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Prozess in Frankfurt nach Unfall mit Todesopfer: „Ich schäme mich dafür“

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Von: Stefan Behr

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Ein Prozess im Amtsgericht Frankfurt scheitert an einem Dolmentscher, der nicht übersetzen kann. (Symbolbild)
Prägnanter als das Urteil vorm Amtsgericht ist G.s letztes Wort. (Symbolbild) © Christoph Hardt/imago

Amtsgerichtsprozess um tödlichen Unfall: Angeklagter entschuldigt sich, sich nie bei Opfer-Familie gemeldet zu haben.

Frankfurt - Der Tag des Unfalls verfolge ihn allnächtlich in seinen Träumen, sagt Jannis G. am Dienstag vor dem Amtsgericht. Anfangs ist das nicht so schlimm. Der 27. Juni 2020 ist ein wunderschöner Sommertag, G. ist in seinem BMW i8 auf der L3205 unterwegs nach Ober-Erlenbach. Das Auto, „ein Hybrid, der surrt“, begeistert durch Fahrvergnügen und 374 PS. G. merkt nach eigenen Angaben gar nicht, dass er die erlaubten 70 Kilometer pro Stunde um mehr als 60 überschreitet.

Dann werden die Erinnerungen unschön. Plötzlich ist da dieses andere Auto, „dann hat es fürchterlich gekracht“, ein Inferno von berstendem Glas und Rauch, „als ob man Glas einatmet“. Und dann kommt immer das schlimmste aller Bilder: „das Auffinden des Jungen im Feld“. Der Junge heißt René N. und ist 16 Jahre alt. Er wird zwei Tage später im Krankenhaus an seinen schweren Verletzungen sterben. G. und sein Beifahrer bleiben so gut wie unverletzt.

Prozess in Frankfurt: Anklage wegen fahrlässiger Tötung

Jannis G. ist 25 Jahre alt, kommt aus einem Dorf im Main-Kinzig-Kreis und verdient sein Geld im Marketing. Angeklagt ist er wegen fahrlässiger Tötung, Straßenverkehrsgefährdung und Körperverletzung. Denn die drei jungen Männer in dem anderen Auto - der 23 Jahre alte Fahrer und die beiden minderjährigen Beifahrer - werden schwer verletzt. René N. wird durch den Aufprall durch das Seitenfenster in ein Feld geschleudert. Er war nicht angeschnallt, weil er an den Folgen einer Leistenoperation litt.

Rein technisch hatte Jannis G. Vorfahrt, aber rein technisch hätte es auch nicht gekracht, wenn G. sich an das Tempolimit gehalten hätte. Der Fahrer des anderen Autos hatte laut Gutachten alles richtig gemacht und keine Chance gehabt, G. anrasen zu sehen.

G. leugnet das nicht. Er räumt alle Vorwürfe der Anklage ein, nennt seinen Fahrstil unentschuldbar und ohne jeden Sinn. Wie er auf der Anklagebank sitzt, wie er redet, das scheint seine Worte zu bestätigen, dass er unter dem Tod des Jungen furchtbar leide. Und darunter, dass er nie den Mut gefunden habe, zumindest zu versuchen, sich für das Unentschuldbare zu entschuldigen.

Prozess in Frankfurt: „Ich wünschte, ich wäre ein besserer Mensch gewesen“

Die Eltern hatten nach dem Tod ihres Sohnes ihren Schmerz durch die sozialen Medien Jannis G. ins Gesicht geschrien. „Wo warst du? Hast du gefragt, wie es ihm geht?“, wollte Renés Mutter wissen. G. sagt, er habe sich bei der Polizei nach dem Zustand des Jungen erkundigt, schon vor dessen Tod, aber nie bei der Mutter. Die erzählte G. via Internet von ihrem Sohn - wie er hieß, was er für seine Zukunft plante, dass er gerade seine erste große Liebe gefunden hätte. Und dass sie sein Herz gespendet habe, an jemand, der das nötig hatte - „es schlägt nun weiter in Rotterdam“.

„Assassino - Mörder“ hatte Renés Vater G. im Internet genannt. „Es gibt keine Gerechtigkeit“, hatte der Vater geklagt. Sein Sohn sei tot, und dessen Mörder dürfe immer noch frei herumfahren.

All dies macht es G. nicht leichter, Worte zu finden. Auch während der Verhandlung findet der Angeklagte beinahe nicht den Mut, wenigstens nach welchen zu suchen.

Am Ende wird G. zu einer Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 130 Euro (23.400) Euro verurteilt. Das liegt deutlich unter der zweijährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung, auf die zuvor sowohl Staatsanwalt als auch Nebenklage plädiert hatten.

Aber prägnanter als das Urteil ist am Ende doch eher G.s letztes Wort, in dem er es tatsächlich doch noch schafft, die als Nebenkläger auftretenden Hinterbliebenen - Eltern und Schwester - direkt anzusprechen. Es sind nur drei Sätze. „Ich wünschte, ich hätte mich bei ihnen gemeldet. Ich wünschte, ich wäre ein besserer Mensch gewesen. Ich schäme mich dafür.“

Der Rest ist Schweigen. (Stefan Behr)

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