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Die Ausstellung "Variationen des wilden Körpers" ist ein zentraler Teil des Campus-Projekts "Tropical Underground".

„Tropical Underground“ in Frankfurt

Revolutionen am Rande

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Ein künstlerisch-wissenschaftliches Projekt „Tropical Underground“ mehrerer Museen und der Goethe-Universität in Frankfurt blickt auf die brasilianische Gegenkultur der 60er Jahre.

Klar werde das Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ im Jubiläumsjahr auch etwas zur 68er-Bewegung veranstalten, hat Filmwissenschaftler Vinzenz Hediger jüngst auf die Frage einer interessierten Person geantwortet. Und zwar „zu einer Revolution von mindestens so großer Tragweite, die in unserem eurozentrischen Blick aber so nicht vorkommt“.

Der Professor der Goethe-Universität meint eine kulturelle Gegenbewegung, die das repressive Militärregime Brasiliens in den 60er Jahren hervorgerufen hat. Diesen „Revolutionen von Anthropologie und Kino“ widmen gleich mehrere Frankfurter Institutionen das künstlerisch-wissenschaftliche Campusprojekt „Tropical Underground“ unter Leitung Hedigers, das sie am Donnerstag vorstellten. Neben der Goethe-Universität mit seinem Exzellenzcluster und dem Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, sind das Weltkulturen-Museum, das Museum Angewandte Kunst, das Kino des deutschen Filmmuseums und das Künstlerhaus Mousonturm beteiligt.

Einen bildgewaltigen Teil des Projekts kann man vom heutigen Freitagabend an im Weltkulturen-Labor des Weltkulturen-Museums bewundern. Dort zeigt der bedeutende brasilianische Ethnologe und Fotograf Eduardo Viveiros de Castro seine in den 70er bis 90er Jahren aufgenommen Bilder der Araweté, Kulina, Yanomami und Yawalapíti im Amazonas-Gebiet, aus deren Erforschung er seine Theorie des „amerindischen Perspektivismus“ entwickelte.

Viveiros de Castro erzählt beim Rundgang zu nahezu jedem seiner rund 170 Bilder so detailliert, als habe er sie gestern aufgenommen. Er spricht etwa über jenen Araweté-Schamanen, der auf einem großformatigen Blickfang der Werkschau auf einem Baumstumpf am Ipixuna-Fluss sitzt und den Blick des Betrachters so ungerührt erwidert, dass es schwerfällt, wieder wegzuschauen. Der Mann lebe nicht mehr, sagt Viveiros de Castro und berichtet in scharfen Worten davon, wie die brasilianische Regierung die einstigen Lebensgebiete der indigenen Völker Brasiliens immer weiter eingegrenzt habe, wie große Teile der Indigenen durch den Kontakt mit ihnen zuvor unbekannten Krankheitserregern starben und wie viele von ihnen zu „landlosen Arbeitern“ im kapitalistischen System geworden seien, das sie durch weitflächige Waldrodungen ihrer Lebensgrundlage beraubte.

Viveiros de Castros Bilder zeigen berührende und verstörende Alltagssituationen der verschiedenen Amazonasvölker - eine Geburt, die Jagd eines Leoparden oder ritualisierte Handlungen. Sie spiegeln die Diversität ihrer Körper und Lebensweisen. Und sie zeigen, wie vermeintliche Errungenschaften der westlichen Zivilisation Probleme in die isolierten Gesellschaften der Amazonasgebiete brachten - Palmöl-Dosen zeugen von veränderten Ernährungsgewohnheiten, die zu Karies, Diabetes oder Bluthochdruck führten. Auf anderen Fotografien sind die ersten Lieferungen von Schusswaffen zu sehen, die ein Dorf erreichten, oder ein Feuer, das den Regenwald niederwalzt, um Maniokplantagen zu pflanzen.

Auch Filmstills sind Teil der Ausstellung sowie Aufnahmen von Künstlern wie dem Filmemacher Ivan Cardoso, einer Schlüsselfigur des Cinema Marginal. Hier schließt sich der Kreis zur zweiten zentralen Säule des vielschichtigen Projekts „Tropical Underground“: Das Kino des Filmmuseums zeigt in einer gemeinsam mit der Goethe-Universität kuratierten Lecture & Film-Reihe einige jener in den 60ern und 70ern mit geringem finanziellen und technischen Aufwand gedrehten Filme, die sich Randbereichen der Gesellschaft widmeten, als Gegenbewegung zur Einmischung des Militärregimes ins Kulturleben.

Um jene vermeintlich marginalen Themen, „um die Revolutionen und Umstürze, die von den Rändern ausgehen“, gehe es bei „Tropical Underground“, sagt David Dilmaghani vom Kulturdezernat, das die Reihe mit Partnern wie dem Kulturfonds Rhein-Main unterstützt.

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