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"Zu 90 Prozent solide Gäste"

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Von: Fabian Böker

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Moseleck-Chef Harald Satt (links) mit seiner Servicekraft Harald Kleinert hinterm Tresen.
Moseleck-Chef Harald Satt (links) mit seiner Servicekraft Harald Kleinert hinterm Tresen. © Christoph Boeckheler

Das Moseleck ist die älteste Kneipe im Frankfurter Bahnhofsviertel. Die Gaststätte hat den Wandel des Viertels fast schadlos überstanden.

Ein beliebiger Donnerstagnachmittag, gegen 15 Uhr. Im Moseleck ist wenig los, die Besucher sehen nach Stammkund- schaft aus. Am Tisch ein Rentnerehepaar, stilecht in Jogginganzügen, am Tresen ein junger Mann mit frischem Cut auf der Nase, das Blut ist zu sehen.

Der Kurzbesuch macht klar: Das Moseleck ist kein Laden für jeden. Das gilt für die Kundschaft genauso wie für das Personal. Harald Kleinert zum Beispiel. Er teilt mit seinem Chef Harald Statt nicht nur den Vornamen, sondern auch viele Erinnerungen.

Schon 1977 war er Kellner im „Dampfkessel“. Als Statt den Laden schließen musste und ins Moseleck umzog, ging Kleinert in seinen ursprünglichen Beruf als Koch und Konditor zurück. Heute meldet er sich am Telefon, wenn der Chef anruft, mit „Spezialitäten-Restaurant zum Moseleck“.

Seit zwei Jahren arbeitet er wieder für Statt, im Moseleck, jeden Montag. Er kennt viele seiner Kunden persönlich. „Wir haben hier alles da, vom Studenten bis zum Banker“, sagt Kleinert.

Auf Touristen mag die verrauchte Kneipe mitsamt ihren bisweilen skurrilen Gästen abschreckend wirken. Hier, an der Kreuzung von Mosel- und Münchener Straße, finden diejenigen einen Platz, die man anderswo vielleicht als Abgehängte, als Entwurzelte bezeichnen würde. „Als Einsame“, beschreibt es ein Gast.

Geschäftsmänner nehmen hier vormittags ihren rituellen Kaffee zu sich, duzen beim Zahlen die Bedienung und gehen zur Arbeit. Und so mancher Eintracht-Fan hat im Eck schon seine ganz per sönliche Auswärtsfahrt verlängert.

Entweder bis vier oder ab sechs Uhr. Dazwischen hat das Moseleck zu, sonst nie. Jeden Tag. Schon seit 1995 leitet Harald Statt die Kneipe, die älteste im Bahnhofsviertel. 1900 wurde sie eröffnet, am 29. März des Jahres wurde der erste Pachtvertrag unterschrieben. Seitdem gehört die Kneipe dazu, sie ist Teil des Stadtteil-Inventars.

Genau wie ihr Chef. Der hat einst mit einem Partner sieben Lokale im Viertel betrieben, dann von 1975 bis 1995 das „Dampfkessel“. Als er ins Moseleck wechselte, hat er seine Bedienungen und Kunden mitgenommen. Manche sind heute immer noch da. Der 69-Jährige beschreibt die Kundschaft als „zu 90 Prozent solide Gäste“. Wer sich daneben benimmt, bekommt Hausverbot.

Klar, das Bahnhofsviertel habe sich geändert, stellt Harald Statt fest. Aber eher zum Positiven. Und seine Stammgäste habe er über all die Jahre behalten. „Ohne die hat ein Lokal keine Seele“, sagt er. Sie seien auch ein Grund, wieso sich das Moseleck noch hält. Zur Stammkundschaft gesellen sich immer wieder Studenten, vor allem am Wochenende, aber auch Feuerwehrleute, die vor einer Schicht noch schnell einen Kaffee trinken. Und Exemplare wie ein Anwalt, von dem Statt lachend berichtet. Der hat nach durchsoffener Nacht im Eck den Haftprüfungstermin für einen Mandanten verpasst, weil er auf dem Klo der Gaststätte eingeschlafen ist. „Weil Freitag war, musste der arme Mandant noch das Wochenende hinter Gittern bleiben.“

Es bleibt dabei: Das Moseleck ist ein sehr spezieller Laden. Vielleicht ist er zu plakativ, zu vereinfachend, aber vielleicht bringt es ein Aufkleber der Frankfurter Ultras auf den Punkt, der wenige Meter vor der Kneipe auf einem Verkehrsschild prangt: „Moseleck statt Diskodreck“.

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