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Nach der Wallraff-Reportage in die Kritik geraten: das Klinikum Frankfurt-Höchst.
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Nach der Wallraff-Reportage in die Kritik geraten: das Klinikum Frankfurt-Höchst.

Psychiatrie

Reform der Psychiatrie: „Wir haben einen riesengroßen Aufholbedarf“

  • Jutta Rippegather
    VonJutta Rippegather
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Angehörigenvertreter Manfred Desch fordert im Interview eine Psychiatrie, die auf Kommunikation setzt, und eine Politik für den Menschen.

Die hessische Linksfraktion kritisiert, dass Patient:innen ohne notwendige richterliche Zustimmung fixiert würden. Das Sozialministerium widersprach. Angehörige fordern eine grundsätzliche Reform.

Herr Desch, welche Rolle spielt Fixierung in der Angehörigen-Selbsthilfe?

Angehörige leiden naturgemäß, wenn Partner, Eltern oder Kinder oft unvollkommenen Therapiemethoden ausgesetzt sind. Das belastet, auch weil sie sich zum Ausgleich gedrängt fühlen, dem Betroffenen beizustehen.

Wird in Hessen zu viel fixiert ohne rechtliche Grundlage?

Da habe ich keinen genauen Einblick. Aber Fakt ist, dass jede Fixierung zu einer Traumatisierung führen kann. Insbesondere, wenn keine Nachgespräche stattfinden. Ärzte führen gerne das Beispiel des Patienten unter Drogeneinfluss mit Gewaltneigung an, der von der Polizei eingeliefert wird und von den Pflegern übernommen wird. Einerseits muss der Arzt die Kollegen schützen, andererseits den Patienten therapieren. Leider geht das dann auf Kosten der Freiheit. Zum Glück ist die Fixierung deutlich zurückgegangen. Zwischen den Kliniken gibt es auch deutliche Unterschiede.

Mit Sicherheit spielt die Personalausstattung eine Rolle, oder?

Ja, das hängt stark von der Personalausstattung ab. Und von deren Schulung. Dass sie den Patienten nicht als Gewalttäter sehen, sondern in seiner Not. Wenn er randaliert, hat er möglicherweise Fantasien, dass er verfolgt wird oder Ähnliches. Das bedarf anderer Maßnahmen als Fixieren. Auch das Milieu spielt eine Rolle. Eine Klinik auf dem Land ist mit anderen Patienten konfrontiert als jene, die viele Drogenkonsumenten aus dem Frankfurter Hauptbahnhof behandelt. Wir als Landesverband haben erfolgreich darauf gedrungen, dass Fixierungen eins zu eins begleitet werden. Das alleine hat schon wegen der Personalknappheit dafür gesorgt, dass die Fixierungszahlen gesunken sind.

Zur Person

Manfred Desch setzt sich seit 2014 als Vorsitzender des Landesverbands der Angehörigen zusammen mit dem Vorstandsteam für Ver- besserungen der psychiatrischen Versorgung zur Entlastung der
Familien ein. Weitere Informationen: www.angehoerige-hessen.de

Die Landesregierung kapituliert laut Desch vor der im Koalitionsvertrag vereinbarten Aufgabe, einen flächendeckenden psychiatrischen Krisendienst einzurichten. jur

Vor einigen Jahren hat das Wallraff-Team in einer Undercoverreportage Missstände in der Klinik Höchst aufgedeckt. Hat sich etwas geändert?

Die Probleme waren vorher bekannt. Die Reportage hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Wie wir von Betroffenen hören, hat sich inzwischen einiges geändert. Das Führungspersonal wurde ausgetauscht, wir sind froh über die jetzige Besetzung. Wir schenken der neuen Leitung des Hauses großes Vertrauen. Professorin Roll ist sehr trialogisch orientiert. Aber all das nutzt nichts, wenn es zu wenig Personal gibt und andere einengende Vorgaben.

Sie meinen die im Koalitionsvertrag angekündigte Psychiatriereform, die laut Landesregierung wegen Corona in der Warteschleife liegen geblieben ist. Was hat das für Folgen?

Konkret bedeutet das, dass die aufsuchenden Krisendienste zulasten der Patienten und Angehörigen nicht umgesetzt werden. Viele Patienten verkennen krankheitsbedingt ihre Symptome, denken alle sind gegen sie, fühlen sich verfolgt, haben keine Einsicht, sich in Therapie zu begeben. Aufsuchender Krisendienst arbeitet dagegen, indem er wiederholte Besuche macht, bei denen er Hilfe anbietet. Er soll trialogisch arbeiten.

Manfred Desch. setzt sich als Vorsitzender des Landesverbandes der Angehörigen für Verbesserungen der psychiatrischen Versorgung ein.

Was bedeutet trialogisch arbeiten?

Einbeziehen der Familie und Professioneller, etwa Sozialpädagogen mit Weiterbildung. Die können als neutrale Personen eine durch Emotionen und Unterstellungen belastete Situation in Familien oft auflösen. Trialogisch zu arbeiten ist eher ein Ziel vieler Psychiater als eine Tatsache. Es fehlt ihnen dazu Zeit, Personal, gesetzliche Vorgaben. Trialogisch heißt auch, Angehörige in ihrer Arbeit zu unterstützen. Geschulte Menschen mit Psychiatrieerfahrungen einbeziehen, sogenannte Ex-In.

Was fordern Sie von der Landesregierung?

Die Psychiatrie befindet sich auch in der Krise. Bei der Wiedereingliederung in Beruf und Familie liegen wir bei drei bis fünf Prozent. In Finnland sind es über 70 Prozent. Diese Differenz wird mir damit erklärt, dass wir hier ein anderes System haben. Aber: Werden die Systeme für die Menschen gemacht oder umgekehrt? Wir haben einen riesengroßen Aufholbedarf an Modernisierung. Die Psychiatrie steht in einer Reihe mit verfehlter Klimapolitik. Wir brauchen viel mehr Politik für den Menschen. Ein Anfang wäre ein flächendeckender aufsuchender Krisendienst, trialogisch orientiert und möglichst unter Einsatz von Netzwerkgesprächen. Statt in Defiziten zu denken, sollten Professionelle auf die Ressourcen des Patienten achten. Corona hat doch gezeigt, dass in der Krise der Mensch Kommunikation braucht statt sedierender Medikamente.

Interview: Jutta Rippegather

Wallraff und die Folgen

Im März 2019 strahlt RTL den Beitrag des „Team Wallraff undercover“ über Psychiatrien in Deutschland aus. Unter anderem hat eine Reporterin als Praktikantin in der geschlossenen Station der Psychiatrie des Klinikums Frankfurt-Höchst heimlich gefilmt. Der Bericht zeigt mangelhafte medizinische Betreuung, häufige und lange Fixierungen von Patienten, ruppiges und genervtes Personal. Es ist laut und schmutzig, die Stimmung aggressiv.

Das Klinikum kritisierte die „ausschnittsweise Betrachtung“. Die Darstellung der Arbeit auf der Station sei „stark verkürzt“ und „aus den Zusammenhängen gerissen“.

Die Öffentlichkeit reagierte erschüttert. Psychiatriebetroffene und Angehörige geben zu Protokoll, dass diese Zustände kein Einzelfall seien. Sie fordern mehr Personal, weniger Medikamente und Fixierung nur als allerletztes Mittel. Der Landtag und das Stadtparlament nehmen das Thema auf ihre Tagesordnungen.

Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne) führt Gespräche mit Vertretern der Stadt und des Klinikums. Zehn Tage später teilen sie mit: Ein externer Gutachter untersucht die Station, das Personal wird nachgeschult. Die Räume in dem Gebäude aus den 80er Jahren werden freundlicher gestaltet, Putzintervalle verkürzt. Es wird mehr Platz geschaffen. Der Neubau für die Psychiatrie ist allerdings frühestens in fünf Jahren fertig.

Das Ministerium als Fachaufsicht kündigt monatliche Gespräche mit dem Klinikum an, eine Sichtung der Fixierungsprotokolle.

Bei den Besuchskommissionen setzt Klose die Mindestzahl der Mitglieder nach unten, damit sie endlich ihren Auftrag in Angriff nehmen konnten, den das eineinhalb Jahren zuvor unter seinem Vorgänger Stefan Grüttner (CDU) in Kraft getretene hessische Psychisch-Kranken-Gesetz vorschreibt: In den ersten zwei Jahren mindestens einmal pro Jahr alle psychiatrischen Krankenhäuser aufsuchen, in denen Menschen nach diesem Gesetz untergebracht werden, danach mindestens alle drei Jahre – immer mit Voranmeldung.

Der Frankfurter Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) spricht im September bei der Eröffnung der Psychiatriewoche von einem „Weckruf“. Die Wallraff-Reportage werde zu Änderungen in der psychiatrischen Versorgung in Frankfurt führen. „Wir werden Konsequenzen ziehen und Verbesserungen erzielen.“ Mit einem besseren ambulanten Angebot lasse sich so manche Einweisung in einen Klinik verhindern. Auch bei der Betreuung nach der Krankenhausentlassung bestehe Nachholbedarf. Der „Drehtüreffekt“ sei nicht länger hinnehmbar.

Einige Vorwürfe in der Reportage hätten sich bestätigt, sagt Hans-Joachim Kirschenbauer Mitte September. Der als Berater eingesetzte Psychiater hat sich knapp ein halbes Jahr auf der Station in Höchst umgeschaut und präsentiert seinen Zwischenbericht. Die Chefärzt:innen sollten Patient:innen in die Behandlung einbeziehen. Das Problem der Überbelegung sei schwer zu lösen, weil die Klinik dazu verpflichtet sei, alle aufzunehmen. Nicht bestätigt hätten sich Hinweise auf verwahrloste Patient:innen, mangelnde Hygiene oder unrechtmäßige Fixierungen. Die Freundlichkeit des Personals sei verbesserungswürdig.

Klinikchefin Dorothea Dreizehnter spricht von einer „Chance“, die die motivierte Belegschaft nutzen wolle. Die Aufnahme der eingelieferten Patienten erfolge nicht mehr direkt auf Station D42, sagt sie. Die Sitzwache bei Fixierungen übernehmen ausgebildete Pflegehelfer:innen statt externe Kräfte. Plakate weisen auf Beschwerdemöglichkeiten hin. Es gibt regelmäßige Supervisionen. Andere Verbesserungen seien erst nach Bezug des neuen Gebäudes in fünf Jahren möglich. So fehlen der D42 separate Räume für Ergo- oder Kunsttherapie.

Die stationäre Psychiatrie am Klinikum Frankfurt-Höchst brauche eine kompetente, veränderungswillige Leitung, heißt es im Schlussbericht des Gutachters, der im März 2020 erscheint. Sie benötigt „ausreichende finanzielle wie personelle Resourcen“. Die Corona-Pandemie hat inzwischen Hessen erreicht.

Am 1. November 2020 übernimmt Sibylle Roll die Leitung der Klinik für Psychiatrie. Sie war zuletzt Ärztliche Direktorin des Vitos-Klinikums Rheingau und Klinikdirektorin der Vitos-Klinik Eichberg. Der bisherige Leiter Michael Grube hatte bereits im Juni bekanntgegeben, sich neuen Aufgaben widmen zu wollen.

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