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Krieg in der Ukraine – Stimmung in Frankfurt angespannt

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Von: Oliver Teutsch, George Grodensky

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Unbekannte haben ihren Protest gegen Putin vor die Einfahrt zum Generalkonsulat der Russischen Föderation gesprüht.
Unbekannte haben ihren Protest gegen Putin vor die Einfahrt zum Generalkonsulat der Russischen Föderation gesprüht. © Monika Müller

Jeden Tag demonstrieren Menschen vor dem russischen Generalkonsulat in Frankfurt. Andere versuchen ihren Alltag zu leben, sind aber in Gedanken bei der Ukraine.

Frankfurt – Die Stimmung in Frankfurt ist angespannt. Zumindest am Generalkonsulat der Russischen Föderation an der Eschenheimer Anlage. Dort ist jeden Tag eine Mahnwache gegen den Krieg in der Ukraine. Der Fahrer eines Fast-Food-Lieferdienstes ruft den Demonstrierenden etwas auf Russisch zu, sie antworten. Es ist ein Dialog mit Schärfe. Ein Polizist schreitet ein und bitte alle Beteiligten, sich auf Deutsch zu äußern, damit er den Überblick behalte. „Seit acht Jahren ist dort endlich wieder Frieden“, übersetzt der Fahrer seine Worte. Er meint die Ukraine. Die Demonstrierenden sind empört.

Große Aufregung auch am Nachmittag. Die FR hat eine Fotografin geschickt, um sich bei der Mahnwache umzusehen. Sie entdeckt vor den Toren auf dem Bürgersteig einen Schriftzug zu Putin. Als sie ihn fotografiert, kommen Bedienstete aus dem Gebäude und machen ihrerseits Fotos von der FR-Fotografin. Kurz darauf erscheint eine offenbar alarmierte Polizeistreife und erklärt der verblüfften Fotografin, sie werde verdächtigt, den Schriftzug selbst aufgetragen zu haben. Die Aufregung legt sich erst, als ein weiterer Konsulatsmitarbeiter erscheint und der Polizei offenbar das Video einer Überwachungskamera zeigt. Die Fotografin ist unschuldig.

Wegen Ukraine-Krieg jeden Tag vor Konsulat in Frankfurt: „Vater kämpft gerade“

Angespannt ist auch Kateryna von Bonin. „Mein Vater ist 63 Jahre alt und kämpft gerade“, sagt sie mit Tränen in den Augen. Seit Donnerstag ist von Bonin jeden Tag mit Megafon vor dem Konsulat in Frankfurt, auch sonntags. Sie wolle nicht, dass es hier ruhig ist und die Diplomaten vergessen, was der russische Präsident in Europa ausgelöst habe. „Wir wollen die Menschen aufwecken, dass sie sich gegen Putin stellen. Nur so kann der Krieg gestoppt werden.“

Manche möchten aber nicht geweckt werden. Viele aus der russischen Community stünden weiterhin zu ihrem Präsidenten, manche drohten oder beleidigten sie, erzählt von Bonin. Aufhören wird sie dennoch nicht. In Russland gebe es keine richtige Berichterstattung. „Putin lügt seine eigene Bevölkerung an. Es sind schon viele russische Soldaten gestorben. Das muss aufhören“, fordert sie.

„Ich bin so böse auf Putin“: Entrüstung in Frankfurt über Angriffskrieg auf Ukraine

Uwe Middelanis protestiert ebenfalls. „Mein Gewissen sagt mir, dass das richtig ist, hier zu stehen. Allein durch Präsenz kann man schon etwas bewirken“, sagt er. Bis vor kurzem habe er es für undenkbar gehalten, dass es einen Angriffskrieg in Europa geben könnte. Die Gefahr, auch für Deutschland, dürfe nicht unterschätzt werden. Middelanis denkt an seine Söhne. Sollte Deutschland tatsächlich die Wehrpflicht wieder einführen, sie würde es treffen.

Neben ihm steht Alexander Tartakowski, ein Ukrainer, der vor knapp dreißig Jahren mit seiner Frau und zwei kleinen Töchtern nach Deutschland gekommen ist. „Ich bin so böse auf Putin“, er sucht nach passenden Worten. Viele seiner Familienmitglieder und Freunden seien seit Tagen in Kellern verbarrikadiert, um sich vor dem Bomben zu schützen. Er ist froh über die Sanktionen, die der Westen nun getroffen hat. Auch über den deutschen Beitrag.

Krieg in der Ukraine: Stimmung auf der Frankfurter Zeil gedrückt

Tartakowski erinnert sich gut, wie er nach Deutschland gekommen ist, Anfang der 90er. Er habe drei Tage gebraucht, um nur ein Wort zu lernen. „Entschuldigung konnte ich einfach nicht aussprechen.“ Jetzt spricht er fließend Deutsch. Aber alle Mühen seien es wert gewesen. Umso weniger könne er den Krieg begreifen, es gebe schließlich immer diplomatische Wege.

Auch er fordert Russen auf, sich zu solidarisieren und sich gegen Putin zu stellen. Nicht leicht, weiß Tartakowski, angesichts der „Propagandamaschine“, die Putin in Russland installiert habe und die in Deutschland bei Russischstämmigen Anklang finde. Dennoch: „Wir müssen hier alles machen, was wir tun können, auch wenn wir Abstriche in unserem Alltag machen“, sagt Tartakowski.

Hilfsstrukturen in Frankfurt

Die Stadt koordiniert mögliche Unterbringungen, erste Lieferungen sind auf dem Weg an die Grenze: Die Hilfsbereitschaft für die Menschen in der Ukraine ist in Frankfurt groß. Am Wochenende kamen bei einer Sammelaktion an der Hauptwache unzählige Sachspenden zusammen. Im Hintergrund laufen die Vorbereitung für die Aufnahme von Geflüchteten aus dem Kriegsgebiet. Die Stadtverwaltung sieht sich gut vorbereitet.

Der Alltag hat sich in Frankfurt noch nicht groß verändert. „Aber es betrifft einen natürlich schon, es betrifft alle“, sagt Oliver Ropp. Er ist mit seiner Frau auf der Zeil einkaufen. Überrascht seien sie, dass der Krieg tatsächlich ausgebrochen ist. „Es belastet und ist im Hinterkopf anwesend, vor allem weil es eine Unsicherheit gibt, wo das noch hinführt“, sagt Ropp.

So geht es vielen auf der Zeil. Etwa Manu, Emily und Letizia. Die drei Freundinnen nutzen den schulfreien Tag in der Stadt. „Aber das ist so belastend und liegt mir auf der Seele“, sagt Emily. Sie fühle sich komisch, das so zu sagen, da sie nicht direkt betroffen sei, aber sie habe sehr großes Mitgefühl für die Bevölkerung in der Ukraine. Die Freundinnen stimmen zu. „Es tut uns unfassbar leid und wir können uns so etwas hier in Deutschland ja noch nicht mal vorstellen“, beschreiben sie ihre Gefühle. Auch in der Schule sei der Krieg ständig Thema. „Es ist gut, dass darüber geredet wird. Auch wenn man sich hilflos fühlt“, sagt Letizia. Manu bestätigt das, sie sei froh, wenn sie sich ablenken könne.

Flughafen Frankfurt: Flüge nach Russland fallen weg

Radka Rashkova fühlt sich ebenfalls schlecht und hat Angst, weil Putin militärisch drohe. In ihrem Freundeskreis seien alle ängstlich und würden sich Sorgen machen. Das fühle sich schon teilweise normal an. „Selbst wenn ein Flugzeug hier entlangfliegt, ist hinterlässt es eine ungute Stimmung“, sagt sie.

Die Zahl der Starts und Landungen am Frankfurter Flughafen hat sich auch nicht sehr verändert, obwohl die EU und Russland sich gegenseitig den Luftraum gesperrt haben. Rund 870 Flugbewegungen hat Fraport-Sprecher Dieter Hulick für Montag auf dem Zettel. Die vier Maschinen nach Moskau, drei für Passagiere, eine für Fracht, fallen weg. Bleiben etwa 430 Starts, sagt Hulick nüchtern. Am Dienstag fallen vier Flüge nach St. Petersburg aus, Mittwoch der Frachtflug nach Krasnodar. Auch der ukrainische Luftraum ist zu. Die Lufthansa bietet ihren Fluggästen an, die Tickets zu erstatten. Oder in ein angrenzendes oder von einem angrenzenden Land zu fliegen – Moldawien, Polen, Slowakei, Ungarn, Rumänien.

Krieg in der Ukraine: Keine Hamsterkäufe in Frankfurt

Angespannt ist die Lage, aber nicht panisch. Hamsterkäufe sind in Frankfurt keine zu beobachten. Der Handelsverband fragt wegen der Pandemie wöchentlich bei den Märkten das Einkaufsverhalten der Kundinnen und Kunden ab oder ob die Lieferanten Schwierigkeiten haben. „Es gibt keine Meldungen über Auffälligkeiten“, sagt Joachim Stoll, Vizechef des Hessischen Handelsverbandes.

Sibylle und ihre Tochter Charlotte wollen sich einfach einen schönen Tag auf der Zeil machen. „Trotzdem sind da die Gedanken, das ist so traurig und schlimm“, sagt Sibylle. Nachdem die Coronazahlen allmählich besser würden, hatten die beiden gehofft, dass das Leben wieder unbeschwerter werde. Mit dem Krieg ist diese Hoffnung jedoch zerstört. (George Grodensky, Oliver Teutsch)

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