Römerbriefe

Der Prinz

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    Georg Leppert
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Gerade mal zwei Sozialdemokraten kamen zur Feier von Michael zu Löwenstein - ganz schön schofelig. Die FR-Kolumne aus dem Römer.

Leppert:Was ist denn das für ein massives Teil?

Göpfert:Das ist ein sogenanntes Buch.

Leppert:Nun werd mal nicht unverschämt.

Göpfert:Genauer gesagt ist es sogar eine recht gut geschriebene Biografie.

Genau so ist es, liebe Freundinnen und Freunde der Kommunalpolitik: Das gedruckte Buch hat es heute nicht mehr leicht. Aber erstmals seit 2012 ist die Zahl der Buchkäufer in Deutschland wieder gestiegen. Behauptet zumindest der Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Einer, der dazu kräftig beigetragen hat, feierte jetzt im Wirtshaus am Hühnermarkt in der Altstadt seinen Ausstand – in seiner Funktion als CDU-Fraktionsvorsitzender im Römer.

Michael zu Löwenstein hat seit 2012 die CDU im Rathaus geführt – wahrlich keine leichte Aufgabe. Denn die Frankfurter CDU ist leider nur in ihrer Selbstdarstellung eine liberale Großstadtpartei.

In Wahrheit gibt es da immer wieder seltsame Ausschläge nach Rechts. Löwenstein, im Römer und in seiner Partei ehrfurchtsvoll-spöttisch „der Prinz“ genannt, war da nicht ganz unbeteiligt. Doch der 68-jährige ist kein Reaktionär, eher könnte man ihn einen Wertkonservativen nennen.

Schon in seiner weitverzweigten adligen Familie kann er Toleranz proben: Denn da gibt es seinen Bruder Felix, den Michael gerne „das grüne Schaf“ nennt. Der Ökobauer ist tatsächlich Mitglied der Grünen – doch die beiden kommen gut miteinander aus.

Auch mit dem jungen Manuel Stock, der von 2012 bis 2019 die Römer-Fraktion der Grünen führte, verstand sich „der Prinz“ recht gut – die beiden bildeten eine ungewöhnliche Achse. Stock kam denn auch zur Abschiedsfeier wie viele andere Grüne auch – während gerade mal zwei (!) Sozialdemokraten gesichtet wurden, nämlich Verkehrsdezernent Klaus Oesterling und der Stadtverordnete Eugen Emmerling. Ganz schön schofelig.

Manchmal hat sich „der Prinz“ echt verhauen. So glaubte er tatsächlich, er könne Bundestags-Kandidat werden – indem er das schlicht per ordre de mufti öffentlich verkündete. Doch da zeigte sich, dass die Frankfurter CDU wirklich im Wandel begriffen ist. Denn eine jüngere Frau schnappte dem älteren weißen Mann einfach die Kandidatur weg. So was wäre zur Zeit von OB Walter Wallmann in den 80er Jahren – Gott hab ihn selig – undenkbar gewesen.

Der Prinz, ein Wertkonservativer. Er hat nicht nur Jura studiert, sondern auch Geschichte. Bestimmte historische Personen finden sein Interesse stets aufs Neue. Etwa das Phänomen Napoleon. Gerade las er mit Gewinn die wunderbare Biografie des Kaisers aus der Feder des US-Historikers Adam Zamoyski – die hatte ihm ein Journalist empfohlen.

Was Wunder, dass Michael zu Löwenstein daran denkt, an die Universität zurückzukehren und das Studium der Geschichte wieder aufzunehmen. Bis zur Kommunalwahl im Frühjahr 2021 wird er in den Reihen der CDU-Fraktion bleiben und sicher noch manche Rede zu seinem Lieblingsthema halten, dem finanziellen Gerüst der Stadt. Die hat ihm zu danken.

Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppert berichten für die Frankfurter Rundschau aus dem Römer.

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