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Marco Linguri ist trans und Imam in Frankfurt: „Mit der Erschwernis kommt die Erleichterung“

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Von: Kathrin Rosendorff

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Marco Linguri hat eine ungewöhnliche Biografie: Der 32-Jährige ist trans und heute ein Imam in Frankfurt. Immer wieder muss er sich deswegen erklären.

Frankfurt – „Ich bin irgendwie bei der Geburt kaputtgegangen.“ Diesen Gedanken hat Marco Linguri, als er mit drei Jahren seinen Körper anschaut. Erst viele Jahre später spricht er es laut aus. So erzählt er es auf Tiktok und im Gespräch. Der 32-Jährige ist trans und ein Imam in Frankfurt. Immer wieder muss er sich erklären. Denn am häufigsten wollen Leute von ihm wissen: Wie kann es sein, dass er trans und gleichzeitig muslimischen Glaubens ist?

„Die erste Frage, die ich meistens gestellt bekomme, wenn die Leute wissen, dass mein Vater aus der Türkei kommt: Wie hat dein Vater darauf reagiert, dass du trans bist?“ Die Antwort seines Vaters: „Du bist mein Kind, ich liebe dich genau so, wie du bist, und ich werde immer für dich da sein.“ Sein Vater habe sich Sorgen um ihn gemacht, weil er Angst hatte, dass andere Menschen ihm wehtun könnten. „Aber seine Lösung war nicht: ‚Du musst anders sein‘, sondern seine Worte waren: ,Ich weiß nicht, wie ich dich beschützen soll.‘“

Queerer Imam in Frankfurt: „Es gibt unterschiedliche Auslegungen des Korans“

Linguris Biografie passt in keine Schublade: Er ist weiblich sozialisiert und katholisch erzogen worden. In der Nähe von Frankfurt wächst er auf, die Mutter ist Deutsche. Sein Vater kommt in den 70er Jahren nach Deutschland. Denn: „Die Familie meines Vaters gehört zur griechischsprachigen christlich-rhomäischen Minorität, die in Istanbul verfolgt, vertrieben und zum Teil eben auch getötet wurde.“

Marco Linguri ist trans, Imam und im Vorstand des Liberal-Islamischen Bund.
Marco Linguri ist trans, Imam und im Vorstand des Liberal-Islamischen Bund. © Renate Hoyer

Beim Interview auf einer Bank am Mainufer ist Marco Linguri sofort sympathisch, aber zunächst etwas abwartend. Man merkt, dass er schon öfter unsensible Fragen gestellt bekommen hat. Blöd angemacht wurde. Sobald er sich öffnet, wird klar: Linguri ist jemand, der Fakten nicht hinnimmt, sondern hinterfragt. Auf seinem Instagram-Account „Coffee and Identity“ (Kaffee verträgt er nicht, habe er aber jahrelange getrunken, um sich anzupassen) fragt ein Abonnent: „Verbietet der Koran/Islam Homosexualität?“ Linguri antwortet: „Nein, es gab schon immer Koranexeget:innen, die es nicht so gesehen haben wie der heutige Mainstream.“ Im Gespräch betont er: „Es gibt unterschiedliche Auslegungen des Korans. Ich muss mit meinen Verstand drangehen und überlegen, welche für mich die argumentativ sinnvollste ist. Mein Ziel ist es nicht, dass andere ihre Auslegungen ablegen, sondern dass wir miteinander reden können.“

Imam in Frankfurt: Nach Outing erste Erfahrungen mit Transfeindlichkeit

Vor wenigen Monaten hat Linguri seine Ausbildung zum Imam bei einem Gelehrten in Marseille abgeschlossen. Bereits seit 2018 ist er beim Frankfurter Liberal-Islamischen Bund (LIB) aktiv. Er ist nicht nur im Vorstand, sondern dort auch für die Queer-Muslimische Beratung zuständig.

Der Liberal-Islamische Bund versteht sich als eine inklusive muslimische Gemeinschaft. Hier dürfen auch Frauen vorbeten und Menschen jedweder Geschlechtsidentität und sexuellen Orientierung heiraten. „Solange einer von beiden muslimisch ist“, sagt Linguri, der selbst schon länger Eheschließungen vornimmt.

Der Liberal-Islamische Bund

Der im Jahr 2010 gegründete Liberal-Islamische Bund (LIB) ist eine bundesweit aufgestellte islamische Religionsgemeinschaft, die Muslim:innen mit einem liberalen und progressiven Islamverständnis eine spirituelle Heimat bieten will.

Es gibt deutschlandweit Gemeinden des LIB, unter anderem in Hamburg, Köln, Stuttgart und Frankfurt.

Jede:r ist willkommen bei den Gemeindetreffen in Frankfurt – ob Ma nn, Frau oder nichtbinär, queer oder nicht queer, mit oder ohne Kopftuch, BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) oder weiß. Auch nichtmuslimische Menschen sind eingeladen, an den Gemeindetreffen teilzunehmen.

Die Treffen finden online jeden Sonntag (18 bis 20 Uhr) sowie persönlich am dritten Samstag eines jeden Monats statt. Die jeweiligen Treffen werden per E-Mail angekündigt. Der LIB bittet um Anmeldung unter: frankfurt@lib-ev.de

In der Gemeinde gibt es keine:n feste:n Vorbeter:in, sondern die freiwilligen inklusiven Gebete werden von Menschen verschiedener Geschlechter abwechselnd geleitet. Eine Geschlechtertrennung oder das Kopftuch beim Gebet wird nicht vorgeschrieben. Falls jemand nicht an dem gemischtgeschlechtlichen Gebet teilnehmen möchte, steht ihm oder ihr dies offen. Weitere Info auf: https://lib-ev.de/

Auf Instagram und Tiktok ist der LIB zu finden unter: liberal_islamischer_bund

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Mit 13 outet er sich als lesbisch, weil er bis dahin noch nie etwas von trans Menschen gehört hatte. „Ich wusste nicht, dass ich mich anders ausdrücken darf. Ich habe gedacht, dass es eine Art von Frauen gibt, die so komisch empfinden wie ich.“ Bis er mit 23 Jahren auf Youtube ein Video zum Thema trans entdeckt. Sein erster Gedanke: „Ich habe endlich die Lösung. Ich bin nicht komisch. Ich bin trans. Fertig. Ich darf endlich als Mann leben. Ich bin heterosexuell. Aber dann, als ich den Leuten das ganz fröhlich erzählte, machte ich meine erste Erfahrung mit Transfeindlichkeit. Leider. Es waren Leute, die mir nahestanden. Nicht aber meine Familie.“

Imam aus Frankfurt hat am meisten Angst vor Islamkritiker:innen

Linguri betont, dass sich Queerfeindlichkeit durch alle Gesellschaftsschichten zieht: „Es gab bislang keine muslimische Person, die mir persönlich aus Queerfeindlichkeit wehgetan hat.“ Viele transfeindliche, sehr aggressive Kommentare bekomme er von schwulen Cis-Männern. „In der queeren Community gibt es zudem oft auch das rassistische Vorurteil, dass alle Muslime queerfeindlich seien. In dieser oft sehr weißen Community werde ich als Aggressor wahrgenommen, wenn ich sage, dass ich muslimisch bin.“

Er erzählt auch von einem Islamkritiker, der ihn in der WG einer Freundin angegriffen habe. „Er hat gesagt, dass der Islam eine gewalttätige Religion sei, und meinte, er müsse mir deswegen ins Gesicht schlagen.“ Seitdem habe er vor Islamkritiker:innen am meisten Angst.

Frankfurt: Mit Mitte 20 entdeckt Linguri den Islam für sich

Wie kam Linguri überhaupt dazu, zum Islam zu konvertieren? „Ich habe immer schon an etwas Höheres geglaubt. Anfangs dachte ich: Es gibt nicht so viele andere Lösungen, du musst katholisch bleiben.“ Dann aber kamen immer mehr homophobe Äußerungen aus dem Vatikan. „Und spätestens bei dem Vergleich, der in die Richtung ging, ‚die trans Menschen sind die Atombombe‘, war ich raus.“

Der Islam kam in sein Leben, als eine Freundin ihm Geschichten aus dem Koran erzählte. „Irgendwann hatte ich das Bedürfnis, das Original durchzulesen.“ Aber an den Beitritt zu einer Gemeinde dachte er zunächst nicht, in ähnlichen Gemeinschaften habe er schon genug schlimme Dinge erlebt. „Religion ist was zwischen mir und Gott, und ich habe keine Lust, dass mir da alte Männer reinquatschen, die mir weiterhin erzählen wollen, wie ich zu glauben habe. Darauf reagiere ich allergisch.“ Linguri bringt sich selbst das Beten bei; er beginnt, Texte aus dem Koran zu lesen. Da ist er Mitte 20.

