Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Rafael Behr ist Professor für Polizeiwissenschaften.
+
Rafael Behr ist Professor für Polizeiwissenschaften.

Interview

Debatte um strukturellen Rassismus in der Polizei: Es braucht eine „konkrete Antirassismushaltung“

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
    schließen

Die Kritik an der Polizei reißt nicht ab. Auch die Polizei Frankfurt ist betroffen. Der Vorwurf: Exzessive Gewalt und struktureller Rassismus. Ein Experte bezieht im Interview Stellung.

Frankfurt – Der Polizeiwissenschaftler Rafael Behr spricht im FR-Interview über die Gründe für rassistisches und diskriminierendes Handeln von Polizistinnen und Polizisten.

In Deutschland gibt es derzeit wohl kaum eine Institution, die umstrittener ist als die Polizei. Kritikerinnen und Kritiker halten sie für einen Hort des strukturellen Rassismus und der exzessiven Gewaltanwendung. Die Frankfurter Polizei schlittert von einem Skandal in den nächsten. Auf der anderen Seite sagt aber etwa Innenminister Horst Seehofer, Deutschland habe „die beste Polizei der Welt“. Wie kommt es zu diesen Übertreibungen?

Die Polarisierung ist auf beiden Seiten gestiegen. Konservative und rechte Politiker positionieren sich rückhaltlos hinter der Polizei. Es wurden Vereine gegen Gewalt an Polizei gegründet. Dieses Thema wird schon seit dem Jahr 2010 sehr stark affirmativ und emotional besetzt: Die Polizei als Opfer von Gewalt. Das wird von Polizeigewerkschaften auch systematisch genutzt, damit es bei der Polizei nicht zu Personalabbau kommt, sie die beste Ausrüstung hat bis hin zu diesem neuen Gesetz, dass Polizisten besser geschützt werden als Privatpersonen. Es sind vor Gericht nicht mehr alle gleich. Das ist die eine Seite. Und dann kam Black Lives Matter.

Was änderte sich dadurch?

Viele Menschen in Deutschland, die sich schon lange von der Polizei diskriminiert fühlen, weil sie etwa People of Color sind, haben bemerkt, dass sie eine Stimme haben.

Differenzierung zwischen diskriminierendem Handeln und Rassismus innerhalb der Polizei

Von Rassismus Betroffene, die schon seit Jahren unter Polizeiarbeit leiden, sind auch jene, die sich über Racial Profiling beklagen und über rassistische Ausfälle von Polizistinnen und Polizisten.

Das stimmt. Racial Profiling scheint weiter verbreitet zu sein, als die Polizeiverantwortlichen sagen. Allerdings müssen wir da etwas differenzieren: Rassistische Haltungen und diskriminierende Kontrollen sind nicht dasselbe. Nicht alle diskriminierenden Kontrollen sind rassistisch motiviert.

Sondern?

Ich würde sogar vermuten, dass viele Polizisten mehr Kriterien als nur die Hautfarbe mit einbringen. Denken Sie an das Bahnhofsviertel und an Drogenkonsumenten. Die werden ähnlich oft diskriminierend von der Polizei kontrolliert. Ich spreche daher von Social Profiling.

Zur Person:

Rafael Behr, 63, ist Professor für Polizeiwissenschaften an Polizeiakademie in Hamburg und lehrt dort Kriminologie und Soziologie.

Von 1975 bis 1990 war Behr Polizeibeamter bei der hessischen Bereitschaftspolizei und im Polizeipräsidium Frankfurt. Ab 1987 studierte er Soziologie und Psychologie an der Goethe-Universität. (stn)

Rassismus und Diskriminierung: Polizei-Beamte entwickeln „milieuspezifisches Verdachtsschema“

Können Sie das bitte genauer erläutern?

Es gibt verschiedene Gesichtspunkte, die für sich gesehen vielleicht nicht diskriminierungswürdig sind, aber insgesamt dann doch zu einer Diskriminierungspraxis führen. Zum Beispiel: männlich, fremdaussehend, falsches Auto, zur falschen Zeit am falschen Ort. Da hat man direkt fünf, sechs Kriterien in der Hand, die formal eine Kontrolle rechtfertigen. Gegen eine Einbahnstraße fahren war schon immer ein guter Grund Menschen anzuhalten.

Entstehen solche Denkmuster auch, weil Beamtinnen und Beamte aus dem 4. Polizeirevier ständig im Frankfurter Bahnhofsviertel im Einsatz sind und dort etwa auch auf Drogendealer treffen, die People of Color sind?

Ja, wenn man lange in solchen sozialen Brennpunkten unterwegs ist, entwickelt man ein milieuspezifisches Verdachtsschema. Es kommt aber auch noch etwas hinzu. Es entstehen im Verlauf der Zeit polizeiinterne Geschichten. Ich nenne das den mythopoetischen Stand der Polizistenkultur. Geschichten werden weitergegeben und sie sorgen für eine kollektive Identität.

Rassmismus und Diskriminierung: Behr berichtet aus eigener Polizei-Vergangenheit in Frankfurt

Haben Sie das als junger Polizist erlebt?

Damals ging es mit den Einsätzen in Frankfurt gegen Hausbesetzer los. Unsere Gruppenführer haben bei Aufgaben, die sie uns gestellt haben, immer mit dem Satz begonnen: Bei einer Demo in Frankfurt treffen Sie auf 70 Studenten. Die Wörter ‚Demonstrant‘ und ‚Student‘ waren Synonyme. Wir hatten sehr früh als junge Polizisten Bilder im Kopf, dass wir auf Demos verprügelt werden. Es entstehen also neben den eigenen Erfahrungen auch erzählte Erfahrungen. Dadurch entsteht eine Erzählkultur, die bestimmte Stereotypen bedient. Man nimmt an kollektiven Erlebnissen teil.

Welche Stereotypen oder kollektiven Erlebnisse würden auf das Bahnhofsviertel zutreffen?

Das wäre die Erzählung über den Umgang mit jungen migrantischen Männern: Pass auf, ein Kosovo-Albaner hat immer ein Messer dabei, sei vorsichtig. Alle Schwarzen an der Konstablerwache sind Dealer. Wenn dann ein Anwalt aus dem Kosovo oder ein Botschaftsangehöriger aus dem Kongo durch das Bahnhofsviertel läuft, dann hat er eben Pech gehabt, denn wenn er als Kosovo-Albaner oder als Schwarzer klassifiziert wird, dann wird er eben in diesem Umfeld auch als gefährlicher Fremder behandelt.

Gibt es strukturellen Rassismus in der Polizei? Es braucht eine „konkrete Antirassismushaltung“

Hat die Polizei ein strukturelles Rassismusproblem?

Ich versuche, Dispositionen zu beschreiben. Eine Disposition ist eben, dass man in eine kulturell vorgefertigte Institution kommt, in der es bestimmte Menschenbilder, Mythen und Regeln gibt. Dem kann man sich natürlich individuell entziehen, aber es fällt einem auch ungleich schwerer, eine Haltung zu entwickeln, die nicht von der Gemeinschaft getragen wird. Rassismus ist eine Ideologie der Ungleichwertigkeit, die Ablauf-strukturen in der Polizei sind für sich gesehen also nicht rassistisch. Aber es gibt sehr wohl strukturell unterstütztes Diskriminierungspotenzial.

Ist dann mehr als eine Rassismusstudie über die Polizei erforderlich?

Ja, es braucht vielmehr. Wir brauchen viele unterschiedliche Studien, die sich mit Alltagssituationen, Gewaltdynamiken, Gruppendynamiken, Entscheidungsprozessen beschäftigen. Wir brauchen in der Ausbildung eine Wende im Gebrauch des Rassismusbegriffs. Die meisten Polizisten und Polizistinnen begnügen sich damit zu sagen, sie seien keine Rassisten, weil sie den Begriff individualisieren. Oft schwingt dann noch ein „Aber“ mit. Das ist natürlich zu wenig. Wir brauchen eine konkrete Antirassismushaltung. Es genügt nicht nur, kein Rassist zu sein, die Polizei muss sich viel mehr damit beschäftigen, dass wir oft als weiße Menschen bestimmte Rassismen mitdenken. In den USA nennt man das „Critical Whiteness“, also wie unbewusste Privilegien der Weißen bewusst gemacht und aufgebrochen werden. Wenn wir so weit wären, könnten wir anders über Rassismus in der Polizei und in der Gesellschaft reden.

Bemühungen, politisch korrekt zu sein und Gedenkstätten zu besuchen, reichen dann eben auch nicht aus?

Genau, das ist noch kein Kulturwandel in der Polizei. Es taugt nicht dazu, sich mit Diversität zu beschäftigen oder mit Erfahrungen von Menschen, die als Minderheit gelesen werden. Polizisten werden von vornherein in einen Herrschaftskontext hinein sozialisiert. Es reicht eben auch nicht, mal eine Moschee zu besuchen oder wenn jemand von einer interkulturellen Kompetenzabteilung vorbeikommt und erzählt, dass es auch gut integrierte Migranten gibt. Das wissen doch eh alle. Das hält sie aber nicht davon ab zu sagen, wenn wir im Einsatz sind, gelten andere Regeln. Das zu hinterfragen und aufzubrechen, ist nicht einfach und geht auch nicht sehr schnell. Diese Frage, wie arbeitet man an einer Kultur in der Polizei, die weniger Rassismus anfällig ist, ist schwer zu beantworten. Es genügt jedenfalls nicht ein einzelner Lehrgang. (Interview: Stefan Simon)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare