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Das Amtsgericht in Frankfurt.

Prozess in Frankfurt

Bekannter Beleidiger

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Aus Zorn über die Zustände bei der Deutschen Bahn verteilt ein Mann Verurteilungen.

Es ist eine Frechheit!“, stellt Mehmet Ö. gleich zu Beginn des Prozesses klar. Da zeige er am 28. Februar 2018 am Regionalbahnhof am Flughafen mal „Zivilcourage, wie es in den Medien immer gefordert wird“, und dann flattere ihm ein Strafbefehl wegen Beleidigung über 90 Tagessätze à 30 Euro ins Haus. „2700 Euro! Das habe ich nicht verdient“, regt sich Ö., 31 Jahre alt, nach eigenen Angaben früher Ticketverkäufer am Flughafen und „jetzt gerade Immobilienkaufmann“, auf. „Ich bin im Recht! Da rege ich mich immer auf!“

Laut Anklage war Ö. an jenem Februarnachmittag zumindest im Bahnhof. Aber nicht im Regionalzug, weil der zu voll war. Ö. wendete sich daraufhin an einen Nebenstehenden, den seine Uniform zwar nicht als Mitarbeiter der Deutschen Bahn, aber der deutschen Polizei auswies. „Dummes Nazi-Bullenschwein“, begrüßte Ö. laut Anklage den Polizisten und informierte ihn, dass, „alle Bullen Nazis und Rassisten“ seien, zumindest hier in „Scheiß-Nazi-Deutschland“, in welchem er nun schon seit 1988 leben müsse. Doch ihre Strafe würden sie noch erhalten: „Ihr werdet alle verrecken!“ Und, auch nicht schön: „Wir Muslime ficken Eure Weiber!“

Kollegen zu Hilfe gerufen

Ja, wenn das so ist, dachte sich der angesprochene Kommissar Ronnie B., 42, und informierte ein paar Kollegen, andere Polizisten wurden von weiteren Mitwartenden gerufen. Erst in Dutzendstärke gelang es den Beamten, den wütenden Ö. halbwegs zu zähmen.

Ein paar der ihm zugesprochenen Wörter habe er benutzt, gibt Ö. zu. So habe er Kommissar B. tatsächlich als „Hurensohn“ und „Nazi“ angesprochen, aber beides sei der ja auch. Denn kurz zuvor habe B. „einen alten arabischen Mann“ unprovoziert beleidigt. Zum einen aus Rassismus, zum anderen, um der Zugbegleiterin zu imponieren, die das aber auch irgendwie provoziert habe. Außerdem hätten die Polizisten ihn aufgefordert, „sich in mein Land zu verpissen“. Aber dass „wir Muslime Eure Weiber ficken“, das habe er nie gesagt, „ich bin ja selbst mit einer Deutschen verheiratet“. Dann schweigt er kurz, als sei ihm aufgefallen, dass in seiner bis dahin soliden Verteidigungslinie nun eine Lücke in seiner Logik klaffe, aber er holt nur Luft: „Es ist eine Frechheit!“, wiederholt er final.

Umgeben von Feinden

Laut Bundeszentralregister ist Ö. schon länger bekannt. Die letzte Beleidigungsverurteilung stammt aus dem vergangenen Jahr, da hatte er einen Passanten „Nazi“ genant, aber das sei auch einer gewesen, versichert Ö., „das habe ich gesehen“. So etwas zu sehen sei nicht schwer: „Überall sind Nazis, das steht auch so in den Medien.“ Kurz davor hatte er ein Auto zu Altmetall getreten. Ö. protestiert zudem mit Schwarzfahren, Bedrohung und Sachbeschädigung gegen Faschismus.

Das Gericht verurteilt Ö. wegen Beleidigung zu 75 Tagessätzen à 40 Euro. Zum einen verdient er jetzt nach eigenen Angaben als Immobilienkaufmann besser als zuvor als Ticketverkäufer, zum anderen ist sein Auftritt vor dem Amtsgericht das auch einfach wert: Er beleidigt den Zeugen, unterbricht Richterin und Staatsanwalt mit beeindruckender Penetranz und sieht angesichts des Urteils starke Parallelen zwischen Volksgerichtshof und Amtsgericht Frankfurt. 3600 Euro habe er erst recht nicht verdient, nicht mal als Immobilienkaufmann. Er komme wieder, droht Ö., nächstinstanzlich aber mal mit Rechtsanwalt, und dann werde Justitia schon sehen.

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