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Queerfeindliche Gewalt in Frankfurt: „Auch Beleidigungen sind schon eine Straftat zu viel“

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Von: Kathrin Rosendorff

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Der 35-jährige Álexander Brandau ist seit Sommer 2021 Ansprechperson für LSBTIQ* bei der Frankfurter Polizei.
Der 35-jährige Álexander Brandau ist seit Sommer 2021 Ansprechperson für LSBTIQ* bei der Frankfurter Polizei. © Renate Hoyer

Nach den vermehrt queerfeindlichen Angriffen in der Frankfurter Innenstadt will Alexander Brandau als Ansprechperson für LSBTIQ* bei der Frankfurter Polizei in der queeren Szene Vertrauen aufbauen. Dazu sind Infoabende im Ausgehviertel geplant. Gleichzeitig appelliert er unbedingt jede Straftat anzuzeigen. Auch will er Kollegen sensibiliseren, denn einige Opfer von queerer Gewalt beklagen, dass Beamte unsensibel im Umgang seien.

Alexander Brandau ist seit einem Jahr Ansprechperson für LSBTIQ* bei der Frankfurter Polizei. Im Interview erzählt der 35-Jährige, was die Polizei gegen die queerfeindlichen Übergriffe in der Frankfurter Innenstadt tun will und wie er und seine Kollegin Felicia Krapp bei der queeren Community das Misstrauen gegenüber der Polizei abbauen wollen.

Seit wann gibt es die Stelle „Ansprechperson für LSBTIQ*“ bei der Frankfurter Polizei – und warum haben Sie sich für dieses Amt beworben, Herr Brandau?

Diese Stelle gibt es seit 2001. Sie wurde ursprünglich geschaffen, damit Kolleg:innen, wenn es zu homophoben Beleidigungen kommen sollte, intern eine Ansprechperson haben. Mittlerweile kümmern wir uns aber eben auch um Opfer bei queerfeindlichen Gewalttaten. Ich selbst bin seit 2008 privat geoutet. 2012 habe ich bei der Polizei Frankfurt auf dem ersten Polizeirevier angefangen und mich da nach ein paar Monaten direkt geoutet. Das war nie ein Problem, meine Kollegen waren immer cool mit dem Thema. Als die Stelle neu ausgeschrieben wurde, sagten sie: „Bewirb dich. Du bist der Richtige.“

Was genau ist Ihre Aufgabe, wenn es zu queerfeindlichen Übergriffen kommt?

Alle Anzeigen landen bei uns auf dem Schreibtisch. Meine Kollegin und ich klären zunächst, ob es wirklich ein queerfeindlicher Vorfall war. Wir nehmen Kontakt mit den Opfern auf und vermitteln auch bei Bedarf an Hilfsorganisationen. Manche der Opfer stecken Übergriffe gut weg, andere sind so traumatisiert und brauchen jemanden, mit dem sie sprechen können. Wir haben auch bei uns im Haus eine Kollegin bei der Stelle für Opfernachsorge, Beratung und Prävention, die nur für das Thema LSBTIQ* zuständig ist.

Seit März, als es den Pfefferspray-Angriff auf die Dragqueen Electra Pain gab, mehren sich die queerfeindlichen Vorfälle im Ausgehviertel rund um die Konstablerwache. Ist das nur ein Gefühl oder gibt es wirklich mehr Taten?

Die Vorfälle werden in den sozialen Medien größer aufbereitet als noch vor paar Jahren. Aber objektiv gesehen ist die zu Anzeige gebrachte Anzahl an queerfeindlichen Übergriffen (verbal und körperlich) in Frankfurt innerhalb der letzten zwei Jahre gleich geblieben und liegt im niedrigen zweistelligen Bereich. Die Zahlen für 2022 liegen noch nicht vor.

Einige queere Opfer berichten, dass Sie schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht haben. Wie versuchen Sie da wieder Vertrauen aufzubauen?

Meine Kollegin und ich machen Szenerundgänge rund um die Alte Gasse. Seit 1. August bin ich wieder hauptamtlich als Schutzmann auf dem ersten Polizeirevier vor Ort, also dort wo auch die queeren Szenebars sind. So habe ich jetzt noch mehr Zeit, um mich um die Szene und um mein Nebenamt als Ansprechperson zu kümmern.

Was passiert bei den Rundgängen?

Wir stellen uns bei allen Barbetreiber:innen vor, so dass die sich auch bei uns melden können, wenn es Vorfälle gibt. Denn das Problem ist, dass viele Leute in der Community kleinere Sachen wie eine Beleidigung oft auch wegen des Papierkrams, der mit einer Anzeige verbunden ist, scheuen. Aber auch Beleidigungen gehören zur Hasskriminalität und sind schon eine Straftat zu viel. Wir appellieren, dass die Menschen eine Anzeige erstatten, damit wir auch objektive Zahlen haben und gegebenenfalls die Maßnahmen anpassen können. Wichtig ist, dass sie möglichst schnell die Anzeige erstatten. Das geht auch online auf der Seite des Polizeipräsidiums Frankfurt.

Warum ist es wichtig, dass die Anzeige schnell gestellt wird?

Wenn die Tat in einem Bereich in der Innenstadt stattgefunden hat, wo es Videoüberwachung gibt, dann können die Aufzeichnungen gesichert werden: Denn ansonsten werden sie wegen des Datenschutzes nach 72 Stunden gelöscht. Und wenn es keine Zeugen gab, haben wir wenig Chance, die Täter zu finden.

Ein Problem ist aber auch, dass einige Opfer der queeren Community wenig Vertrauen in die Polizei haben, weil sie unsensibel behandelt wurden. Wie versuchen Sie Vertrauen aufzubauen?

Ab Oktober veranstalten wir zusammen mit der Aidshilfe in gemütlicher Atmosphäre Infoabende in verschiedenen Szenelokalen. Dort werden Kollegen vom ersten Polizeirevier dazukommen und sich Fragen der Community stellen, und auch der neue Polizeipräsident Stefan Müller hat sein Interesse an einer Teilnahme unserer Veranstaltung bekundet. Wir wollen die Polizeiarbeit transparenter machen. Wir gehen aber auch auf die Reviere und sensibilisieren Kolleg:innen bei Einsatzbesprechungen und erklären ihnen, wie das mit der Geschlechteridentität ist und dass sie die Menschen fragen, mit welchem Pronomen sie angesprochen werden möchten.

Gibt es eigentlich konkrete Tätergruppen?

Nein, aber es sind sowohl Frauen auch als Männer, die queerfeindliche Taten begehen.

Seit wenigen Wochen sind Sie im queeren Viertel mit mehr Beamten präsent. Am vorletzten Wochenende gab es trotzdem wieder einen queerfeindlichen Angriff. Ein Rückschlag?

Nein. Die Maßnahmen laufen an sich gut. Das Problem ist, dass Streifen auch mal beispielsweise zu einer Schlägerei fahren müssen, und wenn einer homophob ist und jemanden auflauert, wird er das nicht machen, wenn die Streife dort steht, sondern abwarten bis diese gerade weg ist. Egal wie viele Leute wir im Dienst haben, die Polizei kann nicht überall sein.

Interview: Kathrin Rosendorff

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