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Prozess in Frankfurt: Plötzlich Geschäftsführer

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Von: Stefan Behr

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Der Prozess um den Überfall auf einen Kiosk im Frankfurter Allerheiligenviertel zeigt auch Alternativen zum klassischen Berufseinstieg auf

Ein wenig gleichen die sechs Angeklagten, die sich seit vergangener Woche vor dem Landgericht wegen eines Überfalls auf einen Kiosk im Allerheiligenviertel verantworten müssen, den Vögeln im Himmel. Sie säen nicht, sie ernten nicht, aber irgendwer ernährt sie doch, und das gar nicht mal schlecht. Sie sind zudem schön anzuschauen, denn ihre karge Freizeit verbringen sie offensichtlich auf der Hantelbank und im Barbershop, um den Körper zu stählen und Haupt- und Barthaar zu trimmen. Nur das Singen müssen sie noch üben.

Am Mittwochmorgen geht es hauptsächlich um die Vitae der sechs Angeklagten. Die sind - wenn sie denn dazu etwas sagen - erstaunlich und haben eine tröstliche Botschaft: Es kommt gar nicht so sehr auf Schule, Ausbildung oder Studium an. Wer immer redlich sich als Türsteher, Stadionordner oder „in der Gastro“ bemüht, zu dem kommt eines Tages ein Freund und fragt ihn, ob er nicht „Geschäftsführer“ eines Wettbüros, einer Bar oder eines Clubs werden will.

Da wäre etwa der 24 Jahre alte Ardisan S. Der hat immerhin mal in der U-17-Bundesliga gekickt, ehe er sich beim Treppensteigen das Sprungelenk ruinierte und auf gelenkschonendes Kickboxen umstieg. Ansonsten hat der junge Mann nach eigenen Aussagen „auf der faulen Haut rumgehockt“ und Allah einen guten Mann sein lassen. Das sei nicht seine Schuld, sondern die der Polizei, die zu seinen Schulzeiten mal „ins Klassenbuch geschaut“ und ihn dann als „Basa“ abgestempelt habe - als „besonders auffälligen straffälligen Ausländer“. Dabei habe er lediglich hin und wieder Mitschüler „lebensbedrohlich mit einem Kugelschreiber abgeworfen - keine gravierenden Sachen“. Bis dann eines schönen Tages ein Freund erschienen sei und ihn gefragt habe, ob er nicht Geschäftsführer einer Cocktailbar werden wolle. Und ob S. das wollte.

Die Bar ist heute pleite, S. sitzt in Untersuchungshaft. Für die Tatsache aber, dass die Sozialversicherung nie etwas von S.s Tätigkeit „in der Gastro“ mitgekriegt hat, hat er die allerschönste Erklärung parat: „Ich war doch nur Geschäftsführer!“

Dann wäre da noch der 39 Jahre alte Nils H. Der hatte 2006 als damaliges Mitglied der Hells Angels einen Türsteher der Disco „Cooky’s“, der ihn nicht reinlassen wollte, erstochen. Von 2007 bis 2013 saß er dafür im Gefängnis, 2015 wurde die Freilassung auf Bewährung widerrufen, weil H. wieder etwas ausgefressen hatte, bis er Ende 2017 wieder entlassen wurde. Seitdem arbeitet er als „Sport- und Fitnesskaufmann“. Und vielleicht noch nebenbei irgendwo als Geschäftsführer, zumindest ist sein Fuhrpark (Auto: Jaguar / Motorrad: Harley) auf FDP-Niveau.

Wenn man bei den Hells Angels irgendetwas verlernt, dann das Singen, denn die Zusammenarbeit mit jedweden Behörden gilt den Rockern als Frevel. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters an alle Angeklagten, ob sie Verbindungen in die Rockerszene hätten, verstummen sämtliche Gefragten.

Dabei wäre das ganz interessant, denn die Angeklagten, denen nicht nur versuchter Totschlag, sondern auch schwerer Landfriedensbruch vorgeworfen wird, sollen mit dem Angriff im Januar 2021 auf den Kiosk, der einer türkischstämmigen Großfamilie zugerechnet wird, eine Art Clankrieg vom Zaun gebrochen haben, der seitdem noch weitere Scharmützel nach sich gezogen hat.

Doch der Kitt, der die angeklagte Truppe verbindet, ist nicht familiärer Natur. Er muss woanders herrühren. Vielleicht ist es ja die Leidenschaft für Geschäftsführerposten. In der Welt der Angeklagten wird man mit denen aber auch beinahe totgeschmissen. Einer von ihnen schlug sich, wie er sagt, jahrelang als Türsteher, Gärtner und Fahrer durch - bis er eines Morgens als Geschäftsführer einer GmbH erwacht sei. Man will gar nicht so genau wissen, was für einer.

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