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Die Demo vor der Alten Oper.

Frankfurt

Protest gegen sexuelle Gewalt

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Demonstrierende kritisieren, dass Morde an Frauen zu oft als Beziehungstaten abgetan werden.

Ausgestreckte Zeigefinger weisen in alle Himmelsrichtungen. „Der Vergewaltiger bist du“, schallt es über den Opernplatz. Viele der 150 Frauen haben ihre Augen verbunden, als sie die Performance in mehreren Reihen hintereinander stehend in der Dezemberkälte vorführen. „Femizid. Straffreiheit für meinen Mörder“, hallt es weiter.

Die Menge könnte vielschichtiger kaum sein. Über Altersklassen, Nationalitäten und gesellschaftlichen Schichten hinweg finden die Frauen am Samstagnachmittag zusammen – sie alle werden von der gleichen sexualisierten Gewalt heimgesucht. „Diese Gewalt ist ein strukturelles globales Problem. Sie ist Ausdruck einer patriarchalen Ordnung, nach der Frauen unterdrückt und von Männern als ihren Besitz wahrgenommen werden“, schildert Ina Lutz vor dem Brunnen. Sie gehört dem Frankfurter „Frauen*streikbündnis“ an und geht mit der deutschen Normalität hart ins Gericht: „Es passiert eine Unsichtbarmachung von sexualisierter Gewalt. Femizide, also der Mord an Frauen, weil sie Frauen sind, werden oftmals nicht als solche aufgefasst, sondern als Beziehungstaten und Einzelfälle abgetan.“ Die Sicherheitsbehörden gehen allein für das vergangene Jahr bundesweit von 122 Femiziden aus. Dazu gesellen sich nochmals doppelt so viele Fälle, in denen die Partner oder Ex-Partner in ihrem Hass scheiterten.

Trommeln begleiten den eingängigen Rhythmus: „Und es war nicht meine Schuld, wo ich war und was ich trug.“ Der Sprechgesang mit Schrittfolge stammt von der vierköpfigen feministischen Gruppe „La Tesis“ aus Chile. Prompt eroberte die Performance weitere lateinamerikanische Länder und bahnte sich ihren Weg nach Paris, Berlin und schließlich auch nach Frankfurt.

Der künstlerische Akt vor der Alten Oper vermischt sich mit Solidaritätsbekundungen, die die ausufernde Staatsgewalt unter Chiles Präsident Sebastián Piñera anprangern. Dort finden seit über 50 Tagen Proteste gegen die jahrzehntelange neoliberale Politik des Landes statt, die laut Kritikern in allgemeine Armut und Verschuldung führte. Weil Polizei und Militär gezielt auf die Köpfe feuerten, hätten bereits über 300 Menschen ein Auge verloren, beklagt ein junger Chilene die Situation am Rande der Frankfurter Choreographie. Als Zeichen der Verbundenheit sind seine und viele weitere Augen an diesem Nachmittag rot angemalt. Während der Performance steht Paloma Eichin in vorderster Reihe. „Das Lied besingt unseren Alltag in Lateinamerika. Weil es immer jemanden gibt, der dir etwas antut“, bemerkt die Enkelin geflüchteter Chileninnen aus den 70ern. Und mit Blick auf die internationale Dimension der Performance ergänzt Ina Vera neben ihr: „Was hier spricht, ist eine gemeinsame Sprache.“

Ob die Performance bestärkend gewirkt hat? Teilweise, antwortet die Theaterwissenschaftlerin Lutz. Zeitgleich spüre sie eine „wahnsinnige Wut“. Denn was auch zutrifft: „Ich gehe nach so einer Sache immer mit dem Gefühl nach Hause, dass das nichts an der Gewalt ändern wird.“

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