1. Startseite
  2. Frankfurt

„In der Pubertät droht der Absturz“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Regine Seipel

Kommentare

Jungstar Macaulay Culkin, macht mit Drogeneskapaden Schlagzeilen.
Jungstar Macaulay Culkin, macht mit Drogeneskapaden Schlagzeilen. © Getty Images/AFP

Die Kinderpsychotherapeutin Ariadne Sartorius ist in Frankfurt seit 10 Jahren mit in einer eigenen Praxis niedergelassen. Im Interview spricht sie über Gefahren und Vorteile des frühen Ruhms.

Der Bedarf an Kinderstars ist groß. Welche psychologischen Folgen hat früher Ruhm?
Mir sind zwar keine Studien bekannt, die dazu Aussagen treffen. Aber wir kennen viele Fallbeschreibungen von Menschen, denen der Erfolg in der Kindheit nicht gut bekommen ist. Aber es gibt auch Gegenbeispiele. Jodie Foster hat zum Beispiel schon mit drei Jahren erste Aufnahmen gemacht und führt meines Wissens ein ziemlich stabiles Erwachsenenleben.

Welche Gefahren drohen?
Mädchen und Jungen, die früh zu Ruhm kommen, haben keine normale Kindheit, das verträgt nicht jedes Kind.

Können kleine Stars, die es gewohnt sind, immer im Mittelpunkt zu stehen, überhaupt soziale Fähigkeiten entwickeln?
Die normale Entwicklung verläuft oft sehr eingeschränkt. Zum Beispiel verändern sich Freundschaften durch die Bekanntheit in den Medien. Ein Kinderstar kann nicht mehr einfach mit seinem Kumpel nach der Schule kicken gehen. Er kann nicht unterscheiden, ob er nur bewundert oder auch gemocht wird, steht im Licht der Öffentlichkeit und damit immer unter Beobachtung.

Merken die Kinder das?
Sie genießen es, von allen gemocht zu werden und tun daher auch alles dafür. Damit wird es schwer, sich authentisch zu verhalten und zu merken, was man wirklich will. Eltern haben die verantwortungsvolle Aufgabe, für ihre Söhne und Töchter eine „Wahlbiografie“ zusammenzustellen, ihnen Angebote zu machen, die die Kinder fördern und ihnen Freude bereiten. Wenn es gut läuft, beobachten sie ihre Kinder, schauen nach ihren Fähigkeiten und Ressourcen. Wenn es schlecht läuft, überfordern sie die Kinder.

Oft treiben zielstrebige Eltern die Karriere ihrer Sprösslinge voran. Wer schützt diese Kinder?
Man kann nur hoffen, dass ehrgeizige Väter und Mütter gute Freunde oder Verwandte haben, die sie warnen und beobachten, wie es dem Kind bei den Engagements geht. Kinder zeigen, wenn es ihnen schlecht geht. Es muss nur jemand da sein, der die Signale versteht.

Welche sind das?
Sie ändern ihr Verhalten, können nicht mehr wie zuvor schlafen, essen weniger oder mehr, spielen nicht mehr altersentsprechend, entwickeln Ängste, werden unkonzentriert, zeigen aggressive Verhaltensweisen, ziehen sich zurück. Es geht um Veränderungen, die von innen heraus kommen und die – wenn nicht von den Eltern – dann hoffentlich im Umfeld bemerkt werden.

Können Eltern verantwortungsbewusst sein und ihr Kind trotzdem in einer Filmproduktion mitspielen lassen?
Ja, wenn sie es schaffen, eine gute Balance zwischen Kindsein und Förderung herzustellen. Es ist ja nicht zu verdammen, dass ein Kind schauspielerisches Talent erprobt und auslebt. Die Frage ist, ob irgendwann das halbe Leben um den „Dreh“ kreist und das Kind berufstätig wird oder noch Kind sein kann.

