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Provozierende Einblicke

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Kurator Felix Krämer.
Kurator Felix Krämer. © Alex Kraus

Vor der Wiedereröffnung des Städel begibt sich die FR auf einen Gang durch die Moderne mit Kurator Felix Krämer.

Die letzten Stunden vor der (Wieder-)Eröffnung. Manchmal bewegt sich Felix Krämer wie in Trance durch die neu gestalteten Säle. Bleibt stehen, wirft prüfende Blicke auf die Gemälde, die oft noch an den Wänden lehnen, auf die Hängung warten. „Man schläft weniger, man isst weniger“, gesteht der Kurator. Innere Anspannung hält ihn gefangen.

Zwei Jahre lang hat der 39-jährige Kunsthistoriker die neue Präsentation der Sammlung der Moderne im Gartenflügel des Städel-Museums vorbereitet. Hat unzählige Stunden in den Depots des Hauses verbracht, Werke gesichtet, ausgewählt. Jetzt gibt es kein Zurück mehr: In wenigen Stunden werden Kritiker zum ersten Mal die noch geheime Hängung in Augenschein nehmen.

Neues wagen

Gleich am Anfang ein Paukenschlag: Das großformatige Gemälde „Waldnymphe“ von Victor Müller, 1862 entstanden. Es ist eines der vielen Bilder, die Krämer der Vergessenheit entrissen hat. „Das haben Sie noch nie gesehen“, sagt er stolz. Ohne Rahmen fand er es im Depot. Zur Zeit der Entstehung galt dieser Blick auf den nackten Frauenkörper im Walddunkel als skandalös.

Beim Rundgang kann der eigentlich so zurückhaltende Mann, der seit drei Jahren im Städel arbeitet, seine Gefühle kaum verbergen. Manchmal bleibt er stehen, zögert. Blickt noch einmal auf Abstände und Höhen. „Mich überkommen immer diese Zweifel in letzter Minute.“ Es galt, Kunstwerke in 15 Sälen und Räume neu zu gruppieren. Nachts, im Traum, hatte er die besten Ideen. „Am Morgen bin ich aufgewacht und habe sie mit meiner Frau sofort besprochen“, erinnert er sich.

Wer mit Krämer durch die Kabinette geht, registriert sofort, wie sehr er mit allen 191 von ihm ausgesuchten Werken verwachsen ist. Er deutet und erklärt, erzählt zu jedem Gemälde, jeder Fotografie eine Geschichte. „Am Ende hat meist das Bauchgefühl entschieden“, sagt er. Schmunzelt. „Heute ist das Gefühl gut!“

Handwerker nutzen die letzten Momente, klettern auf Leitern, bessern mit Farbe die Wände aus. Schon den Rundgang durch den sogenannten „Gartenflügel“ des Museums, den Besucher bisher kannten, veränderte der Kurator. „Ich wollte mehr Dynamik.“ Nur zwei Durchgänge ließ er versetzen – und erzielte eine erstaunliche Wirkung. Wo die Besucher früher auf geradem Wege weit durch die Räume blicken konnten, führt der Kurator sie jetzt auf gewundenem Kurs. „Man biegt um eine Ecke und ist von der Ausstrahlung der Werke überrascht und gepackt.“

Neues wagen: Dieses Motto wählte im 19. Jahrhundert bereits der Gründer der Sammlung, Johann Friedrich Städel. Krämer nimmt es sich zu Herzen. Wie ein Gebirge türmt sich die Aufgabe zunächst vor einem Kurator auf: Nicht weniger als 1200 Stücke aus den Jahren 1800 bis 1945 birgt die Sammlung der Moderne. Nur 15 Prozent davon kann er zeigen – die Qual der Auswahl.

„Völlig freie Hand“

Doch Krämer lacht befreit. „Eine Sammlung ist ein lebendiger Körper.“ Der sich verändert. Er will Trennlinien überschreiten und wenig bekannte Zusammenhänge aufzeigen. Beispiel: Die Besucher begrüßt als erstes eine vertraute Ikone – „Goethe in der römischen Campagna“ – von Tischbein, entstanden 1787. Hängt im Gartenflügel seit dessen Eröffnung 1921. Um das Gemälde herum versammelt Krämer erstmals Werke französischer Künstler. Auf Texttafeln ist das Verbindende zu lesen. Eugène Delacroix etwa ließ sich von Goethes „Faust“ anregen, Camille Corot reiste nach Italien, auf des Dichters Spuren.

Städel-Direktor Max Hollein, berichtet der Kurator, „ließ mir völlig freie Hand, er ist keiner, der sich einmischt“. Und so konnte Felix Krämer Grenzen sprengen, da findet er durchaus klare Worte. Die Klassische Moderne im Städel, sagt er kurz und bündig, sei in der bisherigen Präsentation „eine bürgerliche Sammlung mit wenig provokativen Sachen, mit kaum Akten“ gewesen. Die Sammlung hat er gründlich aufgemischt.

In kleinen Kabinetten tauchen jetzt Fotografien zwischen den Gemälden auf. 27 sind es insgesamt. Geheimnisvoll, düster schimmert ein Dolch auf blutrotem Grund, ein Farbfoto von Leon Vidal aus den Jahren 1876–1878, nahe einer Pietà des Symbolisten Franz von Stuck: Maria trauert, die Hände vors Gesicht geschlagen, um ihren toten Sohn, der bleiche Körper liegt vor ihr. Auch vor einem Foto von Lovis Corinth, der 1918 von einem Schlaganfall gezeichnet war, schreckt er nicht zurück. Ein anderes zeigt Mussolini in seinem gigantomanischen Arbeitszimmer 1931.

Provokationen. Zu denen sich Krämer bekennt. Im letzten Kabinett steht eine Büste des Diktators Franco, entstanden 1938. Auch das seinerzeit eine Erwerbung des Städel. „Die Museen waren nicht nur Opfer, sondern auch Täter“, kommentiert er. Und in der Kunstgeschichte gibt es „nicht Schwarz und Weiß, sondern viele Grautöne“. Das zeigen sein neuen, irritierenden Blicke auf alte Werke.

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