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Vega geht im Oktober auf Tour. 

Deutschrap

Rapper Vega: „In Frankfurt haben wir keine natürlichen Feinde“

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Heute erscheint das neue Album des Frankfurter Rappers Vega: „Locke“. Im Interview erzählt er über die Frankfurter Rapszene, warum ihm Songs gegen Rassismus wichtig sind und seine Freundschaft mit Eintracht-Spieler Timmy Chandler und Raplegende Moses Pelham.

„Mich nervt, dass Deutsch-Rap von vielen Leuten oft belächelt wird. Das ist schon eine gewisse Form der Arroganz. Also dieses Klischee des dämlichen Rappers, der immer ein Messer einstecken hat und kein richtiges Deutsch kann“, sagt der Frankfurter Rapper Vega. An diesem Regentag trägt der 35-Jährige eine stylische rosa Regenjacke. „Ich fände es wichtig, dass man statt Deutschrapper zu verfluchen, sie ernst nimmt. Wir erreichen die Jugend. Diese Stimmen sollte man nutzen“, sagt er.

In der deutschen Rapwelt ist er eine feste Größe. 2015 schafft er es mit seinem Album Kaos sogar bundesweit in die Schlagzeilen, als er Helene Fischer von Platz eins der deutschen Albumcharts verdrängt. Gerade ist sein sechstes Album „Locke“ erschienen. „Als Kind hatte ich einen Hyperlockenkopf und ein Bekannter meiner Eltern gab mit den Spitznamen“, sagt er und lacht.

Eigentlich heißt er Andre Witter. Er ist in Langen geboren, wächst in Altenstadt in der Wetterau auf. Sein Künstlername Vega hat nichts damit zu tun, dass er vegan lebt. Sondern: Es ist der Name seiner Lieblingsfigur aus Quentin Tarantinos Gangster-Kultfilms „Pulp Fiction“: John Travolta als Vincent Vega.

Seit sieben Jahren wohnt Vega in der Nordweststadt. Als Interviewort hat der Eintracht-Fan ein Restaurant unweit der Frankfurter Kleinmarkthalle ausgesucht. „In der Kleinmarkthalle bin ich fast täglich.“

Was machen Sie als Rapper in der Kleinmarkthalle, nicht etwa Prosecco trinken?

Das nicht (lacht). Mein Studio ist seit kurzem unweit des Skyline Plazas. Bevor ich aber dort hinfahre, gehe ich morgens erst mal zur Kleinmarkthalle und trinke einen Kaffee und kaufe da ein paar Sachen ein. Die Kleinmarkthalle ist tatsächlich so etwas wie mein Wellnessort. Da fühle ich mich gut. Ich mag den Trubel und kenne dort auch ein paar Leute.

In Ihrem ersten Song Ihres neuen Albums „Locke“ rappen Sie: „Und ich ficke jetzt die Szene - vor allem ‚Ehre-heuchelnde Gangsta-Rapper‘. Alles Tänzer wie der Neue von Helene.“ Nervt Sie die Szene so an?

Vega wird 1985 in Langen geboren. Er wächst in Altenstadt in der Wetterau auf. In Friedberg macht er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. Schon während der Ausbildung arbeitet der Rapper an seinem Debütalbum, das erscheint 2009. 

Wenn wir über Aussagen reden wollen, ist das nicht der optimale Titel. Es ist ein Song, den wir in der Rapwelt „Representer“ nennen. Der ursprüngliche Gedanke der HipHop-Kultur war es ja Auseinandersetzungen von der Straße wegzubringen und nicht körperlich werden zu lassen, sondern sich eben auf anderen Ebenen zu messen. Da geht es viel um Prahlerei und auch ein bisschen Wut rauszulassen. Solche Worte wirken für Leute, die nichts mit Rap zu haben, wahrscheinlich total irre. Meist geht es um imaginäre Gegner. Ich habe aber tatsächlich andere Wertvorstellung als viele der Deutschrapper, die gerade sehr erfolgreich sind.

Also ist Ihnen ein fettes Auto nicht wichtig?

Ich will natürlich auch ein schönes Auto fahren. (lacht). Aber mir war wichtig, dass auf meinem Album auch Titel drauf sind, die Tiefe haben und auch mal politisch sind. Bei meinen Texten geht es auch viel um die Tierrechte. Ich selbst lebe seit sieben Jahren vegan.

Seit kurzem veranstalten Sie so auch das Kochevent „Vegan Soul Food Club“. Dort gibt es beispielsweise den veganen Chicken Burger namens Chvck’n Burger. Das klingt jetzt nicht so mega gesund …

Der Gesundheitsaspekt steht nicht im Mittelpunkt. Es geht darum Leuten die Möglichkeit zu bieten, tierleidfrei Junkfood zu essen. Wir pressen einfach Soja in Burgerform statt gehäckseltes Hähnchenfleisch. Die Rezepte habe ich jahrelang mit meiner Freundin Zuhause entwickelt. Das letzte Event war nach zwei Minuten ausverkauft.

Sie stehen aber nicht selbst am Herd?

2015 verdrängt er Helene Fischer mit seinem vierten Album Kaos von Platz 1 der deutschen Charts. Unter seinem eigenem Rap-Label „Freunde von Niemand“ hat er auch die Rapper Bosca, Face, Nio und Kavo unter Vertrag.

Nein, aber ich überprüfe, dass es so schmeckt wie bei mir in der Küche. Für 75 Leute zu kochen ist doch eine ganz Art Herausforderung als für zwei. Deshalb mache ich das auch zusammen mit der Kochwerkstatt Wiesbaden. Die Kochevents in der Tatcraft-Kantine in Bergen-Enkheim sind eine Art Vorlaufphase. Ich bin gerade auf der Suche nach einer coolen Location in der Frankfurter Innenstadt oder im Bahnhofsviertel, wo ich den Vegan Soul Food Club als Restaurant eröffnen möchte.

Nicht nur Tierrechte sind Ihnen ein Anliegen. In Ihrem Song Schwarz-Weiß, auf dem auch Moses Pelham zu hören ist, rappen Sie: „Dieses Land zerstört sich selbst am besten. Deshalb leben hier Rechte von Menschenrechten“. Sehen Sie sich als Künstler in der Verantwortung sich auch politisch zu äußern?

Diese Verantwortung hat man als Künstler unbedingt. Ich selbst bin sehr multikulturell aufgewachsen. Mir ist total bewusst, dass das Thema Rassismus akut ist, und dass sich viele Sachen in die falsche Richtung bewegen. Es gibt leider Parallelen zu ganz, ganz schlechten Zeiten in Deutschland. Anfangs habe ich mich selbst dabei erwischt, dass ich die AfD belächelte und dachte: „Lass die mal machen. Das interessiert sowieso niemanden.“ Aber sie ist ernst zu nehmen. Man muss dagegen arbeiten.

Sie sind der Plattenboss des von Ihnen gegründeten Labels „Freunde von Niemand“. Wie stehen Sie eigentlich zu den Rappern des Frankfurter Labels 385 ideal, bei dem auch angesagte Kollegen wie Olexesh unter Vertrag sind?

Wir sind sehr gut miteinander. Celo&Abdi kenne ich ewig und sie sind genauso große Eintracht-Fans wie ich. Mit ihnen, aber auch mit Olexesh habe ich schon Titel zusammengemacht. Wir haben in Frankfurt keine natürlichen Feinde. Das würde mir auch das Herz brechen, wenn ich mit einem anderen Frankfurter Rapper im Stress wäre.

Sie sagten kürzlich über Frankfurt: „Wir sind seit 20 Jahren die krasseste Stadt. Aber da geht noch mehr …“ Was meinen Sie damit?

Die Kleinmarkthalle ist ein Wellnessort für Vega. Foto: Monika Müller

Wir sind die, die immer ein neues Zeitalter einleiten. Egal ob damals Moses, dann Azad oder später auch Haftbefehl. Viele Rapper hatten sie zum Vorbild, einige wurden später sogar bekannter als ein Azad. Alle kennen sich in Frankfurt und finden sich cool. Aber communitymäßig, dass man Hand in Hand arbeitet, dafür ist noch Luft nach oben. Der Hesse ist generell eher so der Typ Eigenbrötler. In Berlin ist viel mehr Szene.

Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zu Moses Pelham. Er war ja mal Ihr Vorbild, jetzt seit fünf Jahren sind Sie sogar Freunde …

Er ist immer noch mein größtes Idol und zwar nicht nur weil er ein unglaublich krasser Musiker und Schreiber ist. Es gibt Leute, die man toll findet. Aber dann, wenn man sie öfter trifft, wird es zur Normalität. Das habe ich bei Moses nicht. Egal wie oft ich ihn treffe, er fasziniert mich immer wieder. Denn abgesehen von seiner Kunst ist er ein sehr intelligenter und tiefgründiger Mann. Wir haben sehr viele spirituelle Themen, die uns verbinden. Und wir trinken auch beide sehr gerne zusammen … (lacht)

Woran liegt es eigentlich, dass früher in den 90ern Moses Pelham oder Sabrina Setlur auch außerhalb der Rap-Welt bekannt waren, aber die heutigen Deutschrapper ein 50-Jähriger nicht mehr kennt? Sie und Ihre Rap-Kollegen hört man auch kaum im Radio…

Am 6. März ist sein sechstes Studioalbum „Locke“ erschienen. Im Oktober tourt er damit durch Deutschland. Am 23. Oktober tritt er in der Frankfurter Jahrhunderthalle auf.

