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Flur einer westfälischen Psychiatrie. Auch in Höchst soll mit Licht und Farbe ein freundlicheres Ambiente geschaffen werden.

Nach der Wallraff-Reportage

Psychiatrie: „Dilemma des Rechtsstaats“

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Der Psychiater Martin Finger spricht über uneinsichtige Patienten, drohende Versorgungslücken und seine Sicht auf die Wallraff-Reportage.

Martin Finger (57) ist seit knapp zehn Jahren niedergelassener Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Frankfurt-Bockenheim. Das Klinikum Höchst ist für den Stadtteil zuständig. Er ist Vorstandsmitglied des Berufsverbands deutscher Nervenärzte (BVDN) Hessen. 

Herr Finger, die Wallraff-Reportage zeigt erschreckende Zustände in der geschlossenen Psychiatrie in Höchst. Deckt sich das mit ihren Erfahrungen?
Bei mir entstand der Eindruck, dass nur gezeigt wurde was schief läuft - nicht was gut läuft. Meine Erfahrung mit Höchst ist, dass stets versucht wird, die Patienten so schnell wie möglich aufzunehmen. Sie bekommen das Angebot, zur Not auf die beschützt geführte Station zu kommen. Beim Aufnahmegespräch entscheidet der Dienstarzt mit dem Patienten, ob eine stationäre Aufnahme erfolgt oder nicht. Wenn es Patienten auf der geschlossenen Station zu laut und hektisch war, wird ihnen schnellstmöglich eine Verlegung auf eine offene Station angeboten. Viele berichten, dass sie von einem stationären Aufenthalt in der Klinik Höchst sehr profitiert haben.

Ist die Stimmung auf der Akutstation immer etwas rau?
Das kann ich aus der Ferne nicht beurteilen. Die Rechtslage hat sich vor einigen Jahren geändert. Früher konnten Patienten, die auf einer geschützt geführten Station mit richterlicher Genehmigung untergebracht waren, gegen ihren Willen mediziert werden. Jetzt bedarf es jedes Mal einer Einzelgenehmigung des Richters. Ein ungeheurer Verwaltungsaufwand für die behandelnden Ärzte, aber es werden viel weniger Patienten gegen ihren Willen behandelt. Oft sind das die Krankheitsuneinsichtigen, die wegen akuter Selbst- und Fremdgefährdung untergebracht sind. Wenn sie jede Form von Therapie, also auch Gespräche, Psychotherapie und Ergotherapie ablehnen, kann schnell der Eindruck entstehen, dass sie nicht behandelt, sondern eher verwahrt werden. Dies stellt ein großes Dilemma für die Institution und die Behandler dar und verkompliziert die Situation. Im Kern ist dies ein Dilemma des freiheitlichen demokratischen Rechtsstaats, und ich glaube nicht, dass die Psychiatrie diese Probleme lösen kann.

Wann weisen Sie einen Patienten auf eine Akutstation ein?
In den Jahren als niedergelassener Psychiater und Psychotherapeut habe ich selten Patienten auf die geschützt geführte Akutstation in Höchst einweisen müssen. Die Einweisung erfolgte stets auf freiwilliger Basis, zumeist aufgrund von stark andrängenden Selbstmordgedanken.

Wo sind die Grenzen für Sie als niedergelassener Psychiater und Psychotherapeut?
Die Grundlage für eine erfolgreiche ambulante Behandlung ist ein ausreichendes Maß an Krankheitseinsichtigkeit und Therapiemotivation. Aber es kommen auch Patienten in Begleitung von Freunden oder Eltern, die sich in einer akuten psychischen Krise befinden. Das können zum Beispiel psychotische Episoden wegen Cannabiskonsums sein oder suizidale Krisen nach Trennungen. Die Angehörigen wünschen eine Diagnose und Behandlung. Das Dilemma entsteht, wenn diese Patienten auch nach dem Gespräch mit mir krankheitsuneinsichtig bleiben und auch weiterhin keine Behandlung wünschen. Wenn dann eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung nicht erkennbar ist, kann ich nur weitere Gesprächs- und Behandlungsangebote machen.

Martin Finger.

Woran fehlt es in der Versorgung?
Wir sind hier in Frankfurt ganz gut aufgestellt. Wir haben eine Vielzahl von Helfern auf verschiedenen Versorgungsebenen, die innerhalb von kurzer Zeit helfen können. Bundesweit können neuerdings psychiatrische Kliniken eine sogenannte stationäre äquivalente Behandlung anbieten. Das heißt, Ärzte, Pflegekräfte und Sozialarbeiter versorgen den Patienten zu Hause. Das kann stationäre Behandlungen verhindern. Das Modell dafür wurde unter anderem in Frankfurt entwickelt und wird seit vielen Jahren am Bamberger Hof sehr erfolgreich praktiziert. Wir niedergelassenen Psychiater bereiten ähnliche ambulante Versorgungsstrukturen vor, allerdings werden uns noch keine finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt. Auch gibt es Bemühungen, die Zusammenarbeit zwischen Hausärzten, ambulanten Psychiatern und Psychotherapeuten zu verbessern. Probleme sehe ich für die Zukunft.

Wieso sorgen Sie sich um die Zukunft?
Die Hälfte aller Fachärzte geht in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Davon wird das neurologisch psychiatrische Fachgebiet sehr stark betroffen sein, denn die Einnahmen liegen deutlich unter der anderer Fachärzte. Die sprechende Medizin ist im Vergleich zur Gerätemedizin deutlich unterbezahlt. Bleibt es dabei, werden schon aus finanziellen Gründen die wenigen jungen Kollegen sich eher gegen eine Niederlassung als Psychiater oder Neurologe entscheiden. Keine gute Grundlage für die Bekämpfung der Volkskrankheiten Depression und Demenz in Hessen.

Lesen Sie dazu: Das Klinikum Höchst arbeitet an Verbesserungen

Wie lange sind die Wartezeiten bei Ihnen?
Wenn ein Hausarzt aus Bockenheim mich wegen eines Problempatienten anruft und akuten psychiatrischen Behandlungsbedarf sieht, erfolgt die Versorgung durch mich sehr zeitnah. Die meisten meiner Kollegen in Hessen verfahren ähnlich. Patienten, denen ihr Psychotherapeut eine medikamentöse Behandlung empfiehlt, bekommen innerhalb von zwei Wochen einen Termin. Wer von weiter her kommt oder ohne ärztliche Empfehlung muss mit einer Wartezeit von zwei bis drei Monaten rechnen, in anderen Praxen sicherlich auch länger. Das liegt aber auch an den äußeren Zwängen.

Sie meinen die Terminservicestelle, die Patienten mit dringlicher Überweisung innerhalb von vier Wochen einen Termin vermitteln müssen?
Ja, in Hessen gibt es sie seit eineinhalb Jahren und sie trägt nicht zu einer Verbesserung der Patientenversorgung bei. 50 Prozent aller Anforderungen betreffen ambulante Psychotherapiegespräche. Die anderen 50 Prozent Fachärzte, davon wiederum 70 Prozent Neurologen und Psychiater. In unserem Berufsverband stellen wir fest, dass nur ein Bruchteil dieser Patienten eine dringliche psychiatrische oder neurologische Versorgung benötigt. Ein Drittel erscheint nicht zu dem vermittelten Termin. Andere befinden sich in Behandlung, sind aber unzufrieden. Nicht selten wünschen sie einfach nur eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung oder Einweisung in eine psychosomatische Klinik.

Psychische Krankheiten nehmen zu. Ihre Profession ist immer häufiger mit Burn-out konfrontiert. Wie erklären Sie sich das?
Meiner Ansicht nach liegt das am Arbeitssystem, wo die Arbeitsprozesse zunehmend verdichtet werden, Pausen nicht mehr wertgeschätzt werden, ausreichende Phasen der Regeneration nicht mehr möglich sind. Hinzu kommen noch die Probleme der Digitalisierung der Gesellschaft, wo zu viele Menschen ständig an irgendeinem Bildschirm sitzen und gar nicht mehr Distanz zu ihrem Tun und Handeln finden können. Es ist nicht nur die ständige Verfügbarkeit in der Arbeitswelt, die eine Rolle spielt, sondern auch die ständige Verfügbarkeit in der Welt der digitalen Medien. Die Möglichkeiten zu entspannen, lozulassen und sich mal mit anderen Dingen zu beschäftigen, werden immer seltener. Die Lösungen sind individualisiert: Sport, Yoga und Achtsamkeitstraining. Das ist sicherlich richtig und wichtig. Aber das reicht oft nicht aus. Um psychisch gesund zu bleiben, zur Prävention von Burn-oout und Depression, brauchen Menschen ein erfüllendes Arbeitsleben, mit ausreichender Zeit für soziale Kontakte und Regeneration.

Interview: Jutta Rippegather

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