Wie lässt sich das verhindern?
Wenn das Kind in den Kindergarten oder in die Schule geht, Spaß mit Freunden hat, draußen herumtoben oder auch mal nichts tun kann, ist die Schauspielerei nicht mehr als ein ernstzunehmendes Hobby und kann durchaus förderlich sein.

Und was passiert dann in der Pubertät?
Da folgt häufig der Absturz. Das niedliche Image geht verloren und nur wenige Stars schaffen es in der Adoleszenz, ihre Bekanntheit aufrechtzuerhalten. Das vollzieht sich in einer sehr sensiblen Lebensphase, in der man sich ohnehin mit seiner ganzen Identität infrage stellt.

Was kann gegen diesen Rückschlag helfen?
Das Kind muss die Chance haben, Stärken auch außerhalb der Schauspielerei zu entwickeln. Es muss wissen, dass es auch für andere Eigenschaften geliebt wird und, das ist ganz wichtig, dass es gemocht wird, auch wenn es Fehler macht. Das ist bei Menschen in der Öffentlichkeit immer sehr schwer, weil sich die Medien oft auf jeden Ausrutscher stürzen.

Sind Kinderstars deswegen besonders suchtgefährdet?
Ich kenne keine Studien, die belegen, dass Kinderstars in der Pubertät vermehrt zu Straftaten oder Drogenkonsum neigen. Aber psychologisch erklärbar wäre das. Der Verlust an Aufmerksamkeit, wenn man plötzlich nicht mehr gefragt ist, kann zu Exzessen führen, nur um weiter in der Öffentlichkeit präsent zu sein. Es könnte sein, dass man versucht, die Sehnsucht nach Anerkennung, tollen Erlebnissen und starken Gefühlen mit Drogen zu stillen oder auch den Schmerz über den Verlust zu betäuben.

Dreharbeiten sind oft ein harter Job. Wie sollten Eltern auf ihre Kinder achten?
Sie sollten schauen, wie lange sich ein Kind konzentrieren kann, für ausreichende Pausen sorgen und aufpassen, um welche Rollen es geht. Es gibt ja Krimis, in denen Kinder schreckliche Dinge tun und sagen, die im wirklichen Leben verboten sind, zum Beispiel muss ein Mädchen fremde Männer küssen. Ist das okay, weil es „nur gespielt“ ist? Wie fühlt sich das Kind dabei? Wir halten sie in der Erziehung an, dazu Nein zu sagen und dann müssen sie plötzlich solche Szenen spielen, obwohl sie die Thematik manchmal auch gar nicht verstehen, etwa bei Gewaltszenen.

In welchem Alter können Kinder zwischen Rolle und Realität unterscheiden?
Etwa bis zum Schuleintritt vermischen Kinder Fantasie und Realität sehr stark, deswegen fällt es einem Vier- oder Fünfjährigen sehr schwer zu begreifen, dass nur etwas gespielt ist. Bei unter Siebenjährigen sollten Eltern daher sehr vorsichtig sein.

Kinderstar Heintje ist nicht am frühen Ruhm zerbrochen. Er ist 60 Jahre alt und singt immer noch ab und zu „Mama“. Was glauben Sie, wie hält er das aus?
Wahrscheinlich hat er gute Erinnerungen an schöne Zeiten. Er hat es halt nicht geschafft oder gewollt, einen Markt in der Musikbranche zu finden, der seiner psychosozialen Entwicklung entspricht, seinem zunehmenden Alter, wie etwa Udo Jürgens, der später „Mit 66 Jahren“ gesungen hat. Ob er solche Auftritte immer noch toll findet oder nur Geld verdienen will, würde ich Heintje selbst gern mal fragen.

Gibt es denn auch positive Aspekte von frühem Ruhm?
Bestimmt. Es tut gut, für seine Kompetenz anerkannt zu werden, Kinderstars kommen herum, sammeln tolle Lebenserfahrungen, bei denen sie viel lernen. Daraus entstehen auch Selbstbewusstsein und Stärke. Aber die Erwachsenen müssen sensibel mit ihnen umgehen.

Interview: Regine Seipel

Auch interessant

Kommentare