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Prozess in Frankfurt: Mit Spielzeugpistole Auge ausgeschossen

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Von: Stefan Behr

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Das Herumblödeln zweier Freunde wird zur Tragödie und zum Gerichtsprozess

Der Fall, der am Freitagnachmittag vor dem Amtsgericht verhandelt wird, ist eine jener Geschichten, die einem die Eltern immer wieder warnend erzählt haben. Und von denen man nie geglaubt hat, dass sie im echten Leben passieren könnten. Aber das können sie.

Am Abend des 4. Januar 2020 schießt Thorsten G. seinem Freund Pascal M. mit einer Spielzeugpistole ein Auge aus. Eigentlich ist die Tatwaffe ein Ausbund an Harmlosigkeit. Sie verschießt Projektile aus weichem Schaumstoff. Die sogenannte Nerf-Pistole macht ihrem Namen alle Ehre, Millionen Eltern haben sie wohl schon verflucht, wenn ihnen beim Hausputz verschossene Projektile aus den unmöglichsten Ecken entgegenpurzeln. Dabei steht Nerf eigentlich für „non-expanding recreational foam (formfester Spielzeugschaumstoff).

Thorsten und Pascal sind keine Kinder – Thorsten G. ist mittlerweile 51 Jahre alt und Ingenieur, Pascal M. 27 und Koch –, aber vielleicht Kindsköpfe. Und - zumindest damals - ziemlich beste Freunde, die zusammen Clubs besuchen, gemeinsam chillen und sich sogar gegenseitig die Play Station ausleihen.

Wie genau der fatale Schuss abgegeben wurde, ist nicht ganz klar, die Versionen der beiden variieren, aber beide sind sich einig, dass G. aus Spaß an der Freud‘ aus etwa zwei Metern Distanz eine Schaumstoffkugel in M.s Rücken feuern will und der sich in diesem Moment umdreht. Die Kugel trifft M. ins linke Auge.

Das wäre wohl auch kein großes Drama, wären M.s Augen nicht vorerkrankt. An beiden löst sich die Netzhaut, auf dem linken hat er ohnehin nur noch 40 Prozent Sehkraft. So aber sind die Folgen verheerend. M.s linkes Augenlicht erlischt zusehends, die Schmerzen werden immer schlimmer und Mitte April wird der Augapfel schließlich in der Uniklinik operativ entfernt.

Der Schuss ist auch der Anfang des Endes einer wunderbaren Freundschaft. Die endet nicht sofort, aber schleichend. Beide treffen sich noch ein paar Wochen, chatten miteinander, aber G. kann wohl nicht glauben, dass sein Schuss für all das Leid verantwortlich ist. Er vermutet, dass M. mit dieser Behauptung Schmerzensgeld erlangen wolle, und da G. zu dieser Zeit arbeitslos und nicht versichert ist, befürchtet er den Ruin. M. wiederum versteht nicht, warum sein Freund auf Distanz geht. Auf eine Entschuldigung wartet er vergebens. Ein letztes Mal treffen sich die beiden an der Konstablerwache, wo M. die geliehene Play Station an G. zurückgibt. Dann stellt er Strafanzeige.

Das alles ist eher Tragödie als Straftat. Und so wird die Anklage vor dem Amtsgericht rasch von gefährlicher zu fahrlässiger Körperverletzung runtergestuft und das Verfahren schließlich wegen geringer Schuld vorläufig eingestellt. G. muss 2300 Euro an eine gemeinnützige Organisation zahlen. Und er entschuldigt sich endlich bei seinem einstigen Kumpel, der diese Entschuldigung zumindest nicht zurückweist. Eventuelles Schmerzensgeld wäre Sache der Zivilgerichtsbarkeit.

Die Moral der ganzen Geschichte hatte M. bereits ein paar Wochen nach dem Schuss seinem damaligen Nochkumpel als Nachricht auf das Handy geschickt: „Wenn wir daraus überhaupt etwas lernen können, dann, dass wir uns nicht gegenseitig abschießen sollten.“

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