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Mit einem Aktenordner vor dem Gesicht wird der Angeklagte (M) von Justizbeamten in den Gerichtsaal des Oberlandesgerichts (OLG) Frankfurt geführt.

Justiz

Prozess gegen einen IS-Gotteskrieger am Oberlandesgericht Frankfurt

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Die Bundesanwaltschaft klagt einen 27-Jährigen unter anderem wegen Völkermord und Menchenhandel an. Zudem soll er ein fünfjähriges Mädchen brutal ermordet haben.

Es ist eine Anklage, bei der selbst hartgesottenen Prozessbeobachtern die Luft wegbleibt – und das liegt nicht nur an der Schutzmaskenpflicht, die der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel erstmals in einem Frankfurter Prozess dem kompletten Publikum verordnet hat.

Die Bundesanwaltschaft klagt den 27 Jahre alten Taha al J. des Mordes, Völkermordes, Menschenhandels sowie der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung an.

Dem Iraker, der sich spätestens im März 2013 der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) angeschlossen haben soll, wird unter anderem der brutale Mord an einem fünfjährigen jesidischen Mädchen vorgeworfen, das der Angeklagte 2015 auf einem Sklavenmarkt in Falludscha gekauft haben soll – gemeinsam mit dessen Mutter, die das Martyrium überlebt hat und in dem Prozess als Nebenklägerin auftritt.

Taha al J. und seine aus Deutschland stammende Ehefrau Jennifer W. sollen Mutter und Tochter auf unvorstellbare Art gequält haben. Die beiden sollen zu wenig Essen und ausschließlich warmes, verdrecktes Wasser aus der Leitung bekommen haben – obwohl ausreichend Trinkwasser und Lebensmittel im Haushalt vorhanden gewesen seien. Zudem sollen die Täter Mutter und Tochter gezwungen haben, sich den Regeln ihrer pervertierten religiösen Überzeugung unterzuordnen. Beide hätten sich verschleiern müssen, und wenn sie sich beim Zwangsgebet nicht tief genug verbeugt hätten, habe es Schläge gesetzt – wie für jeden noch so kleinen Formfehler bei der Sklavenarbeit. Nicht einmal seinen Namen hätten sie dem Kind gelassen, sondern ihm einen neuen, vermeintlich gottgefälligeren gegeben.

Mädchen überlebte Folter nicht

Als das kranke Mädchen im Sommer 2015 seine Matratze eingenässt habe, sei das Sklavenhalterehepaar vollends durchgedreht. Bei Temperaturen von 50 Grad im Schatten habe zunächst die Mutter eine halbe Stunde barfuß im Hof des Hauses schmoren müssen – anschließend habe al J. das Kind mit Klebeband an ein Fenster gefesselt und der Sonne ausgesetzt. Das Mädchen, das während der Tortur laut nach seiner Mutter gerufen haben soll, überlebte die Folter nicht.

Al J. war im Mai 2019 aufgrund eines internationalen Haftbefehls in Athen festgenommen und im Oktober 2019 nach Deutschland überstellt worden – da er am Frankfurter Flughafen landete, wird nun auch hier gegen ihn verhandelt. Der Prozess gegen die Ehefrau des Angeklagten begann vor etwa einem Jahr vor dem Oberlandesgericht München.

Taha al J. soll Jennifer W. in einer Art IS-Frauenhaus im syrischen Rakka kennengelernt haben, wo er als „Leiter des Büros für schariamäßige Geisteraustreibung“ fungiert habe – und so begeistert von der Frau gewesen sein soll, dass er sie kurz darauf „nach islamischem Recht“ zur Ehefrau genommen habe.

Der erste Verhandlungstag vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts war nach Verlesung der Anklage vorbei. Die Anwälte des Angeklagten sagten, ihr Mandant werde sich „schweigend verteidigen“.

Mit einem Geständnis sei aber auch im späteren Verlauf des Prozesses, der derzeit bis Ende August terminiert ist, nicht zu rechnen. Die gute Laune des Angeklagten konnte auch die Verlesung der Anklage nicht ändern – er präsentierte sich die komplette Verhandlung über in einer durchaus unangemessenen Fröhlichkeit.

Stefan Behr

Eine IS-Kämpferin bringt ihren Ehemann unfreiwillig wegen Terror und Völkermord vor Gericht. Ein verdeckter Ermittler offenbart am Oberlandesgericht Frankfurt Details zu ihrer Beziehung.

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