Frankfurt: Freundlicher Empfang beim Liberal-Islamischen Bund

Irgendwann habe er dann das Positionspapier zum Thema Homosexualität des Liberal-Islamischen Bunds in die Hand bekommen. Der erste Satz lautet: „Der Liberal-Islamische Bund versteht sich als eine inklusive muslimische Gemeinschaft, die alle Geschlechter, alle Geschlechtsidentitäten und alle sexuellen Orientierungen gleichberechtigt willkommen heißt.“ Dennoch habe er anfangs gezögert, dort hinzugehen, aus Angst, wieder abgelehnt zu werden.

2018 stellt er sich beim ersten Treffen vor: „Ich bin Marco, und ich bin trans.“ Die Frau, die in der Gemeinde im Vorstand ist und ihm die Tür öffnet, antwortet: „Ach ja, schön. Möchtest du zum Kuchen reinkommen?“ An dem Tag habe er zum ersten Mal in der Gemeinschaft gebetet. „Das war wunderschön. Sie hat auch meinen Lieblingsvers im Koran vorgebetet: ‚Mit der Erschwernis kommt die Erleichterung.‘“ Sure 94, Vers sechs.

Transsexueller Imam in Frankfurt: Operation zu Corona-Zeit

Diesen Vers betet er auch im Juni 2020, als er sich für die Operation entscheidet, die seine Brust entfernt und dann angleicht. „Es war Corona-Zeit. Als ich aufwachte, schaute ich nicht in geliebte Gesichter. Wenn du Glück hattest, kam eine Krankenschwester vorbei. Einsamer kann man sich nicht mehr fühlen. Am Abend, nachdem ich meine Mastektomie hatte, ging ich in die Krankenhauskapelle. Ich habe den Stuhl Richtung Mekka gestellt, mich hingesetzt, mit Blutbeutel und Schläuchen auf dem Schoß bei Kerzenlicht gebetet. Das war ein sehr besonderer Moment für mich. Dieses Gefühl: Du bist nicht allein, egal wo du bist.“ Nicht mehr allein. Seitdem er beim Liberal-Islamischen Bund ist, fühlt er sich am richtigen Ort, in der richtigen Gemeinschaft. „Es passte alles wie Puzzleteile zusammen. Hier möchte ich meine Spiritualität leben. Mit diesen Menschen möchte über meine Spiritualität reden.“

Nach seinem Abschluss in Romanistik studiert er islamische Theologie. Immer wieder wird er zu Vorträgen zum Thema „Queer und muslimisch“ eingeladen. „Das mache ich auch sehr gerne. Aber eigentlich bin ich Linguist. Dazu wurde ich bislang aber nur einmal eingeladen“, sagt er und lacht.

Imam aus Frankfurt will bei Social Media aktiv bleiben

Linguri erregt heute im Alltag keine Aufmerksamkeit mehr, aber er erinnert sich noch an viele schmerzhafte U-Bahn-Fahrten. „Ich hatte damals noch kein Testosteron genommen, aber ich habe schon als Mann gelebt. Die Leute haben an meinem Körper hoch- und runterblickt und Anzeichen gesucht, weil sie mich nicht einordnen konnten. Es war wirklich ekelhaft. Ich habe früher immer gescherzt: In Deutschland haben die Leute ein großes Hobby, nämlich rauszufinden, welches Geschlecht andere haben. Warum kann es einem nicht egal sein? Ich kann den Menschen nicht zuordnen: How about I don’t care?“

Solange Situationen wie diese für viele trans Menschen die Realität bleiben, will Linguri weiter auf Social Media und bei Vorträgen aktiv sein: „Wenn unsere Generation laut genug ist, dann muss die nächste Generation vielleicht nicht mehr so laut sein. Vielleicht dürfen Menschen dann, auch wenn sie trans sind, einfach nur normal sein.“ (Kathrin Rosendorff)

In Hessen nehmen Angriffe auf die queere Community zu: Das Landeskriminalamt registriert höhere Fallzahlen. Derweil werden hauptamtliche LGBTQI+-Beauftragte bei der Polizei gefordert.

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