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Ab in die Presse: Vollmondkeltern am Lohrberg, hier der Jahrgang 2015.

Apfelwein

Das Beste, was ein Apfel hätte werden können

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Zu wenig Obst für den Apfelwein – Keltereien beklagen einen enormen Rückgang von Lieferungen privater Baumbesitzer.

Die junge Frau in Nieder-Eschbach schaut irritiert: „Erntet denn hier in diesem Jahr niemand?“ Fast November, und immer noch hängen Äpfel an vielen Bäumen – nicht nur im Frankfurter Norden, sondern an einigen Orten, auch im Taunus und in der Wetterau. Was ist los?

Das fragt sich Peter Possmann auch. „Ich kann mir keinen Reim darauf machen, woran es liegt“, sagt der Frankfurter Keltereichef, „aber in diesem Jahr sehen wir hier deutlich weniger Privatleute, die uns ihre Ernte bringen.“ Dabei sei doch noch genug vorhanden: „Die Apfelbäume, die ich im Taunus sehe, hängen richtig schön voll, aber es ist offensichtlich niemand mehr da, der die Äpfel ernten möchte.“

Mit dieser Einschätzung steht er nicht allein. „Leider wird es von Jahr zu Jahr immer schlimmer“, sagt Alexandra Sommer vom Verband der hessischen Apfelwein- und Fruchtsaft-Keltereien. Die Folgen des Klimawandels beeinträchtigten die Ernte, zudem komme weniger Obst von privaten Anbauern.

Bei Possmann fuhren früher 20 bis 25 Lieferanten täglich mit ihrer Apfelernte vor; in diesem Jahr seien es nur etwa fünf, an guten Tagen auch mal zehn. Ein ähnliches Bild bei Rapp’s in der Wetterau: „Wir haben in diesem Jahr etwa die Hälfte dessen, was früher in einem normalen Jahr kam“, sagt Geschäftsführer Volker Thoma. Und so ein normales Jahr liege nun auch schon einige Zeit zurück. Der Keltererverband hat deshalb die Kampagne „Äpfel gehören ins Glas“ gestartet. „Bitte bringt Äpfel, damit wir was Hübsches draus machen können“, fasst Alexandra Sommer das Anliegen zusammen.

Was hält die Baumbesitzer davon ab? „An Corona kann es nicht liegen“, sagt Peter Possmann, schließlich sei die Apfelernte draußen auf der Wiese in der Hinsicht eine sichere Sache. „Liegt es am nasskalten Herbstwetter? Oder an zunehmender Bequemlichkeit?“

Ernte 2020

Der Apfeljahrgang kann sich sehen lassen: „Alles in allem können wir zufrieden sein“ , sagte der Sprecher des Hessischen Bauernverbands, Bernd Weber. Genug Sonne brachte gute Qualität und Süße, mehr Regen als in den Vorjahren kam hinzu, auch wenn mancherorts noch einige zusätzliche Liter willkommen gewesen wären. Insgesamt waren die Äpfel etwas früher reif.

Der Ertrag dürfte über jenem des Vorjahres liegen, sagte Weber der dpa. 2019 seien etwa 7400 Tonnen in Hessen geerntet worden. Streuobstwiesen sind nach wie vor wichtig nicht nur für den Anbau von Äpfeln, Birnen, Quitten und anderen Sorten, sie erfüllen auch eine unverzichtbare Aufgabe für den Naturschutz. Zahlreiche Tierarten leben in diesen Gebieten, darunter der allseits beliebte Steinkauz. Interessierte Pächter oder Paten für Streuobstwiese oder Bäume können sich an die Stadt wenden. Näheres dazu ist im Internet unter frankfurt.de zu finden; dort ins Suchfenster „Streuobstwiesen pachten“ eingeben, das ist der einfachste Weg.

Bem Mainäppelhaus auf dem Lohrberg läuft zudem seit Jahren das Projekt „Pflege gegen Nutzung“. Der Verein führt eine Kartei mit verfügbaren Grundstücken und Interessenten. Es geht darum, die Flächen zu pflegen und vor dem Verfall zu retten – oft gehörten sie Obstbauern, die sich im Alter nicht mehr wie früher kümmern können und deren Nachkommen die Wiesen nicht übernehmen. Wissenswertes über Äpfel, gesunde alte Sorten und über Baumpflege gibt es nicht nur im Mainäppelhaus (www.mainaeppelhauslohrberg.de), sondern etwa auch beim Pomologen-Verein und seinem hessischen Landessprecher Werner Nussbaum in Schöneck (www.werner-nussbaum.de).

Weder noch, sagt ein privater Apfelbauer aus der Wetterau. „Die Ernte ist dieses Jahr einfach gut. Wir haben deutlich mehr gekeltert als im Vorjahr, und trotzdem hängt noch einiges auf den Bäumen.“ Die fünffache Apfelmenge des – freilich sehr schlechten – Vorjahres habe er geerntet. Allerdings seien auch manche Kelterer vor Ort zwischenzeitlich abgesprungen. Die aufwendige Arbeit, die teuren Anlagen: Es lohne sich häufig finanziell nicht mehr. „Die Preise für Apfelwein sind einfach zu niedrig, um wirtschaftlich produzieren zu können.“

Possmann zahlt zwölf Euro für 100 Kilo Äpfel. Wer will, kann den Gegenwert auch direkt in Form von Saft oder Apfelwein mitnehmen. Bei Rapp’s in Karben gab es 13 Euro oder Getränkegutscheine, dort ist aber die Annahme seit dem vergangenen Donnerstag beendet.

„Wir zahlen hier in Hessen am meisten“, sagt Alexandra Sommer, aber es komme zu wenig herein. „Wenn wir keine Äpfel bekommen, sind uns die Hände gebunden.“ Die Kelterervereinigung will sich deshalb mit dem Regionalverband Frankfurt zusammensetzen und nach Lösungen suchen, etwa um an die Besitzer der Streuobstwiesen heranzukommen. „Es geht so nicht weiter“, sagt Sommer, „sonst geht ein wichtiges Kulturgut verloren.“

Wie bei anderen Naturprodukten könnte der Weg aus der Misere vielleicht über einen höheren Verkaufspreis führen: gutes Geld für ein gutes regionales Produkt. Den Sprung über die Zwei-Euro-Grenze pro Literflasche wagen aber nicht viele. „Wir haben sortenreine Apfelweine im Sortiment, die bei 2,49 Euro oder auch mal 2,79 Euro liegen“, sagt Volker Thoma. Davon ließen sich aber nur überschaubare Mengen verkaufen. „Der klassische Apfelweinverwender hat ein gewisses Preisbild im Kopf.“

Rapp’s setzt unter anderem auf ein Kelterobstwiesenprojekt: Flächen, die gezielt mit widerstandsfähigen und säurebetonten Halbstamm-Apfelbäumen bepflanzt werden und schon nach etwa fünf Jahren Erträge bringen sollen. Die klassische Streuobstwiese, glaubt Volker Thoma, verliere als Quelle für die Keltereien zunehmend an Bedeutung. Den Besitzern sei häufig die Pflege zu aufwendig – „oder sie machen für sich selbst was draus“.

Wer noch Äpfel abgeben möchte: Bis zum 4. November kauft Possmann an.

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