Die nächsten Termine für das Kochevent Vegan Soul Food Club gibt es demnächst auf www.vegansoulfoodclub.de

rose

Die komplette Musiklandschaft hat sich seit den 3-P-Tagen von Moses, Xavier Naidoo und Sabrina Setlur einfach komplett geändert. In den 90ern gab eben nur Fernsehen und Radio. Jeder kannte sie. Sie waren Popmusik. Der heutige Deutschrap ist eine Parallelwelt, aber eine die fast größer ist als viele Sachen, die als Mainstream deklariert werden. Ich glaube in zehn Jahren wird Radio keine Rolle mehr spielen. Schon jetzt ist das Medium total veraltet. Die Jugend stellt sich mit Streamingdiensten ihr persönliches Entertainmentprogramm zusammen. Deshalb ist es auch gar nicht mehr nötig und nicht mein Ziel im Radio zu laufen. Es gibt einige deutsche Rapper, die spielen 15.000er-Hallen, also auf einem Lindenberg-Grönemeyer-Level. Leute wie Apache sind richtige Teenie-Stars.

Als Kind und Teenie sind Sie von Ihrer Mutter, Oma und Uroma erzogen worden. Wie war das?

Ich war als kleiner Junge viel bei meiner Uroma. Ich hatte so das Glück eine Welt aus der Vergangenheit erleben zu können. Sie hat alles im eigenen Garten angebaut. Sie hatte einen alten, verrückten Herd, der noch mit Holz geheizt wurde. Selbst mit Mitte 80 hat sie draußen täglich noch Holz gehackt. Die Gerichte, die sie kochte, kennt heutzutage kaum noch jemand: So wie Nudeln mit eingemachten Kirschen. Ihre alten Rezepte aus der Wetterau würde ich gerne auch mal im Vegan Soul Food Club anbieten. Abends kamen oft ihre Freundinnen vorbei, und ich habe mit ihnen gegessen und Karten gespielt. Das alles hat mich krass geprägt.

Dann müssten Sie doch eigentlich total der Feminist sein, wenn Sie mit so vielen starken Frauen aufgewachsen sind, oder? Und trotzdem singen Sie über „Bitches“…

Ich habe einen sehr großen Respekt vor der gesamten Frauenwelt. Das sind einfach Slangbegriffe in der Rapwelt. Ich liebe Frauen.

Ihr jüngerer Bruder Nio ist jetzt auch bei Ihrem Label unter Vertrag. Hatte er es bei Ihren Eltern leichter mit seinem Berufswunsch Rapper?

Das war definitiv ein Vorteil. Ich habe mit 18 mit Rap angefangen. Meine Eltern bestanden darauf, dass ich erstmal eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann mache. Mein Bruder muss das nicht, aber er muss auch noch bis er vom Rap allein leben kann, Nebenjobs machen. Wie ich früher.

Was für Jobs haben Sie gemacht?

Alles Mögliche. Ich habe bei Bofrost gearbeitet, Internetverträge an der Tür verkauft oder in Nachtschicht Gartenschläuche aufgewickelt. Mein erstes Debüt habe ich in den Pausen während meiner Ausbildung geschrieben. Erst seit 2012, also acht Jahre nachdem ich mit Rap angefangen habe, konnte ich mich allein von der Musik finanzieren. Ich war schon sehr verbissen, habe viel reininvestiert und bin immer die Extrameile gegangen.

Wenn Sie Zeit haben, sind Sie in der Eintracht-Fankurve dabei. Sie haben sogar schon Auftritte für Europa-League-Spiele abgesagt. Sind Sie eigentlich auch mit einigen Spielern befreundet?

Ich bin mit Timmy Chandler sehr gut befreundet. Er kommt wie ich aus Altenstadt: Ich bin fünf Jahre älter, aber wir haben als Jugendliche im gleichen Fußballverein bei den Sportfreunden Oberau gespielt. Er hatte etwas mehr Talent als ich. Ich sage immer scherzhaft zu Timmy: „Ich musste mich entscheiden zwischen Rap und Fußball. Da habe ich halt Rap gewählt.“ (lacht)

Interview: Kathrin Rosendorff

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