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Das Gerichtszentrum in Frankfurt.

Landgericht Frankfurt

Therapeut wegen Kindesmissbrauch angeklagt

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Vor dem Landgericht beginnt der Prozess gegen einen mutmaßlichen Kinderschänder.

Als der Therapeut auf der Anklagebank des Landgerichts am Dienstagmorgen mit seiner Einlassung beginnt, werden die Zuschauer im Hochsicherheitssaal totenstill. Der von der gefühlten eigenen Eloquenz berauschte Angeklagte ist gewiss der Überzeugung, das liege an der Art seines Vortrags, und er gibt sich auch redlich Mühe: Er moduliert und verschachtelt seine Sätze, setzt Kunstpausen, vermengt medizinische Fachausdrücke mit Gossenvokabular, ist mal laut, mal leise, spricht mitunter überdeutlich, um dann vor sich hin zu nuscheln.

Doch sind es nicht die rhetorischen Talente des Angeklagten, die die Zuhörer in ihren Bann ziehen. Vielmehr bleibt bei manchem Anwesenden der Eindruck, niemals im Leben einen schlimmeren Unfug gehört zu haben, vorgetragen in einer unerschütterlichen Selbstherrlichkeit.

Dabei wäre die Anklage eher geeignet, ein wenig Demut walten zu lassen. Dem 53 Jahre alten Diplom-Psychologen werden sexueller Missbrauch an Kindern sowie der Besitz und die Verbreitung von Kinderpornografie vorgeworfen. Bei einer Hausdurchsuchung fanden die Ermittler knapp 63 000 kinderpornografische Bilder und Videos auf den Computern des Therapeuten. Er soll Kinderpornos auf Plattformen verbreitet und getauscht haben und andere für Livemissbrauch vor Webcams bezahlt haben.

Patienten beim Missbrauch in Thailand geflimt

Zudem soll er bei einer gemeinsamen Reise nach Thailand vor 13 Jahren einen seiner Patienten, der wegen seiner pädophilen Neigungen die Selbsthilfegruppe des Therapeuten besucht hatte, nicht nur beim Missbrauch eines Jungen gefilmt, sondern sogar gut hörbare Regieanweisungen gegeben haben.

Der damalige Patient und heute 45 Jahre alte Tobias M. ist vom Landgericht Bad Kreuznach im vergangenen Jahr wegen sexuellen Missbrauchs zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und neun Monaten verurteilt worden. Bei dem Prozess gegen seinen ehemaligen Therapeuten ist er nun der Hauptbelastungszeuge.

Aber seine für den gestrigen Verhandlungstag geplante Aussage wird auf den morgigen vertagt, weil der Therapeut so viel zu erzählen hat.

Und zwar das: Als Tobias M. damals zu ihm gekommen sei, sei dieser depressiv und suizidal gewesen. Er habe das Gefühl gehabt, in Deutschland würden ihm alle seine pädophilen Neigungen „an der Nasenspitze“ ansehen. „Mensch, Tobias“, habe er ihm als Duz-Therapeut da geraten, „Deutschland ist nicht die Welt“. Er solle doch mal Urlaub in Thailand machen, denn dort herrsche „keine deutsche Missmutigkeit“, „die Leute lächeln einen auf der Straße an“; es gebe viele tolle „Gerüche“ in dem Land, aber „keine Homophopie – das sind Buddhisten“, und zudem seien diese Asiaten ganz zauberhafte „androgyne Geschöpfe“ und „haben keine Haare“. Und da spricht der thailand-erfahrene Therapeut nicht von der Frisur.

Also habe sein Patient ohne sein Wissen und Wollen zwei Wochen Thailandurlaub gebucht. „Aber nicht als Sextourist“, habe er als Therapeut gewarnt, und der Tobias habe gesagt: Natürlich nicht, nur zum Kuscheln, und das sei ja aus ärztlicher Sicht unbedenklich. Und tatsächlich habe Tobias schon bald ein Kuschelkind gefunden. Therapeut G. nennt ihn „Pimpf“, „Bengel“ oder „Bursche“, er habe ausgesehen wie neun, aber Englisch geredet wie ein Alter. Tobias habe, wie er damals geglaubt habe, den Jungen aus Beschützergründen „in Obhut genommen“, um ihn dem Zugriff seines Zuhälters zu entziehen und ihm „ein paar schöne Tage“ zu schenken. Dass Tobias mit dem Jungen nicht bloß den Zoo und das Museum besucht habe, habe er erst zu Hause bemerkt, als er seine Kamera, die sich Tobias am vorletzten Abend der Thailandreise von ihm geliehen habe, durchgeschaut habe. „Ich habe schon Spektakuläreres gesehen“, sagt der Therapeut, aber er gebe zu: Schöne Tage sähen anders aus.

„Es ist nicht ganz einfach, einem Laien zu erklären, warum man mit einem Pädophilen nach Thailand fährt“, entfährt dem Therapeuten ausnahmsweise ein für alle nachvollziehbarer Satz, denn damit scheitert er auch beim Staatsanwalt. „Ich bin Diplom-Psychologe, kein Diplom-Moralist“ taugt da auch nicht als Erklärung.

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