden entfliehen zu können.

Ein Pappschild mit der Aufschrift „Bitte Hände desinfizieren“ hängt im Eingangsbereich der Tagesstätte, die nur Frauen offen steht. Olga Becker begrüßt die ältere Frau freundlich und misst mit einem Infrarotthermometer kontaktlos an ihrer Stirn, ob sie Fieber hat. Danach fragt die Sozialarbeiterin sie, welchen Service sie in der Einrichtung in Anspruch nehmen will. Möchte sie duschen, sich in der Küche selbst eine warme Mahlzeit zubereiten? Oder in einem der zwei PC-Räume ihre E-Mails abrufen? Möchte sie in der Kleiderkammer nach Bekleidung suchen? Olga Becker trägt die Wünsche der Frau in eine Liste ein. Dann kann sie sich im Aufenthaltsraum an einem der nummerierten, mit Adventsgestecken geschmückten Tische setzen und einen heißen Kaffee trinken.

Im Computerraum können die Frauen auch ihre Mails abrufen.

Der Alltag im Tagestreff 17-Ost verläuft wegen der Corona-Pandemie nach festen Regeln. Das Diakonische Werk hat zusammen mit dem Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt ein Hygienekonzept erarbeitet, um die obdachlosen Frauen und die in der Einrichtung arbeitenden Mitarbeiterinnen vor Ansteckung zu schützen. In den beiden PC-Räumen etwa dürfen sich jeweils nur zwei Frauen gleichzeitig aufhalten, ebenso in der Küche.

Die Liste, die Sozialarbeiterin Becker am Eingang des Treffs führt, legt fest, wer zu welchem Zeitraum was tun darf. Die Nummerierung der Tische im Aufenthaltsraum sorgt dafür, dass jede Besucherin weiß, wo ihr Platz ist. In der Einrichtung herrscht Maskenpflicht. Nur wer an einem Tisch sitzt, kann den Mundschutz abnehmen.

Angst sich anzustecken, hat Luise Pötzschke, die ebenfalls Sozialarbeiterin im Tagestreff 17-Ost ist, nicht, und auch die obdachlosen Frauen – die meisten sind älter als 40 Jahre – hätten keine Bedenken, berichtet sie. In den Einrichtungen der Diakonie habe sich bisher niemand mit Corona angesteckt, sagt Karin Kühn, die den Arbeitsbereich Diakonische Dienste beim Diakonischen Werk für Frankfurt und Offenbach leitet. Wenn Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter erkrankt seien, dann deshalb, weil sie sich in ihrem privaten Umfeld infiziert hätten.

Mit Beginn des Dezembers hat der Tagestreff 17-Ost seine Öffnungszeiten ausgedehnt, damit sich die Besucherinnen besser über den Tag verteilen und es zu keinen Ballungen kommt. „Es ist wichtig, dass sich alles entzerrt“, erklärt Karin Kühn. Die Einrichtung hat nun an fünf statt vier Tagen, also von montags bis freitags, geöffnet. Außerdem wurden die täglichen Öffnungszeiten um jeweils eineinhalb Stunden verlängert. Frauen können nun von 11.30 Uhr bis 17 Uhr Unterschlupf am Alfred-Brehm-Platz finden.

Das Hygienekonzept hat bisher Ansteckungen mit dem Coronavirus im Haus verhindert.

Den wenigsten, die dorthin kommen, sieht man an, dass sie obdachlos sind. „Anders als Männer, die sich offen zu ihrer Obdachlosigkeit bekennen, wollen Frauen nicht auffallen. Sie wollen nicht, dass jeder weiß, dass sie obdachlos sind“, sagt Luise Pötzschke. Anonymität sei ihnen wichtig. Die meisten haben durch persönliche Krisen kein Zuhause mehr, sie haben ihren Arbeitsplatz verloren, eine Beziehung ist zerbrochen oder ein traumatisches Erlebnis hat sie um ihren Halt im Leben gebracht.

Um die Nacht nicht auf der Straße verbringen zu müssen, schlafen sie bei Freunden auf der Couch, im Auto oder nutzen im Notfall Übernachtungsmöglichkeiten für Wohnungslose. „Diese Frauen brauchen nicht unser Mitleid. Sie haben unseren Respekt und unser Mitgefühl verdient“, betont Luise Pötzschke.

Die Sozialarbeiterin erwartet, dass die Zahl der obdachlosen Frauen durch die Pandemie ansteigen wird. Viele Frauen, die im Niedriglohnsektor arbeiteten, beispielsweise als Bedienungen in Cafés oder Restaurants, verlören ihre Jobs und, wenn sie keine finanzielle Unterstützung erhielten, auch ihre Wohnungen.

Luise Pötzschke glaubt, dass jetzt in der Pandemie das Verständnis für Obdachlose steige. „Die meisten können sich jetzt vorstellen, wie schnell es gehen kann, dass man auf der Straße landet.“

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