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Der Angeklagte (r) spricht im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts (OLG) Frankfurt mit seinem Verteidiger Serkan Alkan.

Prozess

Reiseziel: „Islamischer Staat“

Zeugenaussage eines Polizisten im Mordprozess gegen Taha al J.

Am dritten Verhandlungstag gegen den mutmaßlichen IS-Terroristen und Mörder eines fünfjährigen Mädchens Taha al J. hat am Mittwoch ein Polizist im Zeugenstand Interna über das Reiseverhalten von Gotteskriegern erzählt. Konkret ging es um Jennifer W., die den heute 27 Jahre alten Angeklagten 2015 in Syrien geheiratet hatte.

Im Mai 2018, so der Polizist, hätten sich die Anzeichen gemehrt, dass die immer noch fanatische Frau aus ihrem niedersächsischen Heimatdorf wieder in den Dschihad reisen wollte, wie sie es erstmals 2014 getan hatte – sie war 2016 in der Türkei festgenommen und nach Deutschland abgeschoben worden. So kaufte die Frau diverse Artikel wie teure Smartphones und bot diese im Internet zum Verkauf an, ehe sie auch nur die erste Rate bezahlt hatte – „Kriegsbeute machen“ habe sie diese Art des Power-Shoppings in einem Chat genannt.

Zudem plante W. in jenem Chat auch ganz konkret die Wiedereinreise in die Türkei – gemeinsam mit einer 15-jährigen Österreicherin, die aber noch vor Reiseantritt verhaftet wurde. Der Dritte im Chat allerdings war eine „Vertrauensperson des FBI“ – und die US-amerikanischen Ermittler hielten ihre deutschen Kollegen auf dem Laufenden.

Als Jennifer W. Ende Juni 2018 dann zusammen mit ihrer zweijährigen Tochter wegwollte, holte sie diese Vertrauensperson mit einem verwanzten Auto ab – Jennifer W. hatte extra das Monatsende abgewartet, um auch noch die staatliche Stütze als „Kriegsbeute“ in das Kampfgebiet mitzunehmen.

Kein Geld mehr vom IS

Aus gutem Grund, denn leider, hatte sie im Chat geklagt, zahle die vom Kriegsglück verlassene Terrormiliz ihren Anhängern keine „monatliche Unterstützung“ mehr. Im Auto redete sie sich dann um Kopf und Burka.

Zum einen berichtete sie, welch Erfüllung sie bei ihrer ehemaligen Arbeit als Sittenpolizistin des IS gefunden habe, bei der sie mit Schlagstock und Kalaschnikow einheimische Syrerinnen in Scharia-Modefragen habe beraten dürfen. Zum anderen erzählte sie aber auch, dass in ihrem Haushalt in Syrien „ein kleines Mädchen zu Tode gekommen“ sei. Laut Anklage hatte al J. das jesidische Mädchen, das er mit dessen Mutter auf einem Sklavenmarkt gekauft hatte, aus Verärgerung bei einer Temperatur von 50 Grad im Schatten qualvoll verdursten lassen. Im Auto nannte Jennifer W. das Opfer fast schon liebevoll „unsere kleine Kriegsgefangene“ und kritisiert deren ihrer Meinung nach zu harte Bestrafung durch ihren Ehemann. Es sei „nicht recht“ gewesen, sie „mit der Sonne zu bestrafen“.

Offenbar war selbst die IS-Administration über solche Grausamkeit leicht verärgert gewesen, denn ihr Ehemann sei kurzfristig festgenommen, aber schnell wieder freigelassen worden. Sie hätte sogar in einem Verfahren gegen ihn ausgesagt, erzählte Jennifer W. dem Fahrer, aber davon hätten die Gotteskrieger ihr abgeraten, „sonst würde man ihren Ehemann vielleicht sogar bestrafen – und es sei doch nur eine Sklavin gewesen“. Zu diesem Zeitpunkt waren die romantischen Gefühle für ihren Mann wohl schon verschwunden und hatten blankem Hass Platz gemacht.

Nach der Festnahme bei Ulm fanden die Ermittler in der Wohnung von Jennifer W. Reiselektüre, die sie leider hatte zurücklassen müssen – darunter das „Book of Terror“, Anleitungen für den Nahkampf, zum Bombenbau und für den sachgerechten Umgang mit Chemiewaffen. Und für die Lesepausen etliche IS-Propagandafilme – die meisten davon „Hinrichtungsvideos“.

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