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Reportage auf Frankfurter Adickesallee: Endlos laut und viel Bewegung

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Der Pfeil hat auf die vielbefahrene Straße getroffen: Der bekannte und stetige Verkehr der Adickesallee.
Der Pfeil hat auf die vielbefahrene Straße getroffen: Der bekannte und stetige Verkehr der Adickesallee. © Renate Hoyer

Was verschlägt Menschen in eine Straße, die vor allem für die vielen Autos und dem Lärm bekannt ist?

Der Verkehr dröhnt, die Autos rauschen aneinander vorbei und der Verkehr fließt ständig. So sieht sie aus, die Normalität in der 850 Meter langen Adickesallee im Nordend. Sie gehört zu den Hauptverkehrsstraßen der Mainmetropole.

„Hier ist es laut“, sagt Tugba Korkmaz, die Inhaberin von Granny’s. Das Café befindet sich in der Mitte der Allee im Erdgeschoss eines Studentenwohnheims. Da es keine Konkurrenz in der Umgebung gibt, läuft das Geschäft sehr gut. „Zur Mittagszeit haben wir volles Haus“, erzählt Korkmaz.

Neben allerhand Heißgetränken bietet sie auch selbst gemachte Snacks und eine wechselnde Karte mit verschiedenen Speisen an. Und ihr Angebot kommt gut an. Etwa 90 Prozent der Gäste seien Stammkunden, die allermeisten davon arbeiteten in der Umgebung der Adickesallee oder studierten. „Es gibt an der Allee quasi keine Laufkundschaft. Ohne gute Gründe kommt man hier nicht einfach so vorbei“, erklärt Korkmaz lachend.

Vor fünf Jahren hat sie das Café mit einem Freund gemeinsam eröffnet. Es ist minimalistisch und modern eingerichtet. Von den Decken hängen Vintagelampen, die warmes Licht im Raum verteilen, und Pflanzen, die aus Blumentöpfen herausragen. „Es soll gemütlich sein und jeder soll genügend Platz haben“, sagt die Inhaberin. Ihr treuer Begleiter Paco, eine dreijährige Französische Bulldogge, schwänzelt um ihre Beine. „Das ist quasi unser Therapiehund für die Gäste. Er holt sich die täglichen Streicheleinheiten“, sagt Tugba.

Es ist einer der wenigen heimeligen Orte in der Allee. Neben dem lärmenden Verkehr gibt es nicht viel zu sehen. Graue Bürogebäude und blockartige Wohnheime auf der einen Seite, große, private Eigenheime auf der anderen.

Der schmale Grünstreifen am Straßenrand wirkt fast schon wie ein trauriger Versuch, die verdrängte Natur am Leben zu erhalten. Unter den vereinzelten Bäumen sprießen etliche gelbe Narzissen aus dem kargen Boden. Sie machen Lust auf mehr, auf mehr Natur, auf mehr Lebendiges. Wie es hier wohl aussieht, wenn die Knospen der wenigen Bäume blühen? Bei Schneeregen lässt sich das nur schwer erahnen.

Dartpfeil-Reportage

Ganz unvorbereitet gehen FR-Reporter:innen für diese Serie auf Tour. Ihr Ziel ist jeweils ein Ort, der zufällig bestimmt wird, durch einen ungezielten Pfeilwurf auf den Frankfurter Stadtplan.

Wo der Pfeil steckenbleibt, sind Fotograf und Schreiber am selben Tag unterwegs, sehen sich genau um und fragen die Leute, die sie treffen: Was machen Sie denn da?

Die Zufallstreffer, die daraus entstehen, sind Geschichten, die sonst vielleicht nie erzählt worden wären.

„Das Wetter soll wohl ein Aprilscherz sein“, witzelt Shora Shirzad. Er ist CEO eines Technikunternehmens und für einen Vortrag an der Frankfurt School of Finance & Management angereist. Als jemand, dessen Verweildauer vor Ort gering ist, findet er die Gegend „ganz nett“. Er hat aber auch keine Zeit sich länger umzusehen, der Termindruck ist zu groß.

Die Frankfurt School, am Ende der Adickesallee gelegen, gibt sich bei der Gestaltung ihres Vorhofs schon deutlich mehr Mühe. Eine große Wasseranlage, mit Pflanzen bestückt, ist in den exakt gemähten Rasen eingebettet. Daneben sind Bäume gepflanzt. Sogar eine Blumenwiese für Insekten gibt es. Wegen des Wetters wächst hier allerdings noch nichts. So bleibt außer dem vorbereiteten Platz nur das Schild und die Vorstellung von brummenden und summenden Insekten.

