Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Großeinsatz der Polizei bei der Räumung des Hüttendorfs.
+
Großeinsatz der Polizei bei der Räumung des Hüttendorfs.

Frankfurt

Protest gegen den Flughafenausbau: Eine ganze Region im Alarmzustand

  • Jutta Rippegather
    VonJutta Rippegather
    schließen

Vor 40 Jahren wurde das Hüttendorf für die Startbahn geräumt. Ein Lehrstück für die Politik und der Anfang einer ökologischen Bewegung.

Mobiltelefone? Gab es nicht. Soziale Medien? Erst recht nicht. Es waren Kirchenglocken, die die Menschen in der Region alarmierten und mobilisierten. In Scharen strömten sie in den Kelsterbacher Wald, um ihn zu besetzen. Junge und Alte, Spontis und Konservative. Die Lehrenden mit den Studierenden. „Das war sehr eindrucksvoll“, erinnert sich Michael Wilk. Der damals 25 Jahre alte Medizinstudent aus Wiesbaden war einer von vielen, die sich der Polizei entgegenstellten, das Gelände besetzten. Die ganze Region sei in Aufruhr gewesen. „Von Wertkonservativen bis zur radikalen Linken.“ 40 Jahre ist das jetzt her. Anlass für eine Veranstaltungsreihe, bei der Veteranen nicht nur zurückschauen wollen, sondern auch nach vorne.

Mit den Oktoberprotesten erreichte der Widerstand gegen die Startbahn 18-West seinen Höhepunkt. In der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober 1981 wurde die telefonische Alarmkette der örtlichen Bürgerinitiativen aktiviert. „Ein großer Polizeieinsatz zum Auftakt der großflächigen Waldabholzungen und späteren Bauarbeiten für den Frankfurter Flughafenausbau stand unmittelbar bevor“, schreibt Walther Keber in seinem Rückblick auf der Internetseite des Bündnisses der Bürgerinitiativen (BBI).

Keber war langjähriger Lokalredakteur der Frankfurter Rundschau für den Kreis Groß Gerau. Er verbrachte als Berichterstatter viel Zeit im Wald und dokumentiert als Rentner weiterhin den Protest gegen den Flughafenausbau. Aus seinem Fotoarchiv stammen die Bilder auf dieser Seite. „Schon am späten Nachmittag kam es zu ersten Auseinandersetzungen zwischen Bürgern und Polizei.“ Wenig später erfuhr die gesamte Republik von dem Kampf gegen die Umweltzerstörung im Süden des Flughafengeländes. Die Bilder sah man in der Tagesschau und anderen Nachrichtensendungen. „Spätestens nach dem sogenannten Blutsonntag am 11. Oktober nahm der Konflikt an Schärfe zu, als nach einem evangelischen Gottesdienst am Nachmittag bei einem abendlichen Polizeieinsatz zahlreiche Bürger verletzt wurden“, schreibt Keber. Am 2. November begann die Räumung des Hüttendorfs - 40 Jahre später findet dort ein Spaziergang statt.

„Das war der Beginn der ökologischen Bewegung, zusammen mit der Friedensbewegung“, sagt Herbert Oswald – in der Szene bekannt als Jossy –, damals 23 Jahre jung und Sprecher der Bürgerinitiative Mörfelden-Walldorf. „Der 18-West-Protest hat die Bildung der Grünen vorangetrieben.“ Er erinnert sich noch an buchstäblich schmerzliche Auseinandersetzungen. „Die Polizei war nicht zimperlich, die hat auf die Demonstranten eingeprügelt.“ Knut Dörfel, damals 34 Jahre alt und Lehrer an der Gesamtschule Groß-Gerau, organisierte mit Kollegen etwas abseits vom Hüttendorf eine Sanitätsstation. „Damals sind Schulklassen gekommen, um sich das anzuschauen. Das ist Teil meiner Geschichte“, sagt der damalige Darmstädter und jetzige Frankfurter.

Er kehrte der Bewegung nach den Todesschüssen auf die beiden Polizisten im November 1987 den Rücken. Dabei wäre es wohl geblieben. Doch dann ging vor zehn Jahren die Nordwestlandebahn in Betrieb. Seitdem wohnt er unter der Einflugschneise in Sachsenhausen. Dörfel ist einer der drei aktuellen Sprecher des Bündnisses der Bürgerinitiativen (BBI), das anlässlich des Jahrestags nach langer Corona-Enthaltsamkeit wieder eine Demonstration im Flughafenterminal 1 veranstaltet.

Veranstaltungen

Eine Fotoausstellung mit Bilden von Dietmar Treber, Klaus Malorny, Walter Keber und anderen eröffnet am Sonntag, 31. Oktober, um 15 Uhr im KuBa Mörfelden, Bahnhofstraße 38.

Der Waldspaziergang startet am Dienstag, 2. November, um 18 Uhr am Sportplattz der SKG in Walldorf.

Der Film „Fesseln spürt – wer sich bewegt“ von Thomas Carleè läuft am Mittwoch, 3. November, ab 20 Uhr
im Kino Lichtblick in Walldorf.

„Aus der Geschichte lernen“ ist Titel einer Diskussion mit Rudi Hechler, Michael Wilk, Knut Dörfel und Monika Wolf. Moderation: Rolf Engelke
Beginn istiDonnerstag, 4. November, 20 Uhr im KuBa Mörfelden, Bahnhofstraße 38.

Demonstration am Flughafen im Terminal 1 am Freitag, 5. November, 18 Uhr.

Konzer t „Besseres Klima – Statt Flughafenausbau!“ mit Siggi Liersch, Harald Pons und Steve Collins. Es beginnt am Samstag, 6. November, um 18 Uhr.

Gottesdiens t an der Hüttendorf-Kirche
zwischen Walldorf und Mörfelden mit Pfarrer Jochen Mühl (Neue Evagelische Kirche Walldorf) am Sonntag, 7. November, 15 Uhr.

Keine Startbahn West – Eine Region wehrt sich! Kinofilm von Thomas Frickel und anderen im Kommunalen Kino Groß-Gerau am Dienstag, 9. November, um 17.45 und 20.15 Uhr. Im Lichtspielhaus Mittelstraße 2, Ecke Darmstädter Straße.

Außerdem: Das Bündnis der Bürgerinitiativen (BBI) ruft zu einer Demonstration anlässlich des zehnten Jahrestags der Inbetriebnahme der Landebahn Nordwest auf. Beginn: Donnerstag, 21. Oktober, 18 Uhr, im Terminal 1, ab 18:00 Uhr. jur
www.flughafen-bi.de

Dörfel pflegt gute Kontakte mit den Leuten von „Fridays for Future“, hat bei einer ihrer Onlineveranstaltungen über die Startbahnbewegung berichtet. Damals sei es vor allem um den Erhalt des Waldes, der Natur gegangen. „Was heute Klimaschutz heißt, hieß damals Umweltschutz.“ Und auch das BBI habe sein Themenspektrum erweitert, kämpfe nicht mehr nur gegen den Fluglärm.

Gleichwohl steht außer Frage: Die heutigen Ausbaugegner sind anders als die von vor 40 Jahren. Sehr viele von früher haben sich zurückgezogen – wegen der Schüsse, aber auch aus Frust, weil die Startbahn doch gebaut worden sei, sagt Michael Wilk. Dann kam die Inbetriebnahme der Nordwestlandebahn. „Es kamen sehr viele Leute wieder hinzu.“ Doch ihre Motivation sei einzig die persönliche Betroffenheit. „Die Bewegung ist entpolitisiert.“

40 Jahre sind eine lange Zeit. Die Stimmung hat sich verändert. Die Flughafenbetreiberin, sagt Wilk, habe in der Region fleißig und erfolgreich ihr Image aufpoliert – als Förderin von Projekten und Vereinen, etwa als Sponsor der Eintracht Frankfurt. Hinzu komme, dass das Flugzeug seinerzeit nicht das Massenverkehrsmittel gewesen sei wie heutzutage. „Fliegen war Luxus.“

Die Proteste an der Startbahn, sagt er, hätten in der Politik zu einem Umdenken geführt. Eine der Lehren daraus war, dass große Infrastrukturprojekte nicht so einfach gegen den Widerstand der Bevölkerung durchzusetzen sind. Zehn Jahre habe Fraport sich nicht getraut, die Pläne für den nächsten Ausbauschritt aus der Schublade zu holen. Der dritte Block für das Atomkraftwerk in Biblis wurde nie gebaut. Auch das Schlichtungsverfahren bei Stuttgart 21 sei ein Erfolg der Startbahnbewegung.

Optimistisch stimmt Wilk, mit welcher Radikalität die junge Generation gegen den Ausbau der A49 in Mittelhessen kämpft oder im Hambacher Forst. Sollte der Flughafen das nächste Ausbauprojekt in Angriff nehmen wollen, müsse er mit massivem Widerstand rechnen. „Ökologie ist von weltweiter Brisanz, der Flughafen spielt bei der CO2-Belastung eine große Rolle.“

Zwei Generationen lägen zwischen den Startbahnveteranen und den jungen Leuten, die den Freitag zum Protesttag erklärt hätten, sagt Dörfel. „Sie haben andere Aktionsformen, eine andere Sprache.“ Es gebe große Sympathien füreinander. „Wir fühlen uns verbunden.“ Doch jeder mache sein Ding. Und wer glaube, dass die Bürgerinitiativen aufgegeben hätten, der irre. Der Kampf gegen den Flughafenausbau gehe weiter. „Wir werden nicht aufhören.“

Teile des Altars der Hüttenkirche werden geborgen.
Demonstrantinnen und Demonstranten vis-à-vis der Polizei.
Die Polizei schirmt am Räumungstag das Hüttendorf hermetisch ab.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare