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Nicholas Jefcoat hat die deutsche und die britische Staatsangehörigkeit - er hofft, dass das auch so bleibt.

Brexit

Brexit-Chaos: Der resignierte Brite in Frankfurt

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In dieser Woche fällt die Entscheidung zum Brexit. Der Engländer Nicholas Jefcoat hat zur Sicherheit den deutschen Pass beantragt.

Sein Lachen hat Nicholas Jefcoat noch nicht verloren. Auch wenn ihm und vielen andere Briten angesichts des Brexit nicht nach Lachen zumute ist. Im Juni 2016, als sich eine Mehrheit für den Austritt des Königreichs aus der EU entschieden hatte, sei er zunächst entsetzt und deprimiert gewesen. Später hatte er Hoffnung, dass es einen weichen Brexit geben könnte, doch mittlerweile hat er resigniert. Im vergangenen Jahr hat der 63-Jährige die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt und auch erhalten. „Um auf der sicheren Seite zu sein“, sagt er.

Geboren ist Jefcoat in der englischen Stadt Wolverhampton. Mit elf Jahren ging er auf ein Internat. Später studierte er an der Universität in Oxford Germanistik und Romanistik. Nach der Uni zog es den heute in Sachsenhausen lebenden Briten zu einer internationalen Bank. „Ich wollte unbedingt ins Ausland.“ So arbeitete Jefcoat in Frankreich und für mehrere Jahre in Japan. 1992 kam er nach Deutschland und blieb in Frankfurt. „Es war eine spannende Zeit nach dem Mauerfall in Deutschland.“

Aktuell ist der 63-Jährige Finanzberater und arbeitet viel mit Start-ups zusammen. Zudem ist er Vorsitzender der Deutsch-Britischen Gesellschaft in Frankfurt. Deren Ziel ist es, die Beziehungen beider Partnerländer zu fördern und zu verbessern. „Ich denke, dass wir in der nächsten Zeit noch wichtiger werden und neue Mitglieder bekommen“, mutmaßt Jefcoat – weil man nach dem Brexit wieder mehr für gute Beziehungen machen müsse.

Der Wahl-Frankfurter ist seit dem Referendum ein gefragter Interviewpartner und Diskussionsteilnehmer. „Aber ich wage keine Prognosen mehr“, sagt Jefcoat. Zu viel sei in den vergangenen Monaten und vor allem in den zurückliegenden Tagen passiert. „Der Brexit ist für mich eine riesige Enttäuschung. Ich bin Europäer und Remainer.“

Vielleicht ärgert den 63-Jährigen auch, dass er damals im Juni 2016 auf die Wahl keinen Einfluss hatte: Wer 15 Jahre nicht in Großbritannien gelebt hat, verliert sein Wahlrecht. Viele Menschen, die außerhalb des Königreichs weilten, hätten somit nicht abstimmen dürfen. Jefcoat ist sich sicher, dass die überwiegende Mehrheit der im Ausland Lebenden für einen Verbleib in der EU gestimmt hätte. Eine Änderung dieses Aspekts des Wahlrechts sei zwar im Gespräch gewesen, doch umgesetzt sei diese bis heute nicht.

Obwohl der Finanzberater keine Prognosen mehr abgibt, spricht er doch offen über seine bevorzugten, aber politisch nur schwer realisierbaren Lösungen für das aktuelle Brexit-Chaos. Am besten wäre es, den Antrag auf einen Austritt nach Artikel 50 des EU-Vertrags zurückzuziehen. Alternativ könnte sich Jefcoat auch ein zweites Referendum über einen Verbleib vorstellen. Die dritte erhoffte Lösung sei, dass die Abgeordneten den May-Deal annähmen. „Der ist aber nur ein Kompromiss und hat auch große Schwächen, beispielsweise wirtschaftliche Nachteile.“

Welche persönlichen Auswirkungen der Austritt für Jefcoat haben wird, kann er nur vermuten. Etwas Vermögen liege noch in England auf einer Bank. Das könnte nach dem Brexit weniger werden, falls das Pfund an Wert verlieren sollte. Beim Thema Rente ist der 63-Jährige relativ zuversichtlich. Seine Ansprüche aus der EU sind sicher; wie es bei der Rente aus Großbritannien aussehe, wisse er aber noch nicht. Das Ganze sei noch nicht endgültig geregelt, weshalb es auch denkbar sei, dass britische Staatsrenten nicht oder nicht in vollem Umfang in EU-Länder gezahlt würden.

Eine absehbare Veränderung, die viele betreffen wird, werden wohl die langen Schlangen am Flughafen sein. Wenn die Briten nicht mehr die Reisefreiheit der EU genießen, werden wieder Kontrollen notwendig.

Außerdem hofft Jefcoat, dass die britische Regierung nach dem Ausstieg nicht beschließt, dass man keine doppelte Staatsbürgerschaft haben darf. Dann müsste er sich entscheiden. Eine schwierige Wahl, weil er gern in Deutschland lebe. „Aber im Herzen bin ich Brite.“

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