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Die Anteilnahme ist auch Tage nach der Tat groß.

Tod am Gleis

Toter Junge am Frankfurter Hauptbahnhof: Einig in Trauer und Hilflosigkeit

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  • Jutta Rippegather
    Jutta Rippegather
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Nach dem gewaltsamen Tod des Achtjährigen werden weitere Details über den Tatverdächtigen Habte A. bekannt. 

Der Mann streckt die Hand mit dem Zeigefinger aus. „Da ist es passiert.“ Seine drei Kinder schauen ratlos. Die Mutter hält die Hand vor den Mund. Einen Meter daneben steht eine ältere Frau mit gefalteten Händen und betet. Ihr Blick ruht auf der mit schwarz-gelbem Band abgesperrten Fläche zwischen Gleis 7 und 8, auf der Menschen alle paar Minuten Blumen oder Kuscheltiere niederlegen, Kerzen anzünden.

Ein Mann hat am Montag einen achtjährigen Jungen und seine Mutter auf Gleis 7 gestoßen. Das Kind starb, die Mutter konnte sich retten. Eine 78 Jahre alte Frau, die der Täter ebenfalls auf die Gleise stoßen wollte, wehrte sich erfolgreich, stürzte und kam mit einer Schulterverletzung davon.

Das hat den Betrieb des Frankfurter Hauptbahnhof nachhaltig aus dem Takt gebracht. Die Menschen, scheint es, wollen nicht zur Normalität zurückkehren. Solange dem so ist, bietet die Deutsche Bahn ihnen zwischen Gleis 7 und 8 einen Ort des Gedenkens. Einen Flecken, wo der Reisetrubel Pause macht, Hektik und Lärm in den Hintergrund treten. Erwärmt von den vielen Kerzen und Menschen, die etwas niederlegen oder einfach nur innehalten. Um zu weinen, zu beten, zu schweigen oder mit anderen über das zu reden, für das es keine Worte gibt.

„Ich bekomme Gänsehaut, mir ist ganz schlecht“, sagt eine Frau aus Polen, die ihre Eltern in Frankfurt besucht. Sie sei selbst oft mit ihrem Kind am Frankfurter Hauptbahnhof gewesen. „Ich habe jetzt Angst, wenn er Zug fährt.“ Sie werde ein paar Kerzen und Blumen kaufen, das sei in ihrem Land Tradition. „Das hat Frau Merkel nun davon mit den Flüchtlingen“, sagt die Polin mit Blick darauf, dass der tatverdächtige Mann aus Eritrea stammte. Doch dann überlegt sie es sich anders: „Auch bei uns gibt es schlechte Menschen.“

Reisende auf ihren Wegen halten inne.

Medien tragen in den Tagen nach der Tat etliches über den 40-jährigen Habte A. zusammen, der die Tat begangen haben soll. Er lebte demnach seit 2006 in der Schweiz, galt dort als sehr gut integriert, ist verheiratet und hat drei Kinder von einem, drei und vier Jahren. Er lebte im Kanton Zürich, arbeitete zunächst als Bauschlosser in Aarau und verlor nach einigen Jahren seine Arbeit. Seit 2017 war er bei den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) angestellt.

Einmal wurde er sogar interviewt, als leuchtendes Beispiel für Integration. In dem Gespräch sagte Habte A. damals über die Schweiz: „Mir gefällt, dass hier jeder Hilfe bekommt, egal ob er arm oder reich ist.“ Dies sei eben „die erste Welt“.

Habte A. galt als unauffällig, lebte eher zurückgezogen. Der Schweizer Zeitung „Blick“ sagte ein Kollege von ihm: „Ich kann es gar nicht glauben, er war immer so ein ruhiger und korrekter Typ. Wir haben uns immer am Bahnhof in Wädenswil getroffen, um zusammen etwas zu trinken.“

Erst zu Beginn dieses Jahres zeigten sich Anzeichen psychischer Probleme. Habte A. wurde krankgeschrieben und psychiatrisch behandelt, wie die Kantonspolizei Zürich berichtete. Er soll sich von seiner Umgebung verfolgt und bedroht gefühlt haben. Am Donnerstag vor einer Woche ging der 40-jährige Mann dann auf seine Nachbarin los, bedrohte sie mit dem Messer und sperrte sie zusammen mit seiner Ehefrau und den drei Kindern in ihren Wohnungen in Wädenswil ein.

Polizeibeamte befreiten die Eingesperrten. A. aber war geflohen und wurde landesweit zur Fahndung ausgeschrieben. Der 40-Jährige flüchtete via Basel nach Deutschland.

Nach der Tat in Frankfurt rannte er aus dem Hauptbahnhof, wurde aber von Augenzeugen verfolgt und gestellt. Die Polizei konnte ihn festnehmen.

Manche legen Blumen nieder.

Am Freitag, vier Tage nach der Tat, schweigt der mutmaßliche Täter weiterhin. „Der Beschuldigte hat sich bislang weder zu seinem Motiv noch zu seinen Beweggründen, nach Frankfurt zu reisen, geäußert“, sagt die Sprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft, Nadja Niesen, auf Anfrage. Ein Sachverständiger sei mit der Erstellung eines psychiatrischen Gutachtens beauftragt.

Über die Opfer wird weit weniger bekannt als über den mutmaßlichen Täter. Ein angebliches Bild des Jungen, das im Internet kursiert, erweist sich als Fälschung. Die 40 Jahre alte Mutter und ihr Achtjähriger sind im Hochtaunuskreis zu Hause. Sie waren nach Medienberichten auf dem Weg in den Urlaub nach Österreich, als sie an Gleis 7 auf den Zug warteten. Die zwölfjährige Schwester des getöteten Jungen soll zur selben Zeit im Auto der besten Freundin ihrer Mutter in Richtung des österreichischen Urlaubsziels gefahren sein. An einer Autobahnraststätte soll ihnen von Polizisten und Seelsorgern die Schreckensnachricht überbracht worden sein.

Der Politikbetrieb befindet sich mitten in den Sommerferien, doch Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) hat für den Montag ohnehin einen Pressetermin zur Sicherheit im Frankfurter Bahnhofsviertel angesetzt. Eigentlich soll es um den Ausbau der Videoüberwachung gehen, aber nun steht ein ganz anderes Thema im Mittelpunkt – die Gewalttat an Gleis 7. Beuth, trotz sengender Hitze in Anzug und Krawatte erschienen, sagt in die Kameras, die Tat mache ihn „sprachlos“. Dann findet er doch Worte. „Wir sind den couragierten Bürgern dankbar, die durch ihr beherztes Eingreifen dafür gesorgt haben, dass wir den Täter stellen können“, sagt der Minister, um korrekt hinzuzufügen: „den mutmaßlichen Täter“. Denn während in den Medien und vor allem den sozialen Netzwerken längst hochemotional über den Mann, seine Nationalität und die Rolle der deutschen Flüchtlingspolitik diskutiert wird, ist Habte A. rechtlich nur ein dringend Tatverdächtiger.

Die Journalisten wollen wissen, ob mehr und bessere Videokameras im aktuellen Fall geholfen hätten. Die Antwort liegt auf der Hand: nein. Beuth formuliert vorsichtiger: „Ich bin mir nicht sicher, ob Videoüberwachung in einem solchen Fall geeignet wäre, etwas zu verhindern.“

Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) wird noch deutlich: „Ich fürchte, die absolute Sicherheit gibt es an dieser Stelle nicht“, sagt er im Fernsehsender RTL. Ihm sei bei der Nachricht „sprichwörtlich wirklich das Herz stehengeblieben“. Al-Wazir ist Vater von zwei Kindern im schulpflichtigen Alter. Mit denen sei er manchmal mit dem Zug unterwegs. „Man stellt sich das vor, und es ist erst mal ein Punkt, an dem man einfach innehalten und trauern muss. Und das meine ich sehr ernst – wirklich trauern.“

In Berlin allerdings herrscht angesichts der Tat politischer Alarm. Innenminister Horst Seehofer (CSU) unterbricht seinen Sommerurlaub und beruft eine Krisensitzung der Sicherheitsbehörden ein. Am Dienstag verkündet der CSU-Mann, er wolle die Bundespolizei bis 2025 um 11 300 Stellen aufstocken.

Drei Tage später geht er noch einen Schritt weiter. Im „Spiegel“ kündigt Seehofer an, Kontrollen an der Grenze Deutschlands zur Schweiz einführen. Er spricht von „erweiterter Schleierfahndung und anlassbezogener, zeitlich befristeten Kontrollen auch unmittelbar an der Grenze“.

