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Rauchschwaden aus dem Orient

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Von: Stefan Behr

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Frankfurt 20.4..20AUFLÖSUNG Bilderrätsel Villa im Orientalischen Stil auch als Maurisches Haus bezeichnet am Cityring, Eschenheimer Anlage, Ecke Blumenstraße Eingang ist Blumenstraße 2
Frankfurt 20.4..20AUFLÖSUNG Bilderrätsel Villa im Orientalischen Stil auch als Maurisches Haus bezeichnet am Cityring, Eschenheimer Anlage, Ecke Blumenstraße Eingang ist Blumenstraße 2 © Monika Müller

Frankfurter Merkwürdigkeiten Viele Legenden drehen sich um das „Maurische Haus“

Das Haus ist ein Rätsel. Oder eher eine Sphinx. An der architektonisch sonst eher unverdächtigen Ecke Eschenheimer Anlage/Blumenstraße wirkt es so befremdlich wie die Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe zu Gast im Blauen Bock. Zwei Miniatur-Minarette, Bogenfenster und exotische Ornamente wecken im ungewarnten Betrachter eine tiefe Gottesfurcht und den Gedanken „Allmächtiger! Was ist denn das?“ Das ist das „Orientalische Haus“, auch „Maurisches Haus“ genannt. Die alten Frankfurter:innen nannten es ehedem „Türkenhaus“, aber da wäre heute wohl was los!

Es gibt eine Legende zum Haus. Die geht so: Ein reicher Frankfurter reiste einst nach Ägypten, verliebte sich in eine Schönheit vom Nil, nahm sie zu seinem Weibe und mit nach Hause. Damit sie sich am Main heimisch fühle, baute er ihr das Morgenlandhaus, verschuldete sich damit über beide Ohren und brachte sich dann um, woraufhin die Witwe wieder gen Nil abdampfte.

Vermutlich ein Ammenmärchen. Zwar ist der Suizid aus Liquiditätsmangel in der Messemetropole durchaus Folklore, aber Romantik und Empathie liegen eher nicht in der Frankfurter DNA. Aber schweineteure Immobilien in die Landschaft bauen und mit Mordsprofit weiterverscherbeln: Frankfodderischer geht’s gar nicht!

Fest steht jedenfalls, dass das Haus 1857 vom Frankfurter Maurermeister Johann Friedrich Weinsperger gebaut wurde, von dem nicht bekannt ist, dass er irgendwas mit dem Orient am Hut gehabt hätte.

Bekannt ist auch, dass der Bauherr sich dafür 18 000 Gulden bei der Senckenbergischen Stiftung pumpte. Und dass er selbst drei Jahre dort hauste, ehe er das Haus 1860 dem Kaufmann Nikolaus Wilhelm Brückner verkaufte. Diese Methode des „Trockenwohnens“ war damals bei Bauherren schwer in Mode. Und Brückner hatte sich zuvor zwar nicht im Orient, aber immerhin in England ’rumgetrieben, wo der orientalisierende Historismus zu dieser Zeit „state of the art“ war.

So ganz klären lassen wird sich die Geschichte des Orientalischen Hauses wohl nicht mehr, die dafür notwendigen Dokumente wurden im Zweiten Weltkrieg ein Raub der Flammen. Wenn man sich heute das Haus aber so anguckt und sich wundert, dann kommt einem noch eine andere mögliche Erklärung in den Sinn.

Tabak war im 19. Jahrhundert ein ziemlich teures Luxusgut. Um es erschwinglicher zu machen, streckten viele Raucher es mit Hanf, der zudem interessante mentale Nebenwirkungen mit sich brachte. Der Volksmund nannte diese Tabak-Hanf-Mischung damals „Knaster“, „starker Tobak“ – oder auch „Orient“. Und so manch Tabakdöschen zierten einst die Sinnsprüche „Rauch nit zuviel Orient, weil Dich sonst der Schädel brennt“ oder „Misch nicht Orient mit Bier, sonst werden Deine Träume wirr“.

Vielleicht hat Johann Friedrich Weinsperger einfach zu viel geraucht.

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