AWO-Affäre in Frankfurt

Ratlosigkeit im Konferenzraum 6

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
    schließen

Für die AWO-Bundesspitze ist der Widerstand der Frankfurter Funktionäreein Problem. Es überschattet den 100. Geburtstag der Wohlfahrtsorganisation.

Wilhelm Schmidt wirkt angeekelt von der gesamten Situation. Als sich die Fotografen im völlig überfüllten kleinen Konferenzraum 6 des Vier-Sterne-Hotels auf ihn stürzen, sagt der Vorsitzende des Bundespräsidiums der Arbeiterwohlfahrt (AWO): „Wir sind hier nicht für eine Show, sondern für Arbeit!“ Schmidt berichtet vom „großen Festakt zum 100-jährigen Jubiläum“ der Arbeiterwohlfahrt am letzten Wochenende in Berlin – den haben die Kreisverbände Frankfurt und Wiesbaden der AWO gründlich verdorben.

Am 13. und 14. Dezember 1919 hatte der Parteiausschuss der SPD damals beschlossen, eine eigenständige sozialdemokratische Wohlfahrtsorganisation zu gründen. Das sollte in Berlin gefeiert werden – doch schon dort musste Schmidt unangenehme Fragen beantworten.

„In der Regel“, sagt der oberste Repräsentant der AWO und wirkt dabei hilflos, in der Regel funktioniere das System AWO in Deutschland. Mehr als 400 Kreisverbände zählt die Wohlfahrtsorganisation in Deutschland – doch Frankfurt und Wiesbaden ragten negativ heraus.

Vor zwei Jahren beschloss die Arbeiterwohlfahrt für sich einen neuen „Governance Kodex“ – gegen alle wichtigen Vorschriften ist wohl in Frankfurt und Wiesbaden verstoßen worden. „Wir setzen sehr auf diesen Wertekanon“, sagt der Vorsitzende des Bundesvorstandes, Wolfgang Stadler. Zum Beispiel angemessene Gehälter, „Trennung von Aufsicht und Führung“, „Vier-Augen-Prinzip“ bei allen wichtigen Verträgen und Entscheidungen. Weder in Frankfurt noch in Wiesbaden hielt man sich daran.

Was die Revisoren des Bundesvorstandes aber wirklich schockte, war der offene Widerstand, der ihnen durch die AWO-Führung in Frankfurt entgegengesetzt wurde. „Nicht alles konnte geprüft werden“, berichtet Selvi Naidu, Finanzvorstand des Bundesverbandes und Leiterin des sechsköpfigen Revisorenteams.

„Es fehlten Unterlagen und auch Klarnamen“, erzählt sie den Journalisten. Auch zur Johanna-Kirchner-Stiftung der AWO habe man keinen „Zugang“ erhalten. Und dass sich AWO-Funktionäre im Kampf mit dem Bundesvorstand durch Anwälte vertreten lassen, war wohl eine neue Erfahrung für die Bundesspitze des Wohlfahrtsverbandes.

Auf Fragen, die auf eine mögliche Verstrickung des Frankfurter Oberbürgermeisters Peter Feldmann (SPD) in das System AWO zielten, hält sich die Bundesspitze merklich zurück. „Das ist kein Problem der SPD, das ist ein Problem der Arbeiterwohlfahrt“, erklärt Schmidt.

Vielleicht 30 Journalisten und Kameraleute drängen sich im Konferenzraum 6. Einige wollen wissen, ob denn jetzt die Gemeinnützigkeit der Arbeiterwohlfahrt konkret gefährdet sei. Über diesen „worst case“ wolle er jetzt nicht nachdenken, sagt Vorstandschef Stadler. Aber natürlich tut er es längst.

Es ist im Gewirr immer neuer Fragen der Medienvertreter eine gewisse Ratlosigkeit der AWO-Bundesspitze zu spüren. Sie wird in den Zug zurück nach Berlin steigen, ohne zu wissen, was man jetzt noch gegen den Widerstand der Frankfurter AWO-Führung tun kann. Fördergeld an den Kreisverband hat sie seit Sommer nicht mehr überwiesen – das reißt ein Finanzierungsloch in sechsstelliger Höhe in den Etat der Frankfurter. Ist das am Ende die Lösung? Niemand weiß es.

Kommentare