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Eine Ikone der Romantik ist „Der Abendstern“ von Caspar Davids Friedrich, der ebenfalls zu sehen sein wird.

Romantik in Frankfurt

Raum zum Staunen, Studieren und Träumen in Frankfurt

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Das künftige Deutsche Romantikmuseum ist im Rohbau vollendet, aber bis zur Eröffnung muss das Publikum auf das Jahr 2021 warten.

Der Dichterfürst aus Frankfurt hegte anfangs ein durchaus zwiespältiges Verhältnis zu den jüngeren Kolleginnen und Kollegen der Romantik. Das Romantische sei das Kranke, raunte Goethe seinem Vertrauten Johann Peter Eckermann zu, das Klassische dagegen das Gesunde. Später, im Jahre 1827, kam er zu dem sanfteren Urteil, es sei „Zeit, dass der leidenschaftliche Zwiespalt zwischen Classikern und Romantikern sich endlich versöhne“.

Genau diesen Versuch unternimmt das künftige Deutsche Romantikmuseum in Frankfurt, dessen Rohbau in den zurückliegenden Jahren am Großen Hirschgraben gewachsen ist. In wenigen Tagen wird die städtische ABG Holding das Bauwerk an das Museumsteam unter der Leitung von Anne Bohnenkamp, der Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts, übergeben.

Bohnenkamp präsentierte jetzt das Konzept des neuen Hauses, das im Jahre 2021 seine Pforten öffnen wird. Einen genauen Termin kann oder will die Literaturwissenschaftlerin nicht nennen vor dem Publikum, das den Saal des Goethemuseums füllt.

Für Bohnenkamp ist Goethe längst ein „entscheidender Inspirator für die Romantiker“, ihre „Vaterfigur“. In ihrem neuen Museum will die Wissenschaftlerin letztendlich belegen, dass Goethe ein Teil der romantischen Bewegung war.

Eine der vielen seltenen Handschriften, die zur größten Romantik-Sammlung der Welt gehören. Goethe-Museum

Architekt Christoph Mäckler, der unter den Zuhörern sitzt, hat entlang des Hirschgrabens drei Gebäude strukturiert, analog zur kleinteiligen Baustruktur entlang der Straße im Herzen der Innenstadt. Das neue Haus schließe eine Lücke in der deutschen Museumslandschaft, sagt Bohnenkamp: „Es gibt viele kleine Gedenkstätten, aber kein eigenes Museum für Romantik.“

Die Grundlage des neuen Museums ist die weltweit größte Sammlung von Handschriften der Romantik und ihrer Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Das 1859 gegründerte Freie Deutsche Hochstift in Frankfurt begann schon Anfang des 20. Jahrhunderts, erste Manuskripte zu sammeln, damals waren es Schriften der Familie Brentano.

Der heutige kleine Rosengarten im Inneren des Quartiers wird künftig Romantikgarten heißen. Das Goethehaus bekommt einen besseren Zugang. Es entstehen neue Räume für die Museumspädagogik, im Erdgeschoss sind künftig Wechselausstellungen zu sehen.

Das Herz des Museums schlägt aber auf den drei Etagen der Dauerausstellung. In 35 Stationen mit originalen Manuskripten und vielen anderen Objekten gliedert sich die Schau. „Raum zum Staunen, Studieren und Träumen“ erhofft sich die Direktorin. In der ersten Etage geht es um „das Scharnier zwischen Goethe und den Romantikern“ in der Phase zwischen 1750 und 1789.

Die dreigegliederte Fassade entlang des Großen Hirschgrabens.

Im zweiten Geschoss findet sich der „Aufbruch in die Romantik“ in den Jahren 1790 bis 1813, in der dritten Etage schließlich ist die „Ausbreitung der Romantik“ in der Zeit von 1814 bis 1859 zu erleben. Viele originale Manuskripte werden zu sehen sein, aber auch Bücher, Gemälde, Gebrauchsgegenstände. Immer wieder wird es um die Suche gehen als einem Grundmotiv der romantischen Dichterinnen und Dichter, die Beschwörung einer „romantischen Utopie“.

