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Nur durch Zufall kam Udo Heitzmann auf sein Thema.

Frankfurt-Niederrad

Zum „Staa schrubbe“ ging es ins Klärwerk

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Udo Heitzmann, Stadtteilhistoriker von Niederrad, recherchiert das Schicksal von russischen Zwangsarbeitern, die zusammen mit 13 Menschen ihr Leben in den Gewölben der Niederräder Kläranlage verloren. Ein Zufall führt ihn auf ihre Spur.

Verborgen zwischen Flechten und Moos finden sich auf dem Feld für ausländische Kriegstote des Frankfurter Hauptfriedhofs Grabplatten mit dem Datum 5.11.1944. Auf einer von ihnen stehen in Sandstein geritzt die Namen Sebastian Dsjuba und Anatoli Kawtschuk. Dort, zwischen den letzten Ruhestätten der Kriegstoten, wäre ihr Schicksal wohl in Vergessenheit geraten, hätte Stadtteilhistoriker Udo Heitzmann nicht zufällig eine Entdeckung gemacht.

Eigentlich wollte Heitzmann, unterstützt durch die Polytechnische Gesellschaft, die Geschichte der Abwasseranalytik am Beispiel der Niederräder Kläranlage untersuchen. Dort hatte er mehr als 30 Jahre lang als Chemotechniker für die Stadt gearbeitet. Doch beim Akten wälzen im Stadtarchiv stieß er auf ein Ereignis aus dem Jahr 1944.

Dsjuba und Kawtschuk, beide aus der Sowjetunion, verloren zusammen mit 13 Menschen am 5. November ihr Leben in den Gewölben der unterirdischen Kläranlage. Während des Zweiten Weltkrieges dienten diese als Schutzbunker. Zwei Räume befanden sich unter dem Gebäude. Einer davon war ein „Bunker für Gefangene“, der andere Raum war den Niederrädern vorbehalten. Für Dsjuba und Kawtschuk, einem weiteren Russen und zwölf Franzosen wurde der „Bunker für Gefangene“ zur tödlichen Falle, als alliierte Bomber die Kläranlage trafen. Eigentlich sollten die Bomben an jenem Tag die Frankfurter Verschiebebahnhöfe treffen, doch wegen einer dichten Wolkendecke verfehlten die Piloten ihr Ziel. Stattdessen fiel die tödliche Fracht auf Niederrad, Sachsenhausen und das Gallus. Damals starben allein in Niederrad mehr als 30 Menschen.

Auch Franzosen unter den Toten

Dsjuba und Kawtschuk waren mit sehr großer Wahrscheinlichkeit Zwangsarbeiter. Ihre Namen fand der Stadtteilhistoriker in Unterlagen des Internationalen Suchdienstes Arolsen. Beide waren bei den Feinlederwerken Niederrad als Zivilarbeiter geführt. Zivilarbeiter bedeute nichts anderes, als dass die beiden Zwangsarbeiter im Nazi-Regime waren, erklärt Heitzmann.

Zudem fand er heraus, dass auf dem Gelände der Kläranlage, nördlich des heutigen Heizkraftwerks, ein Barackenlager für Kriegsgefangene stand. Es bestand aus fünf Gebäuden und wurde noch in den Nachkriegsjahren als Unterkunft für Flüchtlinge und Kriegsheimkehrer genutzt. Unklar sei, wie viele Gefangene dort während des Kriegs untergebracht waren, sagt Heitzmann. Dsjuba und Kawtschuk lebten dort wohl nicht. Sie waren in einem anderen Lager in der Kesselbergstraße 28 untergebracht.

Die beiden Sowjet-Bürger waren zwei von tausenden Fremd- oder Zwangsarbeitern sowie Kriegsgefangenen, die während des Zweiten Weltkriegs in Frankfurt zur Arbeit eingesetzt wurden. Wie hoch ihre Zahl war, ist nicht mehr zu rekonstruieren, da ein Teil der Meldeunterlagen durch Bombenangriffe vernichtet wurde oder während des Kriegs verloren ging. Laut des Portals „Frankfurt 1933-1945“ gibt es in den unvollständig überlieferten polizeilichen Meldebüchern der Zeit fast 49.000 Eintragungen.

Die Niederräder Bevölkerung wusste von den Gefangenen. Ein Zeitzeuge, der als Zwölfjähriger 1944 selbst im Bunker unter dem Klärwerk Schutz gesucht hatte, sagte dem Stadtteilhistoriker, dass ihm als Kind erzählt worden sei, die Gefangenen müssten im Klärwerk „Staa schrubbe“.

Die zwölf französischen Bombenopfer fanden für einige Monate ihre letzte Ruhe auf dem Frankfurter Hauptfriedhof, wurden dann in ihre Heimat überführt und dort bestattet. Dsjuba und Kawtschuk liegen bis heute in Frankfurt begraben. Ob jemals einer ihrer Angehörigen von ihrem Tod erfahren hat, ist unklar.

Heitzmann hofft, dass es Zeitzeugen gibt, die ihm Fragen beantworten können – etwa zum Gefangenenlager auf dem Gelände der früheren Gummifabrik „Vereinigte Gothania Werke AG“. Erreichbar ist Heitzmann unter Telefon 77 85 60, E-Mail: UHz@gmx.net.

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