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Kollegen für einen Tag: Regieassistent Kurt Petereit (rechts) und FR-Reporter Stillbauer.

Brotfabrik Frankfurt

Regieassistent für einen Tag

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Was für ein Theater: als Mädchen für alles bei der Romy-Schneider-Probe in der Brotfabrik in Frankfurt.

Regieassistent. Braucht man den oder kann der weg? Mal recherchieren. Regieassistenten sind a) Knechte, b) Mädchen für alles, c) rechte Hand des Regisseurs, d) zweiter Kopf desselben, e) drittes Bein, f) neuntes Leben, g) auch da, h) völlig überflüssig, i) diejenigen, die den ganzen Laden zusammenhalten (Quelle: Internet und plötzliche Eingebungen). Aha. Bisschen viel. Dann lass ich’s lieber.

Nein, natürlich nicht. Ich hab’s ja Wolfgang Spielvogel versprochen, dem Spielleiter. Und was man verspricht, das hält man. Jedenfalls bei der Frankfurter Rundschau.

9.50 Uhr, Frankfurt-Hausen, Brotfabrik. Theaterprobe. „Der Regieassistent ist zehn Minuten vor den Schauspielern da“, hat Spielvogel gesagt, „das mögen die.“ Dann kann der Knecht schon Kaffee kochen und die Probebühne herrichten. Wenn er weiß, wer seinen Kaffee wie mag, und wo was auf der Bühne steht. Die ist nämlich vollkommen leer. Ich will nach Hause.

Es wäre wahrscheinlich hilfreich, zu wissen, um was es eigentlich geht in dem Stück. Ich hab’s mir erklären lassen. Also. Es heißt „Herzversagen oder Schön waren wir alle“, trägt den Untertitel „Eine deutsche Fiktion“ und handelt davon, wie Romy Schneider, Rainer Werner Fassbinder und Alain Delon die RAF erfinden.

Ich hab’s mir lieber noch mal erklären lassen. Also. Der Wunsch, mal „was mit Romy“ zu machen, stand schon seit Jahren im Raum. Dann kam der Offenbacher Frank Witzel mit seinem Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ als Inspiration hinzu. Und die unvergessene Begegnung Romy Schneiders mit dem Kollegen Burkhard Driest in einer uralten Fernsehtalkshow, als sie zu ihm sagt: „Sie gefallen mir. Sie gefallen mir sehr.“ Später malte Driest Bilder von Romy, die sie so zeigen, wie sie eigentlich nur jemand gesehen haben kann, der ihr zuvor sehr nahe gekommen ist. Und zwar sehr, sehr nahe. Mit diesen Bildern gab’s mal eine Vernissage in Frankfurt, und mit dieser Vernissage fängt das Theaterstück an.

Er war damals dabei? Spielvogel? Lacht. Nein. Er habe aber versucht herauszufinden, wie das damals ablief. „Das konnte mir keiner sagen. Jetzt habe ich’s halt erfunden. Wie immer am Theater: zum Wohle der Menschheit.“

Und was hat das mit Fassbinder und Alain Delon zu tun? Das erfahren wir dann später. Vielleicht. Jetzt erst mal das Bett machen.

10 Uhr. Bett? Ja, sagt Kurt Petereit, „vor dem Frühstück bauen wir das Bett“. Kurt Petereit ist gewissermaßen meine Rettung, denn Kurt Petereit ist: Regieassistent. Ohne ihn wüsste ich überhaupt nicht, was ich machen soll. Insofern ist der Regieassistent heute nicht nur der zweite Kopf des Regisseurs und so weiter, sondern auch j) der erste Kopf des zweiten Regieassistenten. Kurt weiß, dass der Chef nur eineinhalb Löffel Instant-plver in seinen Kaffee nimmt und welche seine Tasse ist. Mit anderen Worten: Kurt weiß alles.

Ich weiß nichts. Wo das Bett hin soll; welche Möbel noch auf die Probebühne müssen; wozu diese drei Zahnstocher gut sind; wohin mit meinen Händen; nichts. Außer: wie ich am besten den anderen Leuten im Weg stehen kann. Eigentlich ist es genau wie zu Hause in der Küche, wenn meine bezaubernde Frau kocht.

10.15 Uhr. So, die Schauspieler sind da. Michaela Conrad liest noch mal in ihrem Text, Manuela Koschwitz plaudert mit dem Regisseur über die U-Bahn, Sandra Baumeister verschwindet schnell, um ein Cocktailkleid anzuziehen, und Markus Busch platzt schon laut lachend herein. Das Ensemble ist komplett. Eine ungeheure Energie geht von diesen vier Leuten aus, ein Selbstbewusstsein, das einen seltenen Gast glatt einschüchtern könnte, hätte er nicht selbst ein Bewusstsein wie ein Gebirge, denn er ist: Regieassistent!

10.50 Uhr. Jetzt aber mal was schaffen. Ich darf Fotos von Romy an die Wände kleben (wohin ich will!), um die Situation in einer Galerie zu simulieren. Vernissage eben. Fertig. Dann können wir ja proben. Und bitte. Oder Moment: Kurt sieht, dass Markus’ Armbanduhr das Bühnenlicht reflektiert. Wäre mir nicht aufgefallen. Versagt. Sandra fragt: „Haben wir Wasser?“ Hüstel. Auch mein Job. Versagt.

11 Uhr. Ich weiß noch nicht mal, ob die Schauspielenden gerade einfach miteinander plaudern oder schon im Text unterwegs sind. Das ändert sich aber von Durchlauf zu Durchlauf. Als Michaela über die ausgestellten Romy-Bilder sagt: „Wichsvorlagen! Wichsvorlagen für den gehobenen Bedarf, wenn du mich fragst“, dann ist das natürlich Theater. „Wenn du mich fragst“, antwortet Manuela, „sind wir alle Wichsvorlagen für das Kapital.“

11.10 Uhr. „Markus soll ruhig heftig hereinstolpern“, sagt Wolfgang Spielvogel, „und auch die Sprache ruhig noch deftiger.“ Markus poltert auf die Bühne, reißt eine Flasche und ein Glas um. „Eine schöne Frau!“, sagt er zu den Fotos. „Schön waren wir alle“, echoen alle drei Frauen im Chor. Welche ist eigentlich Romy. Das ergebe sich erst später, sagt der Chef. Ach – das ist noch gar nicht festgelegt? Nein, das wird auch nicht festgelegt. Es gibt einen pfiffigen Einfall, um das später zu klären. Aber der Regieassistent wäre nicht der Regieassistent, wenn er das jetzt schon dem Publikum verriete. Erst mal muss er Flasche und Glas wieder an ihre Plätze stellen, wie er bemerkt, als Kurt schon dabei ist, es zu erledigen.

11.20 Uhr. „Jetzt bin ich dran“, sagt Manuela, “… und zwar mit …“ – „Alles fällt ihm so leicht“, souffliert Kurt die passende Textstelle. Na, Kunststück! Er hat ja auch das Textheft in der Hand. Die Regie ist zufrieden mit der ersten Szene, aber sie ist so schnell vorbei. „Ich finde, sie kann doppelt so lang dauern“, sagt Spielvogel. Markus: „Eine schöne Frau, jaaaa, eine schöööööne Frau.“ – „Genau! Lass dir Zeit!“

Beeindruckend, wie Schauspielerinnen, Schauspieler, gerade bei Proben die Scheu überwinden, aus sich herauszugehen. Während Leute dabeisitzen und bewerten, ob das gut ist oder nicht, ob das zum Stück passt. Wie Schauspielende kreativ sind in ihrem Ausdruck, herumprobieren, wie sie auch null Scheu haben vor Körperlichkeit – jedenfalls wirkt es so. Faszinierend, das zu erleben. Das Starkseinmüssen unter Aufsicht erklärt vielleicht auch diese gewisse Aufgedrehtheit, mit der sie morgens zur Probe erscheinen. Es weicht später stellenweise einer Konzentration auf den Text und die Rolle, die schon beim bloßen Zuschauen Kraft kostet. Respekt, Respekt, Respekt.

11.35 Uhr. Kurts Telefon klingelt. Er verlässt den Saal – oh Gott, jetzt muss ich soufflieren! Hoffentlich vergisst niemand seinen Text! Manuela: „Ich muss was sagen … nämlich …“ Ich: „Raffinierte Spiegelungen führen …“ Manuela: „Raffinierte Spiegelungen führen sinnbildlich in die Tiefe.“ Als hätten wir schon seit Jahren zusammen Theater gemacht! Tja, da merkt man halt, dass es harmoniert bei uns in der Truppe. Wamm! Ein Bild ist von der Wand gekracht. Na, wer hat das denn so schlampig aufgehängt?! Also, ich war das nicht!

Neue Aufgabe für die Assistenz, sagt Wolfgang Spielvogel und jagt mich auf die Leipziger Straße, zwei Hüte aus dem Kostümgeschäft Pappnase abholen. Der FR-Fotograf nimmt mich praktischerweise auf dem Hinweg im Auto mit. „Um was geht’s eigentlich in dem Stück?“, fragt er. Ich beginne zu erklären. Er schaut mich an, als hätte ich eine Pappnase auf. „Und wer ist Romy?“ – „Das steht noch nicht fest. Nichts ist am Anfang festgelegt. So arbeitet der Spielvogel.“ Jetzt schaut er, als hätte ich zwei Pappnasen auf. Kann passieren. Ist noch nicht festgelegt.

Als ich zurückkehre, ist der Probensaal stockdunkel, und aus dem Bett in der Mitte dringt vierstimmiges Stöhnen. Ob ich lieber wieder hinaus …? Nein, es handelt sich um die nächste Szene. „Kaum ist der Regieassistent weg, wird hier hemmungslos kopuliert“, kichert Markus. Die Szene war ursprünglich nur für eine Frau und einen Mann geschrieben. „Aber es wollten alle“, sagt Spielvogel. „Da hab’ ich gesagt: o. k.“

Für uns Regieassistenten kein Problem. Wie kam Kurt Petereit eigentlich dazu? „Ich war 20 Jahre unterwegs auf der rollenden Bühne“, erzählt der 66-Jährige, „als Marktschreier, ich habe auf Messen in Europa Produkte vermarktet.“ 2008 kehrte er zurück nach Frankfurt, fand Kontakt zum Mousonturm, spielte mit Birgitta Linde in „Hamlet in Not“, und erhielt den Tipp: Mach doch mal Regieassistenz. Bei Wolfgang Spielvogel ging das, aus einem Stück wurden mehrere Stücke und eine Freundschaft.

Reich werden kann man mit dem Job nicht, sagt Kurt. „Das muss man machen, weil man es gern macht in der freien Szene.“ Er macht es gern, auch weil er es liebt, die Szenen mitzuentwickeln. Dann zeigt sich, dass der Assistent eben nicht nur der Knecht ist, sondern einer, der „auch mal dicke Bretter bohren kann, wenn’s mir drauf ankommt“, sagt er.

13.30 Uhr. Zurück ins Bett. Jetzt fallen historische Zitate. „Ich bin eine unglückliche Frau von 40 Jahren“ (Interview 1981 im „Stern“) und: „Sie gefallen mir. Sie gefallen mir sehr“ (1974). Kaum jemand wisse, sagt Spielvogel, dass diese scheinbar schamlose Anmache ein Zitat war – aus einem Sissi-Film.

14 Uhr: Markus aus dem Gefummel im Dunkeln: „Authentisch war sie nur im Bett.“ Minutenlanges brüllendes Gelächter.

14.03 Uhr: „Hähem. Authentisch war sie nur im Film.“

Versprecher können wir Regieassistenten noch nicht wegradieren. Aber wir arbeiten dran. Und starren stumm vor Begeisterung auf die Szene, in der Manuela Koschwitz eine liederliche Romy gibt, die alpträumt und trinkt und sich betüteln lässt. Oder als Markus Busch aus dem Bühnenhintergrund, nur schwachrot beleuchtet, Romys ersten Ehemann Harry Meyen spielt.

14.45 Uhr: „Dass wir schon so oft zusammen auf dem Bett waren, schafft eine Atmosphäre von Zuhause“, sagt Sandra Baumeister. Das freut die Regieassistenten natürlich – und ist zugleich schade, weil wir kurz darauf das Bett und den Rest der Bühne abbauen müssen, um alles morgen wieder aufzubauen. „Der Regieassistent ist zuständig für die gesamte Atmosphäre“, sagt Spielvogel. Und auch für die Gesundheit. „Kurt ist es, der immer mal sagt: Pause jetzt“, erzählt der Chef. „Ich wusste nicht mal, dass man unterzuckern kann.“

Fazit: Toller Job. Aber man muss reinwachsen. Wenn du mich fragst.

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