Das Schwierige wird sein, das „ganz heterogene Publikum“ zu erreichen, dass die Direktorin Anne Bohnenkamp erwartet. Es reicht vom japanischen Touristenehepaar bis zum deutschen Literaturwissenschaftler. Die Lösung soll in einer Mischung liegen: zwischen den Gemälden des großen Caspar David Friedrich („Der Abendstern“, 1830 bis 1835), den Büchern von Clemens Brentano („Des Knaben Wunderhorn“) und der Handtasche von Bettine von Arnim.

Eine große Landkarte will dem Publikum dabei helfen, die Wirkung der Romantiker in Deutschland zu verfolgen: Wer lebte und arbeitete wann und wo?

Die Beschwörung einer romantischen Utopie: Das könnte den Nerv einer Gegenwart treffen, die von Zukunftsängsten und Endzeitpanoramen geprägt ist. Nun ist Frankfurt im kollektiven Gedächtnis nicht gerade als Ort der Romantik verankert. Bohnenkamp zählt die Städte auf, mit denen man konkurrieren muss: Jena, Heidelberg, Dresden, Berlin. Die Direktorin will Frankfurt in dieser Rangfolge der Romantik-Orte etablieren.

Deutscher Mondschein: Das Gemälde von Carl Gustav Carus aus dem Jahr 1833 wird im neuen Haus zu sehen sein.

Das Team mit der Literaturwissenschaftlerin an der Spitze hat die Entwurfsplanung für das Museum abgeschlossen und macht sich jetzt an die konkrete Ausgestaltung der Museographie. Es hat Rückschläge gegeben. Der Rohbau hätte bereits vor einem Jahr abgeschlossen sein sollen. Doch der ABG gelang es nicht, diesen Terminplan einzuhalten. Dass die Bauwirtschaft in ganz Deutschland derzeit völlig überlastet ist, dass Material und Arbeiter schwer zu bekommen sind, bekam auch diese Großbaustelle zu spüren. Schadstoffe wie Asbest in der früheren Bausubstanz aus den 1950er Jahren waren umfangreicher und schwerer zu entsorgen als erwartet.

Bohnenkamp ist entschlossen nicht zu klagen, sondern nach vorne zu schauen. Sie hat alle Krisen gemeistert, auch die Phase, in der das Museum überhaupt zu scheitern drohte, weil die Stadt Frankfurt zunächst kein Geld dafür hergeben wollte. Land und Bund gaben Zuschüsse, am Ende vermied auch die Stadt Frankfurt eine öffentliche Blamage und stieg in die Finanzierung ein. Am 11. September 2017 wurde Richtfest gefeiert – danach begann für das Publikum und das Museumsteam das große Warten.

Mehr als zwei Jahre später will die ABG jetzt den Rohbau übergeben. Für die Wissenschaftler wartet in den nächsten anderthalb Jahren die schwierige Aufgabe, einen Spannungsbogen bis zu einer Eröffnung aufrechtzuerhalten, die noch immer nicht terminiert ist. Bohnenkamp macht auch unmissverständlich klar, dass die Finanzierung des Hauses gleichsam eine Daueraufgabe bleibt: „Wir sammeln weiter Spenden.“

Erst 2018 ist mit vereinten Kräften eine spektakuläre Neuerwerbung für das künftige Haus gelungen: Robert Schumanns handschriftliche Entwürfe für seine „Szenen zu Goethes Faust“ konnten bei einer Auktion in Paris erworben werden. Öffentliche Stiftungen, aber auch private Förderer wie der Frankfurter Bankier Friedrich von Metzler wirkten zusammen.

Das freut Literaturwissenschaftlerin Bohnenkamp, und sie bleibt optimistisch. Sie plant als Nächstes eine Publikation zu den romantischen Orten in Deutschland, zu denen dann natürlich auch Frankfurt zählen soll. Klassik und Romantik bleiben für sie „eng verbundene Varianten einer Epoche“. Das ist dann die Versöhnung, auf die Goethe gezielt hatte.

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