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„Es ist nicht alles rote Rosen hier“: Matthias Haucke in der Kaffeestube der Übernachtungsstelle Ostpark.

Obdachlose in Frankfurt

Zuhause auf Zeit

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Mindestens 2400 Menschen, die fest in Frankfurt leben, haben kein eigenes Dach über dem Kopf. Die Übernachtungsstelle Ostpark bemüht sich, Menschen ohne Wohnsitz wieder zu stabilisieren.

Kommt ruhig rein!“ Mit einem Lächeln winkt Matthias Haucke die Gäste in sein Zimmer. Viel bietet der mollig beheizte Wohncontainer nicht gerade: Auf 15 Quadratmetern stehen vier Betten, vier Spinde, ein Tisch, vier Stühle. Ein Lappen dient als Fußabtreter. „Und hier schlafe ich“, sagt Haucke und klopft auf die obere Etage eines Stockbetts. Ein rotes Kissen liegt darauf, bedruckt mit Snoopy, dem Comic-Hund. Ansonsten gibt es noch einen kleinen Kühlschrank und den Fernseher eines der Männer, mit dem Haucke den Container teilt. Solange es keinen Krach gebe, gehe es ihm eigentlich gut, sagt der 47-Jährige. „Aber es ist nicht alles rote Rosen hier.“

Matthias Haucke ist einer von mindestens 2400 Menschen, die fest in Frankfurt leben, aber kein eigenes Dach über dem Kopf haben. Rund 2200 von ihnen sind in Pensionen, Hotels oder Wohnheimen untergebracht. Haucke wohnt schon seit Dezember 2006 in der Übernachtungsstelle Ostpark, der bekanntesten Notunterkunft der Stadt. Die Einrichtung, die seit einem Jahr in zwei Container-Anlagen an der Ostparkstraße umgezogen ist, weil ihr eigentlicher Standort einige Hundert Meter weiter saniert wird, beherbergt rund 160 Menschen, die Hälfte von ihnen langfristig.

Matthias Haucke sagt, das Leben im Ostpark habe gute und schlechte Seiten. Die Betreuung durch die Sozialarbeiter, die Kaffeestube, die regelmäßigen Ausflüge, das gefalle ihm gut. Aber ihn störe, dass so häufig die Polizei vorfahre, dass die Besetzung der Zimmer oft wechsele, dass manche Bewohner zu viel tränken. „Es ist eine nervöse Situation“, sagt Haucke. „Man weiß nie, ob jemand ausrastet.“

Der 47-Jährige, als Sohn deutscher Eltern in Südafrika aufgewachsen, hat ein bewegtes Leben hinter sich. Er ist oft umgezogen, hat verschiedene Jobs gehabt, bis er nach dem Verlust einer Arbeitsstelle in Frankfurt aus dem Tritt kam und Zuflucht in einer Unterkunft für Obdachlose suchen musste, erst im Weser 5 in der Gutleutstraße, dann im Ostpark. „Ich hab gedacht, ich werde nur ein paar Monate bleiben“, sagt Haucke nachdenklich.

Oben, im Büro der Einrichtung, berichtet Heidi Wächter von der Arbeit im Ostpark. Die Übernachtungsstelle habe als Not- und Dauerunterkunft mehrere Funktionen, sagt die 44-jährige Sozialarbeiterin. Im Winter würden oft hilflose Menschen hierhergebracht. „Erstmal nehmen wir in der Notversorgung alle auf“, sagt Wächter. Am nächsten Tag werde geklärt, welche Rechtsansprüche die Leute hätten, wohin sie wollten, wie man ihnen helfen könne. Manche Bewohner blieben einige Nächte, manche einen Winter, manche mehrere Jahre. Einige wehrten sich erst einmal gegen eine Unterbringung, gerade, wenn sie psychische Probleme hätten. Dann helfe es, dass die Einrichtung niedrigschwellig sei. „Das Offene hier ist für psychisch Kranke oft das, was noch geht.“

Generell, sagt Wächter, sei das Ziel, die Bewohner so weit zu stabilisieren, dass sie ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen könnten. „Meist, indem man sie erstmal zur Ruhe kommen lässt“, sagt sie. „Die müssten ja überlegen, wohin es gehen soll.“ Viele kämen vom Ostpark zunächst in ein Wohnheim, manche schafften es zurück in eine eigene Wohnung. „Da braucht man einen langen Atem“, sagt Wächter.

Das Publikum im Ostpark ist bunt gemischt: Rund ein Drittel sind Frauen, die zumeist in Einzelzimmern wohnen, die jüngsten Bewohner sind Mitte 20, der älteste ist gerade 80 geworden. Teils lebten hier 98 Nationalitäten zusammen, berichtet Wächter. Die große Vielfalt, die vielen Lebenswege und Geschichten seien ein Grund, warum sie hier einen „Traumjob“ habe, sagt sie. Es mache Spaß, die Menschen zu begleiten und zu unterstützen – gerade wenn es nach langen Jahren gelinge, jemandem wirklich einen Neustart zu ermöglichen.

Es sieht ganz so aus, als bekäme auch Matthias Haucke demnächst eine echte Chance. Wenn es gut läuft, kann er in ein Einzelzimmer in einem Wohnheim ziehen. „Da ist man betreut, da kann man essen“, sagt Haucke. „Das ist besser, als allein in einer Wohnung zu sitzen.“ Vielleicht hat er bald wieder ein Zuhause und ein bisschen mehr Privatsphäre.

Nicht allen Wohnungslosen in Frankfurt wird so gut geholfen. Ein kalter Abend vergangene Woche, die B-Ebene der Hauptwache. Hier landen die, die sonst nirgendwo unterkommen. Es ist kurz nach 22 Uhr, rund 90 Obdachlose richten sich mit Decken und Isomatten auf dem Kachelboden für die Nacht ein. Straßensozialarbeiter und Sicherheitsleute beobachten die Szene, die Abläufe unter den armen Menschen sind routiniert.

Ganz vorne haben sich Valer und Cheza L. ein Plätzchen gesichert. Seit drei Tagen seien sie in Frankfurt und lebten vom Pfandflaschensammeln, sagen die rumänischen Eheleute. Einen anderen Schlafplatz hätten sie nicht. „In Rumänien gibt es keine Arbeit“, sagt Valer und zuckt mit den Schultern. Er hoffe, dass er in Frankfurt etwas finde, ohne Deutschkenntnisse sei das aber schwer. Cheza zeigt mit den Fingern, dass sie fünf Kinder und neun Enkel in Rumänien habe. „Kinder brauchen Essen“, sagt sie. Deshalb seien sie und ihr Mann in Frankfurt. Auch wenn es hier nichts gebe als den Schlafplatz in einer U-Bahn-Haltestelle.

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