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Rund 50 im Rotlichtgewerbe Beschäftigte protestierten an der Alten Oper gegen die andauerende Schließung der Bordelle.

Geschlossene Prostitutionsstätte

Leere Bordelle in Hessen: Prostituierte wollen wieder arbeiten

  • Sandra Busch
    vonSandra Busch
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In Frankfurt demonstrieren Sexarbeiterinnen für die Öffnung der Bordelle. Sie sind seit März wegen der Corona-Pandemie geschlossen.

  • Seit Mitte März sind Bordelle in Hessen wegen Corona geschlossen.
  • Rund 50 Aktivistinnen und Sexarbeiterinnen demonstrierten gegen die Schließung der Bordelle.
  • Im Frankfurter Bahnhofsviertel hat sich die Prostitution in Hotels und Autos verlagert.

Frankfurt – Die Forderung auf dem Opernplatz ist klar. Zehn Frauen halten große Lettern vor der Alten Oper in Frankfurt in die Höhe: „Öffnet die Bordelle!“ ist zu lesen. Rund 50 Sexarbeiterinnen, Bordellbetreiberinnen und im Rotlichtgewerbe Beschäftigte sind am Samstagmittag zusammengekommen, um gegen die geschlossenen Bordelle zu protestieren. „Lasst uns wieder arbeiten“, ruft Sexarbeiterin Natalia.

„Schikane gegen die Frauen“: Aktivistinnen und Sexarbeiterinnen wollen ihrem Job wieder nachgehen

Seit Mitte März sind Bordelle in Hessen wegen der Corona-Pandemie zu. In zwölf Bundesländern seien Prostitutionsstätten inzwischen wieder unter Auflagen erlaubt, sagt Juanita Henning vom Hilfeverein für Prostituierte, Doña Carmen, der zur Demo aufgerufen hatte. „In sieben Bundesländern haben auch Obere Verwaltungsgerichte entschieden, dass eine Schließung der Bordelle nicht verhältnismäßig ist und weder notwendig noch geeignet ist, um Corona einzudämmen.“ Auch in Hessen sollten daher die Bordelle wieder öffnen. Die Frauen hätten „ein Recht darauf, ihrem Beruf nachgehen zu können“.

Auch Valentina, die sich als Aktivistin für die Rechte der Sexarbeiterinnen einsetzt, ist „wütend, weil die Lage für die Frauen seit Corona schlimmer geworden ist als sie je war“. Sie würden ohnehin wegen ihres Berufs diskriminiert, durch die Schließung seien sie nun ihrer Existenzgrundlage beraubt. Sie habe geholfen, mehr als 100 Anträge auf Arbeitslosengeld II auf den Weg zu bringen. Valentina spricht von „Schikane gegen die Frauen“ seitens der Jobcenter. So müsste etwa zwei- bis dreimal die gleiche Unterlage eingereicht werden. „Um mürbe zu machen“, glaubt Valentina. „Das funktioniert so nicht, die Frauen werden ins gesellschaftliche Abseits gedrängt.“

 Sex in Autos und Hotels: Die Schließung der Bordelle bringt Prostituierte nicht nur in eine finanzielle Gefahr

Und auf die Straße. Das Bahnhofsviertel ist für die Straßenprostitution aber ein Sperrgebiet. Prostitution ist nur in den Bordellen erlaubt. Die sind aber jetzt zu. „Sie bieten dann Sex in Autos und Hotels an“, sagt Natalia. Doch das seien viel schlechtere Umstände als in den Bordellen. „Dort haben wir Duschen, Seife, Desinfektionsmittel“, sagt Natalia. Auch gebe es zum Schutz der Frauen dort Notfallknöpfe. Wer in Autos und Hotels arbeite, habe das alles nicht. „Glaubt irgendjemand, dass es so ausreichend Hygiene gibt?“

Aus dem hessischen Wirtschaftsministerium heißt es, dass von „Prostitutionsstätten beträchtliche infektiologische Risiken“ ausgingen. Die Interessen der Betreiber und der Prostituierten, ihrer wirtschaftlichen Betätigung nachzugehen, seien zwar legitim, müssten jedoch hinter dem Gesundheitsschutz zurückstehen. Nadine Maletzki, Betreiberin des Laufhauses „Sex Inn“ in der Taunusstraße, sieht kein beträchtliches Infektionsrisiko in Bordellen. „Politiker haben keine Ahnung, wie der Ablauf in Laufhäusern aussieht.“

Es gebe keine Massen an Besuchern, es sei kein Treffpunkt zum Quatschen. „Boxsport ist seit Monaten erlaubt, die schwitzen, kommen sich nahe“, sagt sie. „Wir sprechen bei uns im Bordell über 15 bis 20 Minuten Sex und nicht über Bettakrobatik.“ Es sei auch immer nur zwei Personen in einem Zimmer, in Sachsenhausen und auf der Freßgass seien die Kneipen voll, „die Leute sind dicht an dicht“. Und nachdem sich 200 Leute bei einem Gottesdienst in einer Baptistengemeinde infiziert hatten, „sind ja auch nicht die Kirchen geschlossen worden“. Nur die Bordelle, die blieben zu.

 „Die Kirche im Dorf lassen“: Für die Öffnung der Bordelle müssen Auflagen her

Betreiberin Annette aus dem Main-Kinzig-Kreis plädiert auch dafür, bei den Auflagen für eine Öffnung „die Kirche im Dorf zu lassen“. Wenn sie die Gäste nach Kundendaten fragen müsste, dann würden sie ihr sagen, „dass ich einen an der Waffel habe“. Roland Schäfer von den Datenschützern Rhein-Main sieht auch, dass es sich in Bordellen um „besonders schützenswerte Daten“ handle. „Da muss ein spezielles Konzept für die Nachverfolgung entwickelt werden.“

Domina Madame Kali Dreadful fordert, dass auch Sexarbeiterinnen wie Masseure und Tätowierer wieder körpernahe Dienstleistungen anbieten können sollen. „Wir sind gesprächsbereit, aber wo sind die Politiker?“, sagt sie. Es werde Zeit, sich an einen Tisch zu setzen. Denn so werde „eine ganze Branche in den Abgrund geschoben“.

Die Demo führte von der Alten Oper ins Bahnhofsviertel. Dort kam es zu einer spontanen Bordellöffnung. Die Betreiberin des Hauses in der Taunusstraße sah diese symbolische Öffnung als einen Akt der Notwehr und des zivilen Ungehorsams an, teilte Doña Carmen am Abend mit. (Von Sandra Busch)

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