+
Helfen Mietern in Not: Jürgen Hees, Joachim Bürgel und Holger Poppendörfer (von links).

Wohnungslosigkeit

Den Rausschmiss verhindern

  • schließen

Wer Mietschulden anhäuft, kann seine Wohnung verlieren. Die Beratungsstelle „Hilfen zur Wohnungssicherung“ berät Mieter, damit sie nicht aus ihrem Zuhause fliegen.

Der Zettel ist quadratisch und etwas größer als eine Hand, der Rand ist rot eingefärbt. In fetten Lettern steht eine Botschaft darauf. „Mietschulden? Kündigung? Räumungsklage? Zwangsräumung? Warten Sie nicht, kommen Sie zu uns!“ Wenn gar nichts anderes hilft, schieben die Sozialarbeiter einfach diesen Zettel unter der Wohnungstür durch. Selbst Menschen, die ihren Briefkasten nicht mehr leerten, falle dieses ungewöhnliche Flugblatt sofort auf, sagt Joachim Bürgel. „Das Ziel ist immer, dass die Menschen zu uns kommen und wir alles besprechen können.“

Joachim Bürgel und Jürgen Hees leiten eine besondere städtische Beratungsstelle. „Hilfen zur Wohnungssicherung“ heißt die 29 Mitarbeiter starke Arbeitsgruppe im Sozialrathaus Gallus, die in ganz Frankfurt Mieter berät, die vom Verlust ihrer Wohnung bedroht sind. Egal ob nur Schulden beim Vermieter bestehen oder schon eine Zwangsräumung angesetzt ist – in vielen Fällen kann noch verhindert werden, dass die Menschen ihr Zuhause verlieren.

Verbessertes Hilfenetz

Früher wurde den Betroffenen in allen Sozialrathäusern der Stadt geholfen, 2012 wurde die Beratung im Gallusviertel zentralisiert. Einer der Anlässe dafür sei damals der Tod einer obdachlosen Frau gewesen, sagt Holger Poppendörfer, Leiter des Sozialrathauses Gallus. „Da hat man überlegt, wie man das Netz enger spinnen kann, damit keiner mehr durchfällt.“ Und seit 29 Sozialarbeiter und Verwaltungsfachleute sich nur mit Wohnungssicherung beschäftigten, gelinge die Arbeit besser, sagt Poppendörfer. „Seit wir zentralisiert haben, ist das Hilfenetz viel besser geworden. Früher hätten wir das in dieser Intensität nicht leisten können.“

Es gibt unterschiedliche Wege, wie die Betroffenen in die Beratung kommen. Manche kennen das Angebot oder werden von anderen Hilfestellen geschickt. Manche Wohnungsbaugesellschaften legen inzwischen gleich ein Flugblatt bei, wenn sie etwa eine Kündigung aussprechen. Meist kämen die Betroffenen dann in die offene Sprechstunde und ihr Fall werde zunächst einmal geprüft, erklärt Jürgen Hees. Mitarbeiter schauten sich den Mietvertrag und das Einkommen der Mieter an. Oft genüge es dann schon, dass die Miete in Zukunft direkt von der Rentenkasse oder vom Sozialamt an den Vermieter überwiesen würde.

Wenn schon eine Räumungsklage vorliege oder die Räumung der Wohnung bereits angesetzt sei, gebe es oft immer noch die Möglichkeit, die Mietrückstände zu zahlen. Dazu vergibt die Beratungsstelle zinslose Darlehen, um Zwangsräumungen abzuwenden. Insgesamt 2,1 Millionen Euro hat die Stadt im vergangenen Jahr dafür ausgegeben – gut investiertes Geld, denn Wohnungslose unterzubringen, ist um ein Vielfaches teurer. Soweit möglich, fordern die Mitarbeiter das Geld hinterher von den Mietern zurück.

Weniger Zwangsräumungen

Manche Beratungsfälle sind aber auch komplexer, wenn Mieter etwa den drohenden Wohnungsverlust verdrängen oder vor ihrer Familie verbergen – oder wenn es Probleme mit Schulden oder psychischen Erkrankungen gibt. Dann kommen Joachim Bürgel und sein Team von Sozialarbeitern ins Spiel. Sie machen zum Beispiel Hausbesuche, wenn sie vom Gerichtsvollzieher über eine drohende Zwangsräumung informiert wurden – und müssen teils echte Überzeugungsarbeit leisten, damit die Betroffenen sich helfen lassen. „Was manchmal fehlt, ist das Verständnis, dass wirklich etwas droht“, sagt Bürgel. Es gebe auch Fälle, in denen Vermieter eine Räumungsklage nur zurückzögen, wenn die Mieter zu einer Schuldenberatung gingen oder ihre Wohnung entmüllten.

Die Arbeit des Teams scheint sich zu lohnen: 10 000 Vorsprachen gibt es im Jahr, 2611 Fälle wurden im vergangenen Jahr intensiver bearbeitet. Und dabei konnten 1676 Wohnungen gerettet werden. Insgesamt hat sich die Zahl der Zwangsräumungen in Frankfurt von 808 im Jahr 2012 auf 478 im Jahr 2018 beinahe halbiert. Die Arbeit sei daher sehr befriedigend, sagt Jürgen Hees, „Es ist eine Stelle, wo man sehr schnell Erfolge sieht.“ Holger Poppendörfer nickt. „Es gibt kaum einen Bereich, wo man so schnell Gutes tun kann.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare