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Profis bringen den Klappstuhl mit

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Von: Stefan Behr

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Endlich wieder feiern. Tausende genießen den lauen Sommerabend. Rolf Oser (2)
Endlich wieder feiern. Tausende genießen den lauen Sommerabend. © Rolf Oeser

Der Hessische Rundfunk macht die Weseler Werft endlich wieder zur Open-Air-Arena.

Musik ist, wenn man’s trotzdem macht. Und sich – wie es Abertausende am Donnerstagabend tun – auf zur Weseler Werft zum Europa Open Air des HR-Sinfonieorchesters macht, auch wenn die Sonne brennt und sengt und wütet, dass es eine Art hat. Oder, um es mit den Worten Wolfgang Petrys zu beschreiben: „Hölle, Hölle, Hölle.“

In der Hölle gibt es vermutlich auch Getränkeverkäufer, die einen Bauchladen mit eiskaltem Nass vor sich hertragen, auf dem ein Schild informiert: „Softdrink 5 Euro, Wasser 4 Euro.“ Auf FDP-Parteitagen gibt es die ganz gewiss. Die eher rhetorische Frage der Bauchladenden „Wollen Sie etwas trinken?“ müsste daher korrekt lauten „Können Sie sich es leisten, etwas zu trinken?“

Das kann nicht jeder. Wassermangel und Sonnenterror lassen manche Menschen halluzinieren. „Ist Wetzlar schön?“, fragt eine Besucherin aus unerfindlichen Gründen ihren Begleiter. „Wetzlar ist sehr schön!“, antwortet dieser, und angesichts dieser bizarren Antwort müsste jetzt eigentlich ein Notarzt kommen.

Stattdessen kommt ein Mann in kurzen Hosen auf die Bühne und erinnert daran, dass Gießen auch sehr schön sein kann. „Gießen Sie ordentlich nach! Trinken Sie ausreichend! Bleiben Sie gesund.“ Dann erinnert der kurzbehoste Klaus Krückemayer an bessere Zeiten: „Wir haben alle gebibbert und gezittert.“ Aber damit ist es nun endgültig vorbei, denn „Kevin Trapp bleibt bei der Eintracht“. Verhaltener Applaus im Publikum. Fußball ist heute Nebensache. Musik liegt in der Luft.

Zu hören gibt es Werke mit Bezug zum Thema Nacht – von Frédéric Chopin, Claude Debussy oder dem Polen Mieczyslaw Weinberg. Zum Einstimmen spielt am frühen Abend die HR-Bigband auf.
Zu hören gibt es Werke mit Bezug zum Thema Nacht – von Frédéric Chopin, Claude Debussy oder dem Polen Mieczyslaw Weinberg. Zum Einstimmen spielt am frühen Abend die HR-Bigband auf. © Rolf Oeser

Einige warten auf die schon gut zwei Stunden. Einlass war ab 16 Uhr, und wie üblich – vor allem nach der zweijährigen Zwangspause – sind die Plätze vor der Bühne ratzfatz perdu. Open-Air-Profis haben Sitzkissen mitgebracht, rechts und links werden die Biergarnituren von Profis flankiert, die ihre eigenen Klappstühle mitgebracht haben. Vom Modell Sparta bis zum Thronersatz ist alles dabei. Als die Weseler Werft rappelvoll ist, machen es sich manche auf der anderen Mainseite bequem.

Pünktlich gegen 18 Uhr betritt dann die HR-Bigband mit freundlicher Unterstützung von Kinka Glyk die Bühne, und es ertönt Musik in unüberhörbarer Lautstärke. Es ist aber gar nicht die HR-Bigband, die den Krach macht, der kommt vom Band, es ist das Werbejingle eines Mineralwassers, das auch Sponsor des Konzerts ist. „Gut zu wissen, was man trinkt!“ Wenn man es sich denn leisten kann. Danach legt endlich die Bigband los. „Five Cookies“ ist der erste Song. Nicht stiller als das Wasser, aber weitaus trockener.

Vielleicht liegt es ja auch an der Musik, aber so langsam wird auch das Klima erträglicher. Und wenn man das Programmheft nicht mehr als Fächer benutzen muss, dann kann man dort lesen, dass die Europäische Zentralbank, Mitveranstalterin des Konzerts, mehr nach Frankfurt bringt^ als schnöden Mammon und schamlose Mietpreise, nämlich auch „die kulturelle Vielfalt und den Reichtum der Europäischen Union“ und also „ein musikalisches Zeichen für den Zusammenhalt Europas setzt“.

Einer muss das wohl tun, weil von dem momentan gar nicht so viel zu spüren ist. Kann natürlich auch an der Hitze liegen. Das HR-Sinfonieorchester, der eigentliche Star des Abends, erinnert dann jedenfalls um kurz nach Acht unter der Leitung des niegelnagelneuen Dirigenten Alain Altinoglu daran, dass nicht alles auf dieser Welt schlecht ist, und spielt die Ouvertüre zur Oper „Die Macht des Schicksals“, dass einem die Ohren wackeln. Und spätestens bei Chopin hat man auch vergessen, was für einen Höllendurst man eigentlich hat. Es gibt Schöneres.

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