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Rettungsdienste in Frankfurt sind personell am Limit

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Von: Oliver Teutsch

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Auf der Leitstelle der Feuerwehr laufen alle Anrufe auf der 112 auf. Am Freitagvormittag ging es vergleichsweise geruhsam zu. Foto: Feuerwehr Frankfurt
Auf der Leitstelle der Feuerwehr laufen alle Anrufe auf der 112 auf. Am Freitagvormittag ging es vergleichsweise geruhsam zu. Foto: Feuerwehr Frankfurt © Feuerwehr Frankfurt

Viele Bagatellanrufe auf der „112“ machen Feuerwehr das Leben schwer. Personal ist auch in den Krankhäusern knapp.

Der Frankfurter Rettungsdienst ist derzeit personell am Limit. „Eine solch extreme Belastung habe ich im vergangenen Jahrzehnt nicht erlebt“, sagt Markus Röck, der zuständige Bereichsleiter bei der Frankfurter Feuerwehr, die für die Koordinierung und Bereitstellung der Rettungseinsätze verantwortlich ist. Zu personellen Engpässen wegen Covid-Erkrankungen oder Quarantäne kommen extreme Spitzen mit bis zu 600 Rettungsdienstfahrten am Tag.

Der Sommer gelte generell als Jahreszeit mit dem höchsten Rettungsdienstaufkommen, berichtet Veith Bosenbecker, Abteilungsleiter Bevölkerungsschutz bei der Feuerwehr. Während der Pandemie waren die Einsatzzahlen überraschenderweise regelrecht eingebrochen. Die Menschen wollten nicht in Krankenhäuser aus Angst vor einer Corona-Infektion. Doch mittlerweile seien die Einsatzzahlen höher als vor der Pandemie. „Früher lagen die Spitzen bei 400 bis 500 Fahrten pro Tag, jetzt bei 600“, so Bosenbecker. Am Dienstag dieser Woche waren es 581, am Mittwoch gar 593 Einsätze.

Dies alles muss mit weniger Personal bewerkstelligt werden. Wegen Infektionen oder Quarantäne fielen zum Teil ganze Rettungsdienstmannschaften aus, berichtet Andreas Ruhs, der Abteilungsleiter für den Einsatzbetrieb. Dazu kommt: Die personelle Situation in vielen Krankenhäusern ist auch angespannt, wie Röck verrät: „Es gibt Kliniken, die sagen, bitte schickt uns keine Patienten mehr.“ Dies wiederum verlängert die Fahrtzeiten bei den einzelnen Einsätzen, denn eigentlich sollte ja das nächstgelegene Krankenhaus angefahren werden. „Das System hat im Moment in allen Parametern eine eskalierende Tendenz“, so Röck.

Notrufe

Mit dem Notruf 110 alarmieren Sie die Polizei, etwa im Zusammenhang mit einer Straftat oder einer Gefahrenlage in der Sie sich selbst befinden oder die sie beobachten. Fälle von Ruhestörung oder ähnliches sind hingegen kein Fall für den Polizei-Notruf und blockieren teils Leitungen für dringende Anrufe.

Der Notruf 112 stellt eine Verbindung zu den Rettungsdiensten und zur Feuerwehr her. Die Nummer sollten Sie bei einem Brand oder bei einem Unfall wählen oder falls Sie oder andere sich in einer akuten medizinischen Notsituation befinden. ote

Nasenbluten oder Bauchweh

Ein gewichtiger Grund für die vielen Einsätze ist laut Röck das „Konsumentenverhalten“, das viele Menschen mittlerweile an den Tag legten. Die Notrufnummer 112 wird quasi als Hotline genutzt. Röck blättert die Einsatzberichte vom 14. Juli durch, einem Tag mit vergleichsweise geringem Einsatzgeschehen (475 Einsätze). Da rief jemand wegen Nasenbluten die 112, ein anderer berichtete über Schmerzen in der Schulter, habe aber bis zum Eintreffen des Notarztes schon eine Paracetamol genommen und brauche den Rettungsdienst jetzt doch nicht mehr. Ein anderer ruft wegen Bauchweh an und fordert dann vom eintreffenden Rettungswagenteam ein Medikament gegen Magenschmerzen. Zweimal melden Passanten hilflose Personen, doch die entfernen sich, als sie als Martinshorn hören. Bosenbecker ist früher im Umland selbst Rettungsdiensteinsätze gefahren und sagt, „die Selbsthilfefähigkeit ist auf dem Land größer als im städtischen Umfeld“.

Die geschilderten Bagatelleinsätze betreffen lediglich den Donnerstagvormittag. Solche Einsätze machen die hochqualifizierten Rettungsteams mürbe. Dabei ist die Einsatzmotivation bei der extremen Belastung entscheidend. Die Teams auf den Rettungsfahrzeugen kämen teilweise kaum dazu, zu essen oder auf die Toilette zu gehen, zwischendrin melde sich noch die Leitstelle und bitte, „werdet eure Patienten schneller los, wir brauchen euch“, berichtet Röck. Um mehr Personal zu bekommen, würden die Rettungsdienste mittlerweile „alle Register ziehen“, so Bosenbecker. Da bekäme entsprechend geschultes Personal aus Norddeutschland sogar Dienstwohnungen in Frankfurt gestellt.

Die Feuerwehr fängt Einsatzspitzen ab, in dem sie Personal aus dem Brandschutz abzieht und auf Ergänzungsrettungswagen verteilt. Die Feuerwehr selbst kann kurzfristig aber nicht personell nachsteuern. „Kurzfristig gibt es da keine Abhilfe, wir haben nicht mehr spezifiziertes Personal“, so Röck, der konstatiert, „wir müssen schauen, dass wir durchhalten, aber wir kommen irgendwie durch“.

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