AFP_1J67LD_050920
+
Die ehemalige Prostituierte Julia sagt: „Die Hotels sind die neuen Bordelle.“

Verlagerung in Hotels

Prostitution im Bahnhofsviertel: Das Geschäft läuft weiter

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
    schließen

Weil die Bordelle wegen der Corona-Pandemie geschlossen sind, hat sich die Prostitution im Bahnhofsviertel in die Hotels verlagert. Das birgt nicht nur Vorteile.

Frankfurt - Für Julia steht eines fest: Sie glaubt nicht, dass manche Frauen zurück in die Bordelle gehen, wenn diese irgendwann wieder öffnen sollten. „Die Frauen verdienen jetzt viel mehr Geld als vorher. Die gehen mit den Männern in die Hotels, und die Frauen und die Hotelbesitzer kassieren richtig ab“, sagt Julia. Wir nennen sie mal so, weil sie unerkannt bleiben will.

Bordelle in Frankfurt wegen Corona weiterhin geschlossen

Julia kennt die Branche, und sie kennt viele der Frauen, die nun ihre Dienste auf der Straße anbieten. Julia arbeitete selbst jahrelang als Prostituierte in einem Laufhaus in der Taunusstraße. Doch vor einigen Wochen stieg sie aus, weil sie Angst hatte, sich mit dem Coronavirus oder anderen Krankheiten zu infizieren.

Die Prostitution ist bundesweit wohl eine der Branchen, die von der Corona-Krise besonders hart getroffen wurde. In sechs Bundesländern sind die Bordelle unter Auflagen wiedereröffnet. Hessen zählt nicht dazu, trotz ausgearbeiteter Hygienekonzepte der Bordellbetreibenden, unter anderem mit Fiebermessen vor dem Einlass. Aus dem Wirtschaftsministerium heißt es auf Anfrage der FR, dass von „Prostitutionsstätten beträchtliche infektiologische Risiken“ ausgingen. „Die Interessen der Betreiber und der Prostituierten, ihrer wirtschaftlichen Betätigung nachzugehen, sind zwar legitim, müssen jedoch hinter dem Gesundheitsschutz zurückstehen“, sagt ein Sprecher des Ministeriums. Lockerungen in diesem Bereich seien deshalb schwierig.

Dramatische Auswirkungen durch geschlossene Bordelle

Dass die Bordelle geschlossen sind, hat für die betroffenen Frauen jedoch teils dramatische Auswirkungen. Einige von ihnen wurden obdachlos, besitzen keine Krankenversicherung und wohnen in den Laufhäusern. Andere wiederum beziehen Hartz IV, aber bieten ihre Arbeit auf der Straße an, weil sie keine Alternative haben, um für sich oder die Familie in den Heimatländern zu sorgen.

In Frankfurt sind nach Angaben der Stadt 2800 Prostituierte gemeldet. Wie viele Frauen auf den Straßenstrich gehen, ist umstritten. Die Polizei und das Beratungszentrum Frauenrecht ist Menschenrecht (FIM) gehen von rund 40 Frauen aus. Doch Encarni Ramirez Vega, stellvertretende Geschäftsführerin von FIM, schätzt die Zahl weitaus höher.

Prostitution im Bahnhofsviertel verlagert sich

Bahnhofsviertel, Kaiserstraße, Ecke Moselstraße an einem Montagabend im August. Hamsa steht vor einem Imbiss und beobachtet die Szenerie auf der Straße. Er arbeitet für ein Securityunternehmen. Sein Einsatzbereich ist die Kaiserstraße. „Ich mache diesen Job seit zwei Jahren. Seitdem die Bordelle dicht sind, stehen hier viele Frauen auf der Straße. Ab und zu halten Autos an, manchmal steigen Frauen ein, manchmal auch nicht. Dann fahren die Autos weiter und drehen Runden“, sagt er. Er sehe immer die gleichen Gesichter. „Du musst einfach jeden Abend durch die Straßen laufen, dann erkennst du die Frauen wieder“, sagt er. An diesem Abend stehen zwischen Kaiser- und Taunusstraße ungefähr 30 Frauen. Ob es mehr sind, ist schwer zu sagen. Gezählt werden nur die Frauen, die offensiv ihre Dienste anbieten.

Julia sieht es wie Hamsa und Ramirez Vega. Es seien „sehr, sehr viele Frauen“, sagt sie. Darunter seien vor allem auch Prostituierte, die vorher in den Bordellen arbeiteten und die auch teilweise in den Laufhäusern wohnen. „Ich finde das einfach ekelhaft, wenn die Frauen abends zurückkommen, in der Küche alles anfassen und so. Die lassen sich ja auch nicht testen“, sagt Julia.

Sie findet es einerseits den Bordellen und auch den Kolleginnen gegenüber unfair, dass viele Prostituierte weiterarbeiten. Einerseits. Andererseits sagt sie, dass sie es den Frauen auch gönne. „Ich kenne doch viele von denen. Ich bekomme täglich Nachrichten geschickt. Sie sagen mir so oft, dass ich wieder arbeiten soll, weil sie wirklich gutes Geld verdienen“, erzählt Julia. Mehr als vor Corona-Zeiten. Und die Hotelbetreibenden verdienen mit. „Glaub mir, die Hotels sind die neuen Bordelle“, sagt Julia.

Hotels sind die neuen Bordelle im Bahnhofsviertel

Ramirez Vega von FIM pflichtet Julia bei: „Das ist die Realität im Bahnhofsviertel“, sagt sie. Es hätten sich Strukturen entwickelt, die zum Vorteil für die Frauen geworden seien. „Sie sparen Geld, weil sie weniger Abgaben haben als in den Laufhäusern, und die Konkurrenz ist deutlich geringer als in den Bordellen.“, sagt Ramirez Vega.

Wie das Geschäft zwischen den Prostituierten und den Hotelbesitzern abläuft, erklärt Julia. Die Frauen stehen meist an der Kaiserstraße bei einer Drogerie, aber auch in der Taunusstraße oder Münchener Straße. „Die Männer gehen hin, fragen meist nur: ‚Welches Hotel bist du?‘. Dann laufen sie der Frau hinterher und gehen in das Hotel“, erklärt Julia. Die Frauen verhandeln vorab Tagespreise oder Monatspauschalen für ein Zimmer. Der Tagespreis liegt zwischen 40 und 60 Euro, je nachdem, in welchen Häusern die Frauen verkehren. Die Monatspauschale liegt bei 1000 Euro. Zum Vergleich: In den Laufhäusern beträgt der Tagespreis 150 Euro.

Frankfurter Hotels verdienen an der Prostitution mit

Julia sagt, dass jeder Freier an der Rezeption ein „Besuchergeld“ in Höhe von 20 Euro hinterlegen muss. „Die Männer zahlen das, ohne zu verhandeln. Da kommen pro Tag sechs oder sieben Typen, und die Hotels verdienen kräftig mit, wie zu Messezeiten“, sagt Julia. Dann zahlen die Männer nochmal 20 Euro für einen Quickie und „schon hast du über die Hälfte für das Zimmer eingenommen.“ Julia sagt, die Frauen verdienten pro Tag 400 bis 600 Euro. Am Wochenende auch mal 1000 Euro.

Die Prostituierten und die Hotelbetreibenden bewegten sich gesetzlich in einem Graubereich, sagt Ramirez Vega. Im Prostituiertenschutzgesetz heißt es, das Bahnhofsviertel sei ein Sperrgebiet. Das heißt, die Frauen dürfen nicht auf der Straße stehen und ihre Dienste anbieten. Doch in der Corona-Verordnung des Landes Hessen steht, dass die Prostitution in Prostitutionsstätten und auf der Straße untersagt ist. Hotels sind aber keine Prostitutionsstätten.

Polizei Frankfurt geht gegen Prostituierte aber nicht Hotels vor

Von Anzeigen bleiben die Frauen dennoch nicht verschont. Die Polizei hat bisher acht Strafanzeigen wegen illegaler Prostitution gestellt und 35 Anzeigen wegen des Verstoßes gegen die Sperrgebietsverordnung und das Prostituiertenschutzgesetz. Hotels mussten bisher offenbar nichts befürchten, Zahlen dazu gibt es nicht. Julia glaubt, die Polizei toleriere die Straßenprostitution weitgehend. „Die Polizei fährt jeden Tag und jeden Abend die Straßen entlang. Die sehen das doch, jeder sieht das, aber viel unternehmen tun sie trotzdem nicht.“

Julia ist unsicher, ob sie in den nächsten Wochen oder Monaten wieder in ihren alten Job zurückkehren soll. Sie hat die Hoffnung mittlerweile aufgegeben, dass die Bordelle bald wieder öffnen werden. Und wenn in den Laufhäusern irgendwann wieder die roten Lichter angehen sollten, dann müssten die Bordellbetreibenden wohl einiges ändern. „Die Frauen haben sich so sehr an diese Hotelgeschichten gewöhnt. Die werden nicht mehr 150 Euro am Tag für das Zimmer zahlen, wenn sie nur 60 Euro für ein Hotelzimmer hinblättern müssen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare