Hüter der Erinnerung: Herbert "Berry" Westenburger.
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Hüter der Erinnerung: Herbert "Berry" Westenburger.

Frankfurt-Bonames

Mut zum Widerstand

  • Christina Lenz
    vonChristina Lenz
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Herbert Westenburger kämpfte als junger Mann gegen das Nazi-Regime. Bis heute ist der mittlerweile 94-Jährige ein engagierter Streiter gegen das Vergessen. Er lebt seit 62 Jahren in Bonames.

Herbert „Berry“ Westenburger trotzt als junger Mann in der „bündischen Jugend“ dem Nazi-Regime. Am 5. Januar ist er 94 Jahre alt geworden, seit 62 Jahren lebt er in Bonames. Gestützt auf seinen Rollator ist Herbert Westenburger viel in Bewegung. Bis heute organisiert er den Großteil seines Lebens selbst, den Vertrieb seines Buchs, Lesungen, Haushalt. Er hat sich bewahrt, was er schon als Jugendlicher um keinen Preis aufgeben wollte: seine Selbstbestimmung.

Westenburger erzählt lückenlos und reich an Details. Manche Ereignisse malt er wehmütig aus, zieht alte Fotos hinzu, von anderen berichtet er heftig und bestimmt, unterstreicht das Gesagte durch Gesten. „Berry“, wie er von Freunden genannt wird, ist lebendiger Zeuge einer Jugend, die inzwischen fast vergessen ist.

Anfang des 20. Jahrhunderts treffen sich im „Nerother Wandervogel“ und der sogenannten „Bündischen Jugend“ kompromisslose Freidenker, Desperados, Bohémiens ihrer Zeit. Einige von ihnen trotzen später dem Nazi-Regime. Manch eine Freundschaft ist bis heute intakt. „Nur durch die Jugendbewegung bin ich am Leben geblieben und so alt geworden“, sagt „Berry“ heute.

Als 12-Jähriger trifft er 1932 zum ersten Mal auf Mitglieder des „Nerother Wandervogels“. Die vielfältigen Aktivitäten der Gruppe, Singen, kollektives Lesen, Wandern und gemeinsame Fahrten ziehen ihn an. Immer öfter entflieht er dem heimischen Matrosenanzug und den großbürgerlichen Abendgesellschaften in der Familie, bei denen er brav Diener macht und Handküsse verteilt. „Die Gruppe wurde meine Ersatzfamilie“, sagt Berry.

Prügeleien mit der Hitlerjungend

Auch als das Nazi-Regime 1933 alle Jugendgruppen außer der Hitlerjugend verbietet, halten Berry und seine Freunde an ihren Treffen fest, „illegal“. Sie schließen sich einer „autonomen Jungenschaft“ an. „Wir wollten unbedingt durchhalten“, sagt Berry. „Die Freiheit zu haben, das Lied zu singen, das ich möchte, da hin zu fahren, wo ich möchte, das war mein Antrieb“, erzählt er. Sie singen weiter für Freiheit und Selbstbestimmung – Kosaken-Lieder, Brecht-Songs und Lieder mit Zeilen wie: „Wir pfeifen auf den ganzen Schwindel – Beruf und Schule, Stellung, Geld. Und tobt auch das Parteigesindel, Hussa, der Bund bleibt unsre Welt.“ In der „Illegalität“ treffen sie sich zuerst im Frankfurter Nordend, später in einer ausgebauten Hütte im Wald. Sie tragen groß-karierte bunte Hemden, nicht etwa die verhassten „Braunhemden“.

Immer öfter kommt es zu Prügeleien mit der Hitlerjugend. Berry organisiert einen „bündischen Selbstschutz“, um sich vor den Übergriffen, auch durch die Polizei, zu schützen. 1938 wird er wie viele seiner Freunde im Frankfurter Gestapo-Gefängnis „Klapperfeld“ inhaftiert. Sieben Monate später, als der Krieg beginnt, ist er den Nazis als Soldat nützlicher. Das einzige, was Berry zuerst in Berlin, dann im Afrika-Korps in dieser Zeit tröstet, sind die in langen Nächten selbstgeschriebenen Liederbücher und unzählige Briefe von Freunden.

Mutter stirbt im KZ Auschwitz

Mit Zeilen wie: „Möge es Freundschaft geben (...), die fortbesteht über Kontinente, Meere und Kriege.“ Nach zwei gescheiterten Fluchtversuchen und amerikanischer Kriegsgefangenschaft kehrt Berry 1946 nach Frankfurt zurück. Während er an der Front kämpfte, wurde seine Mutter als "Halbjüdin" im KZ Auschwitz ermordet. Was ihm nach dem verheerenden Krieg bleibt, ist die alte Leidenschaft: Er baut eine neue bündische Jugend in Hessen auf und wird deren Sprecher.

1992 wird sein Widerstand gegen die Nazi-Diktatur mit der Johanna-Kirchner-Medaille ausgezeichnet. Durch Zusammenarbeit mit Jugendforschern und dem Historischen Museum Frankfurt entsteht einige Jahre später die Idee, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Seit 2008 hat Herbert Westenburger auf 75 Lesungen vor Schülern und Studenten in Hessen und deutschlandweit aus seinem Buch vorgelesen. So gibt er seine zentralen Erfahrungen und den Mut zum Widerstand an eine neue Generation weiter. 2010 erhält er für dieses Engagement das Bundesverdienstkreuz. „Ich bin einer der letzten lebenden Zeitzeugen dieser Jugend. Der Mord an meinen Freunden und an meiner Mutter soll nicht vergessen werden.“

Herbert Westenburger: „Wir pfeifen auf den ganzen Schwindel“, erschienen im Spurbuchverlag, 2008. Restauflage direkt beim Autor für 18 Euro erhältlich. Kontakt: dschaeferin@t-online.de

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