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Thomas Szymanski mit Puppe Gerda Schambach, der Klatschbase. Vor der Vorstellung überprüft der Puppenspieler, dass das Äußere auch richtig sitzt.
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Thomas Szymanski mit Puppe Gerda Schambach, der Klatschbase. Vor der Vorstellung überprüft der Puppenspieler, dass das Äußere auch richtig sitzt.

Frankfurt

Der mit den Puppen spricht

  • Steven Micksch
    VonSteven Micksch
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Thomas Szymanski leitet das Frankfurter Puppentheater in Sindlingen. Was als Hobby anfing, füllt den 59-Jährigen heute vollkommen aus. Einen großen Traum hat er aber noch.

Gerda Schambach schaut sich um. Ihre roten Haare sind adrett zu einem Dutt gebunden. Ein breites Grinsen zeichnet sich auf ihrem Gesicht ab. „Oh wir haben Gäste“, babbelt sie in schönstem Hessisch. „Ich helfe dem da, damit der Laden hier läuft“, sagt sie und deutet auf den Mann hinter ihr. Der verdreht etwas die Augen. Die Gerda macht mal wieder was sie will. Dabei sollte er, Thomas Szymanski, doch das Kommando über seine Puppen haben. Aber bei rund 200 Figuren ist es gar nicht so leicht, die Oberhand zu behalten.

Szymanski ist 59 Jahre alt und leitet das Frankfurter Puppentheater im Haus Sindlingen. „Angefangen hat es, als ich zehn Jahre alt war und mir aus einem Küchentisch, Stühlen und Vorhängen eine Bühne gebaut habe“, erinnert er sich. Damals hatte er Bärenmarkefiguren und eine Mundharmonika, um sich Geschichten auszudenken – er war Erzähler, Beleuchter und Spieler in einem. „Schon damals hatte ich tolle Stimmen für meine Charaktere drauf.“

Einen Sprung nach vorne machte Szymanski als er die Handpuppen der Familie bekam. Trotzdem entschied er sich für einen „normalen Beruf“ und begann eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Das Puppenspiel geriet aus Zeitmangel etwas in den Hintergrund. Doch der 59-Jährige wollte unbedingt wieder an sein Hobby anknüpfen und über den Verleger Wilfried Nold bekam er Kontakt zu Franz Heinz Wolf. Dieser war ein Spezialist im Bühnenbau und lehrte Szymanski das Handwerk des Puppenspiels.

„Auch meine Bühne ist eine Wolfsche-Bühne“, sagt der zugezogene Frankfurter und deutet auf den großen Schauplatz, den er an jedem Wochenende mit Leben füllt. Fast 20 Geschichten hat Szymanski im Kopf – alte und neue. Die Stücke reifen heran, erfahren Änderungen und Abwandlungen mit zunehmender Spieldauer. „Manchmal merkt man erst später, dass etwas noch nicht ganz passt. Oder es kommt mir eine neue gute Idee, die ich mit einbringe.“

Auch die Entwicklung seiner Figuren ist ein Prozess. Immer wenn der 59-Jährige eine neue Puppe bekommt, betrachtet er sie eine Zeit lang. „Ich überlege, welche Stimme sie haben könnte.“ Dann beginnt ein Zwiegespräch mit dem Charakter auf seiner Hand. Bei einigen geht es ganz schnell, bei anderen kann es aber auch sein, dass es deutlich länger dauert. Kasper, Seppel, Heini oder auch die Odenwaldräuber Knolle und Zinken – jede Figur hat ihre eigene Stimme, ihren eigenen Charakter und individuelle Eigenheiten.

Diese Unverwechselbarkeit verdanken sie auch ihrem Aussehen. „Eine der wichtigsten Begegnungen war wohl das Treffen mit Till de Kock“, erinnert sich Szymanski. De Kock wurde in Belgien geboren und wuchs in Deutschland auf. Der Puppenbildner lebte mit seiner Frau Hilde unter anderem in Kiel und später im Harz. Als der Frankfurter Puppenspieler einige Figuren von ihm gefertigt haben wollte, beorderte ihn der Schnitzer zunächst in den Harz. Hier wollte der Meister ihn kennenlernen, schauen ob er auch mit dem Herzen dahinter steht. Szymanski spielte ihm vor, de Kock zeichnete. Die Konzeptzeichnungen legte er ab – unter S wie Szymanski. Sie sollten ihm als Orientierung für alle zukünftigen Aufträge dienen. Die Wartezeit für die Puppen: zwei Jahre. Szymanski klappte die Kinnlade runter, aber er wartete. „Ich habe dem Tag entgegengefiebert.“

Enttäuscht wurde er nie. Einmal kam ein großes Paket an. Ganz oben lag der bestellte Kapitän. „Vielleicht war es Absicht von Till de Kock“, sagt Szymanski. Er sah die Puppe und wusste sofort: „Das ist mein Kapitän.“ Genau so hatte er ihn dem Schnitzer in einem Brief beschrieben. Viele weitere Figuren folgten in den Jahren bis zu de Kocks Tod 2010. Alle Puppen haben stets zu Szymanski gepasst, sie waren sozusagen genau auf ihn „zugeschnitzt“ worden. Die Älteste unter ihnen ist der Seppel – 35 Jahre begleitet er seinen Freund Szymanski nun schon von Stück zu Stück.

Die meisten seiner Stücke hat sich der in Darmstadt geborene Puppenspieler selbst ausgedacht. Deswegen habe er den Großteil der Bilder bereits im Kopf. „Ich schreibe mir nur wenig vorher auf.“ Auch proben muss der 59-Jährige in aller Regel nicht. Auch wenn er weiß, dass viele seiner Kollegen es tun. „Ich habe mich schon immer einfach hingestellt und drauflosgespielt.“

Was Szymanski besonders gefällt, ist die Direktheit der Kinder während des Spielens. Die Kleinen seien sehr fantasievoll und sagen auch einfach mal, dass der Geist bloß ein umfunktionierter Kochlöffel ist. „Ich bin heute mutiger und versuche auch die Erwachsenen aus der Reserve zu locken“, sagt der Theaterleiter. Wenn er offensiv auf das Publikum zu geht und die Erwachsenen mitspielen, steigt der Spaß für Groß und Klein.

Allein von der Kunst konnte der 59-Jährige lange Zeit nicht leben. Heute versucht er es zumindest. Seit 2007 ist er professioneller Puppenspieler. Mit Auftritten auf Kindergeburtstagen hat er eine Nische für sich gefunden. „Trotz der modernen Zeit.“ Aber das Spielen mache ihm Spaß es fülle ihn aus. Szymanski hat seinen Weg gefunden – er wusste wie schwer er sein würde. „Solange, ich es gesundheitlich noch kann, werde ich weiterspielen.“ Eine große Portion Idealismus zeichne ihn aus.

Einen Traum hat er noch: „Der Schatz im Silbersee“. Der große Karl-May-Fan hat bereits vier Puppen für das Stück anfertigen lassen und würde gern mit der Inszenierung beginnen. Doch die Mittel fehlen, um starten zu können. Er hoffe auf Spender, die mit Karl May aufgewachsen seien und an einer Realisierung ebenso interessiert wären wie er. Kritik geht dabei auch in Richtung des Kulturamts der Stadt. „Wir Kindertheater werden beim Verteilen immer vergessen oder kommen an letzter Stelle.“ Zwar erhält er eine kleine Förderung – jährlich 1000 Euro, um die fixen Kosten auszugleichen – für die er auch sehr dankbar ist. Nichtsdestotrotz würden die großen Einrichtungen Frankfurts den Hauptteil bekommen. Die Übrigen müssten sich den kleinen Rest auch noch teilen. „Ich verstehe, dass jeder etwas haben will, aber einige Einrichtungen werden dabei sogar bevorzugt.“ Hoffnung, dass er den „Schatz im Silbersee“ mit Hilfe des Kulturamtes noch auf die Beine stellen kann, habe er nicht. „Ich muss mit dem arbeiten, was ich habe.“

Doch dass Wunder auch beim Puppenspielen geschehen können, zeigt Szymanskis Vergangenheit am besten. Vor vielen Jahren wurde ihm bei einem Auftritt auf dem Bergerstraßenfest sein schwarzer Rucksack gestohlen. Alles wäre ersetzbar gewesen, doch nicht die im Rucksack befindlichen vier Puppen, die der Dieb – vermutlich unbewusst – stahl. Szymanski war unendlich traurig. „Als ob man sein Kind verliert“, beschreibt er es. Bis heute sind die Puppen nicht wieder aufgetaucht. Einige Jahre später brachte ihm eine Bekannte eine Kiste. „Schon wieder Stoffreste?“, fragte er. „Nein, mach mal auf“, erwiderte sie. Als er in die Kiste blickte konnte er seinen Augen kaum trauen. Mehrere aus Holz geschnitzte Handpuppen waren darin. Der Clou: die Puppen waren von Till de Kock gefertigt, das erkannte Szymanski sofort. „Ich glaube, dass das die Wiedergutmachung für den Diebstahl war“, sagt er heute.

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