In Berlin hat zu diesem Zeitpunkt längst eine politische Kampagne von rechts begonnen, die eine Verbindung von der Nationalität des Habte A. zur Zuwanderungspolitik der Bundesregierung zieht. „Ohne Grenzsicherung wird sich gar nichts ändern“, sagt Gottfried Curio, der innenpolitische Sprecher der AfD. Alice Weidel, Fraktionschefin der AfD im Bundestag, hatte wenige Stunden nach der Tat getwittert: „Schützt endlich die Bürger unseres Landes – statt der grenzenlosen Willkommenskultur!“ In den sozialen Netzwerken und auch auf der Sraße, am Rande bei einer Gedenkversammlung direkt vor dem Bahnhof am Dienstagabend, entbrennt daraufhin eine unbarmherzige Debatte. Sie dreht sich nicht nur um Hass und Gewalt – sie ist selbst von Hass und Rassismus geprägt.

Auch Mitarbeiter der Deutschen Bahn bekommen fremdenfeindliche Töne zu hören. Vier Leute sind es, die das Unternehmen am Freitag für den Ort des Gedenkens am Hauptbahnhof abgestellt hat. Zwei sind für Sicherheit zuständig, schließlich brennen hier Kerzen. Die anderen beiden gehören zum Care-Net-Team der Bahn. Das sind freiwillige Mitarbeiter, die für die Betreuung von Reisenden bei schweren Zugunglücken ausgebildet sind.

„Die Leute wollen reden“, sagt einer von ihnen der Frankfurter Rundschau, seinen Namen darf er nicht nennen. Ihre Aufgabe sei vor allem das Zuhören, bei Bedarf könnten sie auch psychologischen Beistand zurate ziehen. Die Situation sei auch für sie persönlich belastend. „Es gibt sehr traurige Gespräche.“

Ob schwarz oder weiß, alt oder jung, arm oder reich, Anzugträger oder Junkie: Zwischen Gleis 7 und Gleis 8 sind alle in ihrem Schock, ihrer Trauer, ihrer Ratlosigkeit für einen Augenblick gleich. „Die Leute hier kommen aus allen Schichten, allen Nationalitäten.“ Und ganz viele haben das große Bedürfnis, etwas niederzulegen. Irgendetwas Gutes zu tun.

Auf einer Internetplattform wird Geld gesammelt für die Familie des Todesopfers. Bis Freitag hätten mehr als 1800 Menschen gut 50 000 Euro gespendet, teilen die Initiatoren auf Anfrage mit.

Am Tatort wird das Mitgefühl ganz unterschiedlich ausgedrückt. Am Geländer hängen ein Eintracht-Schal und eine graue Kinderjacke. Keiner weiß, was es damit auf sich hat. Ein Kind hat dem toten Jungen einen Brief mit drei Herzen geschrieben: „Ich bin auch acht Jahre alt, ich denke an dich.“ Jemand hat ein Donald- Duck-Heft auf einen Strauß roter Rosen gelegt. Ein anderer ein Glas von McDonald’s. Es gibt Bälle, Spielzeug – und immer wieder Zettel mit der Frage „Warum?“.

Eine ältere Frankfurterin ist auf dem Weg in den Süden. Ihren Mann hat sie mit den Koffer auf Gleis 5 vorgeschickt, will noch ein Foto von dem rund drei mal zehn Meter großen Ort des Gedenkens machen, den die Deutsche Bahn so lange zur Verfügung stellen will, wie der Bedarf da ist. Vorhin, als sie an der einfahrenden U-Bahn entlangging, habe sie erst wieder an das Unglück gedacht und ein wenig Angst bekommen, sagt die Frankfurterin. „Das steckt einem noch in den Knochen.“

Was am Hauptbahnhof auffällt: dass mehr Polizei und Sicherheitsleute Patrouille laufen. Das Schienenunternehmen selbst will sich wegen der laufenden Debatte nicht äußern.

Doch absoluter Schutz ist Experten zufolge nicht möglich. Zu viele Bahnhöfe existieren in Deutschland, zu viele verschiedene Zugtypen sind unterwegs. Überall kann etwas passieren. Und in allen Kulturkreisen gibt es psychisch kranke Menschen, die in ihrem Wahn unerklärliche Dinge tun.

Viele Reisende, die am Freitag zwischen Gleis 7 und Gleis 8 innehalten, denken an die Familie. Wie mag es der Mutter gehen? War sie vielleicht schon hier? Wird sie die abgelegten Briefe erhalten, die Geschenke? Antworten auf diese Fragen gibt es an diesem Ort nicht. Doch sie helfen, die Sprachlosigkeit zu überwinden.

Und dann, dann geht jeder wieder seiner Wege im Frankfurter Hauptbahnhof.

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