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Ein Versammlungsteilnehmer trägt bei einer Demonstration der Querdenken-Bewegung vor dem Bayerischer Verwaltungsgerichtshof einen Schal mit der Aufschrift „Merkels Maulkorb“ und ein Schild mit der Aufschrift „Das Grundgesetz ist tot“.
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Viele Anhänger der „Querdenken“-Bewegung wähnen sich in einer Diktatur und halten die Medien für „gleichgeschaltet“.

Interview

Feindbild der „Querdenken“-Bewegung: „Ein hohes Gewaltpotenzial“ gegenüber Medien

  • Hanning Voigts
    VonHanning Voigts
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Anlässlich Demonstration in Frankfurt äußert sich Autorin Karolin Schwarz im Interview über die sogenannte „Querdenken“-Bewegung – und Hetze gegen die Medien.

Frau Schwarz, warum sind Medien für die „Querdenken“-Bewegung ein Feindbild?

Der wichtigste Punkt ist, dass Medien als Verbündete der Regierung wahrgenommen werden. „Querdenken“ wähnt sich in einer Diktatur und die Medien gelten als „Hofberichterstatter“, die nicht unabhängig und nicht kritisch seien, sondern das berichteten, was die Regierung möchte.

Das kennt man auch von anderen Bewegungen, die Verschwörungserzählungen verbreiten. Üben solchen Bewegungen immer derartige „Medienkritik“?

Medienkritik ist das ja nicht. Aber ja, es gibt da viele Überschneidungen zu anderen Bewegungen. Man greift „die Medien“ an, vor allem die öffentlich-rechtlichen. Die bekommen ja die Rundfunkgebühren, was als direkte Abhängigkeit vom Staat in der Berichterstattung verstanden wird.

Autorin und Rechtsextremismus-Expertin Karolin Schwarz.

Sie sagten gerade, eigentlich gehe es gar nicht um Medienkritik. Wie meinen Sie das?

Es wird oft behauptet, es gebe keinerlei Kritik an der Regierung. Das ist, wenn man es objektiv betrachtet, für die ganze Zeit der Pandemie falsch. Worauf „Querdenken“ abzielt, ist: Es wird nicht die Kritik vorgebracht, die man sich in ihrem Spektrum wünscht. Die basiert aber eben auf falschen Voraussetzungen, Falschinformationen und Verschwörungserzählungen. Und dann gibt es noch eine starke kognitive Dissonanz: Wenn Medien etwas berichten, was in das Narrativ der Bewegung passt, werden die Berichte ohne Probleme in den einschlägigen Telegram-Kanälen verbreitet.

Wenn „Querdenken“ „faire Berichterstattung“ fordert, heißt das also, dass sie lesen wollen, was sie selbst für wahr halten?

Kurz und bündig: Ja.

Zur Person

Karolin Schwarz (35) ist Autorin und Expertin für die extreme Rechte und lebt in Berlin. Im vergangenen Jahr erschien ihr Buch „Hasskrieger – Der neue globale Rechtsextremismus“. han

Im Aufruf zu der Frankfurter Demo hieß es, die Medien seien „gleichgeschaltet“. Das ist eindeutig nationalsozialistische Terminologie. Ist das Zufall?

Nein. Natürlich ist das schwer zu sagen, weil man nicht in die Köpfe gucken kann. Vielleicht sind einige Leute auch einfach nur unsensibel bei ihrem Umgang mit Worten. Aber es fällt auf, dass immer wieder NS-Begriffe benutzt werden. Im vergangenen Jahr war von einem „Ermächtigungsgesetz“ die Rede, „Querdenker“ vergleichen sich mit Sophie Scholl und Anne Frank oder tragen gelbe Sterne, weil sie denken, dass sie verfolgt würden, weil sie nicht geimpft sind. Das passt alles dazu, dass man sich in einer Diktatur wie unter den Nazis wähnt.

In den Aufrufen zu der Frankfurter Kundgebung war von Liebe und Frieden die Rede, gleichzeitig gibt es regelmäßig Angriffe auf Journalist:innen. Wie passt das zusammen?

Diese Erzählung von Gemeinsamkeit und Frieden ist bei „Querdenken“ häufig zu hören, gleichzeitig sind Übergriffe auf Journalist:innen zu einem Standard geworden. Das passt insofern zusammen, als dass die Bewegung sich im Recht wähnt und die Journalist:innen eben die sind, die angeblich gegen die Freiheit stehen. Außerdem werden diese Angriffe oft so dargestellt, dass sie mit der eigenen Bewegung gar nichts zu tun hätten. Dann ist von eingeschleusten Provokateuren die Rede, obwohl das nicht der Realität entspricht.

Tut die Polizei genug, um Reporter:innen zu schützen?

Nein. Der Schutz der Pressefreiheit war in den vergangenen Monaten oft nicht gewährleistet. Auf vielen dieser Demonstrationen ist freie Berichterstattung nur noch schwer möglich. Viele Kolleg:innen tragen inzwischen Helme und nehmen eigene Securityleute mit, obwohl ihr Schutz Aufgabe der Polizei ist.

Wie schätzen Sie die „Querdenken“-Bewegung ein? In Baden-Württemberg wird sie vom Verfassungsschutz beobachtet

Nachweise über Verbindungen zu Rechtsextremen gibt es reichlich, und die Erzählungen bei „Querdenken“ sind zumindest verfassungsfeindlich. Es geht immer wieder um einen Umsturz, darum, die Mächtigen aus dem Amt zu putschen. Auf den Demos werden nicht die klassischen rechtsextremen Narrative verbreitet, in der Szene sind auch viele nichtweiße Menschen aktiv. Aber es werden antisemitische Verschwörungserzählungen vertreten, Rechtsextreme sind immer dabei. Und es gibt keinerlei Versuche, diese Leute auszuschließen.

Wie wird die Bewegung sich weiter entwickeln? Besteht die Gefahr einer Radikalisierung?

Ja, die gibt es. Jetzt, wo es wärmer wird, wird es erst einmal wieder mehr Demonstrationen geben. Aber es gibt auch ein hohes Gewaltpotenzial. Ob es zu Gewalttaten kommt, hängt davon ab, wie die Pandemie sich entwickelt. Es könnte schon einige in der Szene geben, die sagen: Demonstrieren reicht uns nicht mehr. Gerade das Gerede von einer Diktatur kann dazu benutzt werden, auch Gewalt zu legitimieren. (Interview: Hanning Voigts)

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