+
Mit kleinen Häusern demonstrierten Initiativen 2017 auf dem Römer gegen Verdrängung.

Frankfurt-Nordend

338 Prozent mehr Miete im Nordend

  • schließen

Bewohner eines Altbaus in der Schwarzburgstraße befürchten, dass sie aus ihren Wohnungen verdrängt werden sollen. Die meisten Mieter haben das Haus bereits verlassen.

Manchmal liegt Hannelore S. nachts im Bett und bekommt kein Auge zu. Die vielen Gedanken, die durch ihren Kopf spuken, halten sie wach. „Ich zermartere mir das Hirn und komme innerlich nicht zur Ruhe.“ Langsam aber sicher hat die Seniorin die Hoffnung aufgegeben. Die Hoffnung, in ihrer kleinen Wohnung bleiben zu dürfen, jener Wohnung, in der sie mehr als die Hälfte ihres Lebens verbracht hat. „Ich habe mich damit abgefunden“, sagt S., die ihren vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, aus Angst vor Ärger mit ihrem Vermieter. „Ich werde hier raus müssen.“

Hannelore S. ist 73 Jahre alt, ohne Rollator kann sie nur noch ein paar Schritte gehen, der Pflegedienst kommt täglich. Als Studentin hat sie ihre 50-Quadratmeter-Wohnung im vierten Stock eines Altbaus in der Schwarzburgstraße bezogen. 44 Jahre ist das her, bis heute wohnt sie dort. Nun steht ihr womöglich noch mal ein Umzug bevor. „Eine furchtbare Vorstellung“, sagt sie.

Lange Jahre habe das Haus einer alten Dame gehört, die Miete sei günstig gewesen. Im November 2017 sei das Gebäude jedoch verkauft worden, erzählt S. Schon bald habe es Post vom neuen Eigentümer gegeben, einer Firma namens Phenecia Real Estate aus Bad Soden-Salmünster. Die Besitzer hätten umfangreiche Modernisierungsmaßnahmen angekündigt: neue Heizung, neue Elektroanlage, neue Fenster, Balkone für alle Wohnungen. Ihre monatliche Miete solle danach von den jetzigen knapp 300 Euro auf über 900 Euro angehoben werden, sagt Hannelore S.

Viele der Mieter in der Schwarzburgstraße ergriffen bald die Flucht. Sechs der acht Wohnungen des Altbaus stehen mittlerweile leer. Bernd S., ihr einziger verbliebener Nachbar, berichtet ebenfalls, dass ihm eine saftige Mieterhöhung angekündigt worden sei. Nach der Modernisierung solle er „338 Prozent“ seines jetzigen Betrags zahlen. Er spricht von einer „Vertreibung der Mieter“. Hannelore S. sagt: „Wir hatten hier eine wunderschöne Gemeinschaft, aber das ist alles zerfleddert.“

Der Beginn der Modernisierungsarbeiten sei ursprünglich für den 1. Juli 2018 angekündigt worden, ein Jahr sollte das Ganze dauern. Laut Bernd S. hätten aber schon seit dem Frühjahr Bauarbeiten im Haus stattgefunden. Die leerstehenden Wohnungen seien entkernt worden, auf dem Dachboden hätten Arbeiter den Estrich-Boden aufgestemmt. „Es gab massiven Lärm und Dreck“, sagt er. Außerdem wurden im Wohnzimmer von Hannelore S. zwölf Metallstützen und große Holzbretter angebracht, um die Decke zu stabilisieren. Seit einem halben Jahr stünde die Konstruktion schon dort, sagt sie.

Hannelore S. beschwerte sich bei der Bauaufsicht, die im Sommer tatsächlich einen Baustopp verfügte. „Wir haben das stillgelegt“, bestätigt Amtsleiterin Simone Zapke der FR. Zu den genauen Gründen will sie sich nicht äußern. Die Eigentümer hätten ihren Bauantrag zurückgezogen und wollten bald einen neuen vorlegen, so Zapke. Bei der Phenecia Real Estate war bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe niemand für eine Stellungnahme zu erreichen.

Am 1. November soll die Modernisierung dann aber wirklich beginnen – so habe es die Immobilienfirma mitgeteilt, berichtet Hannelore S. Die Seniorin fragt sich, wie das funktionieren soll. „Wir können ja nicht hier wohnen, wenn die Heizung ausgetauscht wird und es kein warmes Wasser gibt. Das ist doch ein Unding.“ Der Vermieter habe angeboten, ihr eine neue Wohnung zu vermitteln und zwei Jahre lang eine Mietdifferenz von bis zu 700 Euro pro Monat zu übernehmen. „Aber was mache ich nach den zwei Jahren?“, fragt S. „So viel Rente bekomme ich gar nicht.“ Außerdem sei das Angebot nur ein mündliches gewesen, kein schriftliches.

Hannelore S. ist vor allem enttäuscht von der Politik. „Frankfurt feiert sich für Prestigeobjekte wie die neue Altstadt“, klagt sie. Doch Leute mit kleinem Einkommen wie sie, die sich die Mieten in der Mainmetropole kaum noch leisten könnten, würden vergessen. „Die Preisexplosion ist sowas von schrecklich“, sagt sie.

Illegal ist die Mieterhöhung in ihrem Haus nicht. Gebäudeeigentümern ist es in Deutschland erlaubt, bis zu elf Prozent der Modernisierungskosten auf die Jahresmiete umzulegen. Eine beliebte Maßnahme, um Mieter loszuwerden. Oft werden die Wohneinheiten danach als teure Eigentumswohnungen verkauft. „Das ist legal, aber eine gesellschaftspolitische Katastrophe“, findet Bernd S.

Allerdings könnte sich die Situation bald ändern. Erst jüngst hat die Bundesregierung eine Verschärfung der Mietpreisbremse auf den Weg gebracht. Der Gesetzesvorschlag besagt auch, dass Vermieter künftig nur noch acht statt der erlaubten elf Prozent ihrer Modernisierungskosten auf die Mieter umlegen dürfen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare