Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Im Grüneburgpark wird das Spazierengehen zu reiner Poesie
+
Im Grüneburgpark wird das Spazierengehen zu reiner Poesie

Buchmesse

Reise mit Kopf und Ohren

Literatur lässt sich in diesen Tagen auch außerhalb der Messe erleben: Der Hörspaziergang „Buchmesse Balado“ führt quer durch die Stadt.

Sie steigt in den Bus und setzt sich, drückt ihre heiße Stirn gegen die kühle Scheibe. (…) Er fährt Richtung Brücke.“ Während ich die ersten Sätze aus dem Roman „Taqawan“ des kanadischen Autoren Éric Plamondon über meine Kopfhörer höre, bin ich in Gedanken schon weit weg – irgendwo in Kanada, einem Land, das ich höchstens aus Literatur und Film kenne. Doch physisch stehe ich auf der Ignatz-Bubis-Brücke, unter mir fließt träge der Main und ich schaue auf die Frankfurter Skyline, die den dunkelgrauen Herbsthimmel zu stützen scheint.

Ich befinde mich an der ersten Station des „Buchmesse-Balado“, einem vom Institut français konzipierten Hörspaziergang, der mich mit französischsprachiger Literatur in den Ohren durch die Stadt bis zur Buchmesse führen soll. Auf einer App ist der Weg gezeichnet, den ich gehen muss und an zwanzig Stationen kann ich mir Hörstücke anhören. Während die literarische Brücke gleich zu Beginn zum diesjährigen Gastland Kanada gebaut wird, begleitet mich in den Ohren die Kulturbeauftragte vom Institut français Frankfurt, Dominique Petre. Sie erzählt von Begegnungen mit bekannten Autor:innen in der Stadt und lässt zahlreiche Anekdoten einfließen. Ich gehe nun am Literaturhaus vorbei, entlang am Mainufer. Vor mir liegen noch rund acht Kilometer Weg und viele ungehörte Worte.

Der Hörspaziergang

„Buchmesse Balado“ ist ein Projekt zur Buchmesse 2021 des Institut français. Das 85minütige Hörprogramm ist auf zwanzig Stationen in der Stadt aufgeteilt. Der Weg ist ca. 8,5 Kilometer lang.

Das Audioprogramm ist über die App „Guidemate“ mit Wegkarte abrufbar. Es ist kostenlos und in deutscher Sprache. App und Infos unter: guidemate.com, institutfrancais.de/frankfurt-am-main

Mit gelesenen Passagen aus dem Roman „Testament russe“ der indisch-französischen Schriftstellerin Shumona Sinha, versuche ich mich von den schönen Worten tragen zu lassen und meine Umgebung ein wenig literarischer wahrzunehmen. Das rote Herbstlaub, die Graffiti-Schriftzüge, die Menschen, die die Kapuzen ins Gesicht gezogen haben. Doch bevor es mir gelingt richtig abzutauchen, biege ich ab zum Dom. Hier falle ich kurz in eine andere Zeit, in das Jahr 1840, dem Jahr, in dem Victor Hugo nach Frankfurt reiste und den Ausblick vom Dom mit „Un ensemble pur et charmant“ beschrieb. Auch Voltaire soll gleich um die Ecke nach einem Streit mit dem zukünftigen Preußenkönig Friedrich II. für kurze Zeit gefangen gehalten worden sein.

Die Gassen der Altstadt sind belebt, ein Straßenmusiker spielt Geige, als würde er bewusst meinen Spaziergang untermalen wollen. Richtung Römer, erfahre ich noch nebenbei, wo der französische Präsident Emmanuel Macron nach seiner Wahl auf dem Rinderfilet mit „la sauce verte“ gegessen hat. Nun muss ich die Tram Richtung Willy-Brandt-Platz nehmen, während ich mit den Ohren in der Pariser Metro sitze. Dann geht mein Weg durch die Gallusanlagen Richtung Alte Oper und ich höre von den Stars der französischen Literaturszene: Michel Houellebecq, Édouard Louis , Leïla Slimani.

Doch während der Kopf davonzureisen scheint, geht der Spaziergang in Frankfurt weiter und führt durch den Rothschildpark bis auf den Campus der Goethe Universität. Die Orte verändern sich im Kopf und gleichzeitig die Stadtansichten und die Menschen um mich herum. Der Übergang von Universität in den Grüneburgpark wird in den Ohren mit der Wissenschaft des Spazierengehens mit Passagen aus „Éloge de la marche“ des Soziologen David Le Breton begleitet:

„Das Gehen ist Öffnung zur Welt. Es versetzt den Menschen zurück in das glückselige Gefühl seiner Existenz.“ Ich konzentriere mich nun ganz auf das Gehen, beobachte die Menschen um mich herum und bin fasziniert wie unterschiedlich sie sich fortbewegen. Schlürfend, in die Pedale tretend, joggend, synchron im Gleichschritt, trippelnd, torkelnd. Was für eine Poesie des Gehens! Mittlerweile befinde ich mich auf dem letzten Drittel des Weges, gehe vorbei am Palmengarten, vorbei am Senckenberg Museum und stehe nach rund drei Stunden Hörspaziergang vor meinem Ziel: den Messehallen. Und hier geht die Reise mit allen Sinnen weiter.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare