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2018: Alexander Kristoff aus Norwegen jubelt im Ziel des Radklassikers Eschborn-Frankfurt an der Alten Oper nach seinem Sieg. 

Knackige Steigung

„Unser Alpe d’Huez im Taunus“

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Wenn die Radstars beim Radrennen Eschborn - Frankfurt am 1. Mai den Mammolshainer Berg erklimmen, herrscht Ausnahmezustand.

Den letzten öffentlichen Termin vor dem großen Rennen könnte John Degenkolb locker mit dem Fahrrad erledigen. Nicht mit der Rennmaschine, mit der er am „Tag der Arbeit“ auf Tour durch den Taunus geht, ein einfaches City-Bike würde reichen für den Kurztrip von seinem Wohnort Oberursel ins benachbarte Bad Homburg. Quer durchs Feld, dann ist er schon beim größten Fahrradhändler im Taunus, am Ortseingang der Kurstadt. Autogrammstunde um 17 Uhr mit „Dege“, wie sie ihn hier nennen, das ist am Vorabend des Klassikers „Eschborn – Frankfurt“ ein Highlight für Radsportfans.

Und für Degenkolb keine Pflichtübung. Ein Sport-Idol zum Anfassen, im Oberurseler Brauhaus durfte er sich nach der jüngsten Tour de France ins Goldene Buch der Stadt eintragen. Morgen beim Rennen werden sie ihm dort alle die Daumen drücken.

Auch die Homburger, die das Rennen ja nicht mehr wollen. Um die 80 000 Euro haben sie es sich zuletzt kosten lassen, dass die Stars die Stadt im Eiltempo durchkreuzen. „Eine Werbung für die Stadt, die mit Geld gar nicht aufzuwiegen ist“, so die Befürworter, die auch von Bad Homburg als Startort für eine Tour-de-France-Etappe geträumt haben.

Zu viel Geld „für zwei Minuten TV-Präsenz“, nörgeln die Kritiker des Spektakels, zumal man die halbe Stadt den ganzen Tag sperren müsste. Der Rückhalt in der Bevölkerung bescheiden, die Kritik lauter als der Jubel. Die Kurstadt bleibt morgen rechts liegen, wenn die Pedaleure der Elite bei Kilometer 35 Anlauf nehmen, um die Sprintwertung auf dem Oberurseler Marktplatz zu gewinnen.

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In der Brunnenstadt Oberursel wird über Geld nicht geredet, die Kosten für den Sekunden-Auftritt auf dem Kopfsteinpflaster übernähmen Sponsoren, heißt es im Rathaus. Mit den Straßensperren am 1. Mai sind die „Orscheler“ vertraut, sie werden ohne großes Murren hingenommen. Weil das Peloton hier immer durchgekommen ist. Schon vor Eddy Merckx, dem legendären Belgier, der 1971 bei seiner Siegesfahrt Richtung Henninger Turm die Hauptstraße durch den Ort Richtung Feldberg hoch geprescht ist, wie es Hobbyradler jener Zeit nicht einmal bergab geschafft haben.

Und jetzt gehört ja einer von ihnen zu den absoluten Cracks mit potenziellen Gewinnchancen. Ihr John Degenkolb, der den Städtenamen Oberursel durch seine Präsenz und die TV-Übertragung des Rennens in 190 Ländern weltweit verbreiten wird. Am Straßenrand werden sie konzentriert versuchen, einen Blick auf den Mann im roten Trikot mit dem weißen Bruststreifen und den schwarzen Ärmeln zu erhaschen. Bevor er nach Sekunden wieder entschwindet.

Viele Fans von „Dege“ werden dann schnell mit dem Fahrrad die Abkürzung nehmen, um rechtzeitig am absoluten „Hotspot“ des Rennens im Taunus zu sein. Viermal werden sich die Profis die Mammolshainer Höhe im Königsteiner Ortsteil hinaufjagen, am Hügel der Qualen mit seinen 8,2 Prozent Steigung trennt sich oft die Spreu vom Weizen.

Wenn nicht dort, dann vielleicht am Ruppertshainer Berg oder auf der Billtalhöhe auf der anderen Seite Königsteins. Volksfeststimmung, Gänsehaut-Feeling, „der Mammolshainer Berg ist unser Alpe d’Huez im Taunus“, heißt es in der Szene der Radsportfreaks. Zu Tausenden werden sie hier stehen und nur noch eine schmale Gasse freilassen, durch die sie ihre Lieblinge nach oben peitschen.

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