Vor dem Eingang tummeln sich Mitarbeiter:innen und Student:innen. Sie verweilen hier für die Dauer einer Zigarette. „Man trifft hier fast nur Studis. Außer den Autos ist hier nicht viel“, sagt Marie Dziuba lachend. Sie organisiert Weiterbildungen für Erwachsene an der Frankfurt School. „Ich komme hier nur für die Arbeit her“, erklärt sie.

Etwas weiter entfernt stehen Lorenz, Marcel und Niklas. Die drei Mittzwanziger sind allesamt Banker und studieren in Teilzeit Management. Hastig ziehen sie an den Zigaretten und schlürfen den wärmenden Kaffee. „Wir befinden uns in der Blüte des Lebens, außer studieren geht hier nichts“, kritisiert Marcel. Zum Feiern gehen sie ein paar Straßen weiter oder fahren in die Heimat nach Limburg und Würzburg.

Es gibt viele Seitenstraßen. Die meisten von ihnen führen in die gehobenere Wohngegend, wie die wenigen Fußgänger und Anwohner verraten. Die Adickesallee befindet sich gerade an der Grenze zwischen Nordend und Westend. „Also von sehr teuer und unbezahlbar teuer“, sagt eine Frau. Die Häuser könnten trotzdem einen Anstrich vertragen, wie Lorenz stilbewusst feststellt.

Etwas weiter entfernt gibt es den Holzhausenpark. Die Grünfläche eignet sich gut, um mal vor die Tür zu kommen. Das finden auch Aylin Pizano und Frédérique Groulard. Die Erzieherinnen arbeiten in einem Anfang des Jahres eröffneten Kindergarten in der Nähe der Adickesallee. Sie sind mit zwei der ihnen anvertrauten Kindern unterwegs, um an die frische Luft zu kommen. „Manchmal gehen wir auch in den Park oder lassen die Kinder in unserem Garten spielen“, erklärt Pizano. Ein besonderes Highlight seien die Polizeiautos des ansässigen Polizeipräsidiums. „Da staunen und freuen sich die Kinder immer“, sagt Groulard. Gemeinsam schieben sie einen bunten Bollerwagen über den Fußgängerweg. Sechs Kinder finden Platz darin. „Hier gibt es viel Lärm, aber auch viel zu sehen. Polizei und Feuerwehr fahren ständig hier vorbei“, sagt Pizano. Für die Kinder ein tolles Spektakel.

Seit vergangenem Jahr wird die Geräuschkulisse durch Hämmern, Bohren und Maschinenpiepsen ergänzt. In der Nähe der Frankfurt School of Finance & Management wird ein neues Wohnheim für Studierende gebaut. Über 1100 Wohnungen entstehen hier gerade. Dafür braucht es großes Geschütz. Vier Kräne ragen in die Höhe, etliche Arbeiter werkeln auf der Baustelle. Ende 2023 soll es fertiggestellt werden und das Erscheinungsbild maßgeblich ergänzen.

Direkt dahinter verbirgt sich unscheinbar die Sendezentrale des Hessischen Rundfunks. Zehn unterschiedlich große Antennenschüsseln sind auf dem Dach positioniert. Ihrer Funktion gehen sie nahezu geräuschlos nach. Die Stille ist eine willkommene Abwechslung in der sonst so lauten Adickesallee. (Von Tabea Berger)

Praktikantin Tabea Berger warf den Dartpfeil. Foto: Privat
Praktikantin Tabea Berger warf den Dartpfeil. © Privat
Die gelben Narzissen blühen auf dem Grünstreifen.
Die gelben Narzissen blühen auf dem Grünstreifen. © Renate Hoyer
Die Baustelle des zukünftigen Wohnheims mit den Sendern des HR im Hintergrund.
Die Baustelle des zukünftigen Wohnheims mit den Sendern des HR im Hintergrund. © Renate Hoyer
Tugba Korkmaz steht in ihrem Café „Granny’s“ an der Adickesallee, immer mit dabei ihr Hund Paco.
Tugba Korkmaz steht in ihrem Café „Granny’s“ an der Adickesallee, immer mit dabei ihr Hund Paco. © Renate Hoyer

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