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Rechter Terror als Bühnenstück in Frankfurt

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Von: Pitt von Bebenburg

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Das Frankfurter Theater Landungsbrücken zeigt die Alltäglichkeit und das Schockierende der Prozesse gegen extrem rechte Straftäter. Der Mord an Walter Lübcke und die Terrorplanungen von Franco A. stehen im Mittelpunkt.

Ein Gerichtssaal ist ein seltsamer Ort. Dort werden die ungeheuerlichsten Verbrechen verhandelt, dort werden die gruseligsten Motive ausgebreitet, aber all das geschieht in einer bemerkenswert nüchternen Atmosphäre.

Auch in Prozessen gegen extrem rechte Straftäter wie Stephan Ernst, den Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, oder den Terrorvorbereiter Franco A. Das, was dort verhandelt wurde, hat die Theaterautorin und Regisseurin Marie Schwesinger mitgeschrieben und in die gut anderthalb Stunden eines Theaterstücks gepackt, das am Donnerstagabend erstmals im Frankfurter Theater Landungsbrücken auf die Bühne gebracht wurde.

„Die Tür geht auf, wir stehen auf, die Richter:innen betreten den Gerichtssaal.“ „Setzen Sie sich bitte.“ „Guten Morgen.“ „Guten Tag.“ So alltäglich klingt das, was Schwesinger in Frankfurter Gerichtssälen notiert hat. Doch dann folgen die lange Liste der rechtsextrem motivierten Straftaten des Stephan Ernst, die Erwähnung einer „Zyklon- B“-Dose als Stiftehalter auf dem Tisch seines Mitangeklagten Markus H. und die schockierenden antisemitischen und neonazistischen Sätze aus der Abschlussarbeit von Franco A. Es fällt auch der Satz des Angeklagten: „Adolf Hitler steht über allem.“

Das ist in der Verdichtung des Theaters fast noch schwerer zu ertragen als an den endlosen Prozesstagen. Die Besucher:innen zeigen sich beeindruckt – wobei viele von ihnen solche Sätze wiedererkennen. Denn zur ausverkauften Frankfurt-Premiere sind etliche Journalist:innen gekommen, die aus den Prozessen berichtet haben. Im Auditorium sitzen auch der Vorsitzende des Staatsschutzsenats am Oberlandesgericht Frankfurt, Christoph Koller, die Anwältin Seda Basay-Yildiz, die Erfahrungen mit rechtsextremen „NSU 2.0“-Drohschreiben machen musste, und der PR-Fachmann Dirk Metz, der mit der Familie von Walter Lübcke befreundet ist und ihr bei der Öffentlichkeitsarbeit zur Seite stand.

Aufführungen

Am heutigen Samstag wird das Stück „Werwolfkommandos. Rechter Terror vor Gericht“ erneut im Theater Landungsbrücken (Gutleutstraße 294) gezeigt. Beginn ist um 19 Uhr. An einem anschließenden Publikumsgespräch nehmen Liisa Pärssinen (Beratungsstelle Response) und Katrin Bennhold (New York Times) teil.

Weitere Aufführungen gibt es in der nächsten Woche am 3. und 4. November, jeweils um 20 Uhr. pit

Der Kontrast zwischen dem unfassbaren Schrecken und der alltäglichen juristischen Bewältigung spiegelt sich in der Inszenierung, an der Fabiola Eidloth und Julia Just (Konzept und Dramaturgie) mitgewirkt haben. Die beiden Schauspielerinnen (Anabel Möbius und Rosanna Ruo) und die beiden Schauspieler (Nicolai Gonther und Florian Mania), alle vier in schwarzen Hosen und in weißen Hemden oder Blusen gekleidet, treten als Individuen in den Hintergrund. Sie sind in Bewegung, ohne sich auf eine bestimmte Rolle festlegen zu lassen. Sie lassen die Sätze der Angeklagten, Verteidiger:innen, Staatsanwält:innen, Richter:innen durch den Raum schwirren, manchmal dramatisch zugespitzt auf einige Sätze, die von allen im Chor gesprochen werden.

Schwarz ausgekleidet ist der große Raum der Landungsbrücken, am Ende werden dort weiße Zettel hängen, handbeschrieben mit Merkposten zum Fall Franco A., um nicht die Übersicht zu verlieren: der falsche Name des Soldaten, mit dem er sich als Flüchtling ausgab, der Name des Wiener Flughafens, auf dem er eine Waffe versteckt hatte, oder die Namen der rechten Organisationen, zu denen er Verbindungen pflegte.

Vieles, was an diesem Abend vorgetragen wird, entspringt einer nüchternen Dokumentation. Umso wirkungsvoller kommt eine Botschaft an: die Verwunderung darüber, dass die Angeklagten als Einzeltäter behandelt werden, als hätten sie ohne jede Vernetzung in der rechtsextremen Szene handeln können.

„Und ich frage mich: Wie plant man denn einen Terroranschlag allein?“, diese Worte ziehen sich wie ein roter Faden durch den Abend. Schon früh hat das Stück in diese Richtung gedeutet. Mit einem Satz, der Beobachter:innen von Prozessen gegen extrem rechte Angeklagte vertraut vorkommt: „Es geht hier um den Angeklagten, nicht um irgendwelche Netzwerke.“

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