Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

TdT_Prostitution_Strasze_050
+
Die Frauen, die stark unter Druck stehen, Geld zu verdienen, haben neue Wege gefunden, weiterhin arbeiten zu können.

Interview

„Schutzlos der Gewalt ausgesetzt“

  • Stefan Simon
    VonStefan Simon
    schließen

Seitdem die Bordelle wegen Corona geschlossen sind, steigt die Straßenprostitution im Bahnhofsviertel. Im Gespräch mit der FR spricht Encarni Ramírez Vega über die existenzielle Notlage der Prostituierten.

Die Straßenprostitution ist seit der Schließung der Bordelle offenbar gewachsen. Wie viele Frauen sind Ihrer Einschätzung nach auf dem Straßenstrich im Bahnhofsviertel?

Es ist schwierig, hier eine Schätzung abzugeben. Die Zahl der Prostitutierten hängt auch von der Tageszeit ab. Unsere Streetworkerinnen gehen, wie die Polizei auch, von rund 40 Frauen aus. Es kann aber durchaus sein, dass es mehr sind. Das weiß man so nicht genau.

Unter den Frauen gibt es eine Art Zweiklassengesellschaft. Die einen haben meistens eine eigene Wohnung oder Krankenversicherung. Die andere Gruppe lebt in den Laufhäusern, ist jetzt teilweise obdachlos und muss auf den Strich. Sind diese Frauen dem System hilflos ausgeliefert?

Die Gruppen sind sehr vielfältig. Manche sind besser organisiert. Sie haben eine Wohnung, sind polizeilich gemeldet und sind krankenversichert. Diese Frauen können auch ganz anders mit der Situation umgehen. Vielleicht haben sie auch finanzielle Rücklagen und erhalten Hartz IV. Die andere Gruppe lebt prekärer. Diese Frauen haben meistens keinen eigenen Wohnraum und übernachteten schon vor Corona in den Laufhäusern. Laut dem Prostituiertenschutzgesetz darf die Arbeitsstelle nicht als Schlafstelle genutzt werden. Die Bordellbetreiber richteten daher in einer Etage Schlafräume ein, teilweise mit Stockbetten, oder mieteten Zimmer in anderen Häusern.

Was hat sich durch Corona verändert?

Durch Corona ist den Frauen das Einkommen weggebrochen. Sie sind auf die Bordellbetreiber angewiesen, in den Laufhäusern bleiben zu dürfen, und verschulden sich. Andere kommen bei Bekannten oder ehemaligen Freiern unter, was aber auch zwangsläufig zu einer Abhängigkeit führt. Sie bleiben im Milieu. Und dann kommt eben der finanzielle Druck hinzu, dass sie weiter die Familie in den Herkunftsländern unterstützen, für sich und ihre Kinder sorgen müssen. Da reichen 400 Euro Hartz IV im Monat nicht aus.

Welche Risiken gehen die Frauen ein?

Die Situation hat sich verschlechtert. Die Laufhäuser bieten eine gewisse Sicherheit. Es ist immer jemand vor Ort, und in den Häusern sind Klingeln in den Zimmern. Auf der Straße sind die Frauen schutzlos und mehr der Gewalt ausgesetzt. Ohne sanitäre Anlagen sind Hygienestandards nicht einzuhalten. Es lässt sich leicht vorstellen, was dies für das Thema Infektionsschutz bedeutet.

ZUR PERSON

Encarni Ramirez Vega, 43 Jahre alt, ist stellvertretende Geschäftsführerin von „Frauenrecht ist Menschenrecht“ und leitet den Bereich psychosoziale Beratung. stn

Polizei und Ordnungsamt ist die Situation bekannt, auch Strafanzeigen und Ordnungswidrigkeiten wurden verhängt. Das Geschäft läuft aber weiter. Drückt die Stadt einfach ein Auge zu?

Einige unserer Klientinnen mussten Bußgeld zahlen und wurden vorab mehrmals verwarnt. Das Bahnhofsviertel ist für die Straßenprostitution ein Sperrgebiet. Prostitution ist nur in den Bordellen erlaubt. Polizei und Ordnungsamt haben die Handhabe, dies zu unterbinden. Sicher drücken sie das eine oder andere Mal ein Auge zu, aber unsere Klientinnen und auch die FIM-Streetworkerinnen erleben insgesamt schon eine sehr hohe Polizeipräsenz im Bahnhofsviertel.

Die Frauen gehen mit ihren Freiern in die umliegenden Hotels, die Hotelbesitzer verdienen kräftig mit. Das geht auch alles zu Lasten der Bordelle. Sind die Hotels im Bahnhofsviertel die neuen Bordelle geworden?

Das ist eine Aussage, die tatsächlich zutrifft. Die Frauen, die stark unter Druck stehen, Geld zu verdienen, haben sich hier neu organisiert und Wege für sich gefunden, weiterhin der Prostitution nachzugehen.

Es scheint wohl utopisch zu sein, dass die Bordelle in Frankfurt noch in diesem Jahr wieder öffnen werden. Bleibt den Frauen, oder zumindest einem Teil von ihnen, einfach nichts anderes übrig, als ihre Dienste auf der Straße anzubieten?

Ich bin mir da nicht so sicher. In Niedersachsen und Sachsen-Anhalt dürfen die Bordelle nach Gerichtsentscheidungen wieder öffnen, auch in Berlin ist Prostitution unter bestimmten Bedingungen wieder erlaubt. In Hessen ist die Corona-Verordnung nicht eindeutig formuliert. Darin steht, dass die „Prostitution in Prostitutionsstätten und der Straßenstrich untersagt sind“. Da ist eine Lücke in der Verordnung, denn was ist mit der Prostitution an sich? Es gibt ja viele Orte und Möglichkeiten sie auszuüben.

Was muss sich Ihrer Meinung nach generell ändern?

Der Druck und die Illegalität wachsen. Es müssen Lösungen her, die auch den Infektionsschutz in den Blick nehmen. Würde Prostitution wieder erlaubt, könnte sie in einem geregelten Rahmen stattfinden, der auch kontrollierbar wäre. Schwierig wird es dagegen sein, in Coronazeiten Lösungen für den Straßenstrich zu finden.

Interview: Stefan Simon

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare