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"Bag Mohajer" porträtiert ein Selbstermächtigungsprojekt von Flüchtlingen.

Lichter Filmfest

Aus den Resten des Schreckens

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Der Frankfurter Adrian Oeser hat eine Dokumentation über ein griechisches Projekt gedreht, bei dem Flüchtlinge Taschen aus Rettungswesten und Schlauchbooten nähen. Auf dem Lichter Filmfest feiert der Film Premiere.

Eine Garnrolle dreht sich langsam, eine Hand fädelt den Faden in eine Nähmaschine ein. Leise rattert die Nadel über Planenstoff. In einer anderen Szene blicken junge Menschen übers Mittelmeer, das in der Sonne glitzert.

Es ist eine ruhige, friedlich scheinende Bildsprache, die der Frankfurter Filmemacher Adrian Oeser für seine Dokumentation „Bag Mohajer – Tasche des Flüchtlings“ gewählt hat. „So öffnen sich mehr Zwischenräume und man kann die Ambivalenz spüren, die in den Taschen steckt.“

Die Taschen, um die sich Oesers Film dreht, der auf dem Lichter Filmfest in Frankfurt Premiere feiert, werden von Flüchtlingen gefertigt, die übers Mittelmeer nach Griechenland kamen. Als Material nutzen sie Rettungswesten und Schlauchboote, die von anderen Asylsuchenden am Strand zurückgelassen wurden – oder die das Meer angeschwemmt hat. „Ob die Menschen, die diese Westen trugen, tot sind?“, fragt sich der im Iran aufgewachsene Afghane Mansour im Film, während er auf der Insel Lesbos über eine Müllhalde läuft, durch Berge von Rettungswesten, deren Gurte er abschneidet.

„Mir ist bei meiner Arbeit immer wichtig, einerseits den Schrecken zu zeigen, aber auch die Hoffnung, die in den Dingen steckt“, erläutert Oeser, warum er das griechische „Selbstermächtigungsprojekt“, das eine deutsche Modedesignerin mit angestoßen hat, dokumentiert. Ihm habe gefallen, dass die Geflüchteten „aus den Resten des Schreckens etwas Neues und Nützliches, auch Schönes schaffen“. Sie als aktiv Handelnde zu zeigen, statt die üblichen Bilder des Leids zu reproduzieren, sei ihm wichtig gewesen.

Beim Lichter-Filmfest ist der 29-Jährige nicht zum ersten Mal dabei. 2014 gewann er gemeinsam mit der Gruppe Docview den Langfilm-Preis für den Dokumentarfilm „Erhobenen Hauptes. (Über)Leben im Kibbuz Ma’abarot“. Außerdem hat Oeser, der momentan neben seinem Fernsehjournalismus-Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg für das WDR-Politmagazin „Monitor“ arbeitet, die Freundschaft zwischen der Holocaust-Überlebenden Trude Simonsohn und der Widerstandskämpferin Irmgard Heydorn dokumentiert. „Ich bin auf jeden Fall ein politischer Mensch und habe immer Filme gemacht über Themen, die mich berühren und bei denen ich den Eindruck habe, dass bestimmte Aspekte noch nicht beleuchtet wurden“, sagt Oeser.

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