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Im Hörsaalgebäude der Goethe-Uni fand der Kongress von Professor Amendt statt.

"Familienkonflikte gewaltfrei austragen"

Professor Amendt und die Frauenbewegung

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Den Kongress "Familienkonflikte gewaltfrei austragen" an der Frankfurter Goethe-Universität eröffnete Professor Amendt. Mit seinen Thesen vermochte er einige Zuhörer*innen zu irritieren. Ein analytischer Kommentar.

Die zwei Frauen, die den Eröffnungsvortrag von Professor Gerhard Amendt vorzeitig verlassen hatten, waren sichtlich schockiert. „Ich bin zutiefst erschüttert“, sagte eine, die extra aus Hamburg angereist war, um an dem dreitägigen Kongress „Familienkonflikte gewaltfrei austragen“ an der Frankfurter Goethe-Universität teilzunehmen. Ob sie denn nicht gewusst habe, dass der Veranstalter und wissenschaftliche Leiter Amendt zumindest umstritten sei und sogar eine Demonstration gegen die Veranstaltung stattfinde? Das habe sie tatsächlich nicht gewusst. Sie suche nach neuen Wegen für ihre therapeutische Arbeit, die Referentenliste klinge auch nach wie vor vielversprechend. Dass sie jedoch an einer Universität teils mit „Pseudowissenschaft“ konfrontiert werde, hätte sie nicht für möglich gehalten. 

Die Hamburgerinnen waren nicht die einzigen, die den Vortrag vorzeitig verlassen hatten. Eine weitere Gruppe von Zuhörerinnen verließ den Hörsaal, nicht ohne zu kommunizieren, dass das ja „nicht zum Aushalten“ sei. Zuhörer M. Heintz berichtete im Anschluss, Amendt sei „unwissenschaftlich“ sowie „plakativ“ in seinen Aussagen gewesen. Besonders sei sein Antifeminismus hervorgestochen, der „Männer gegen Frauen“ in Stellung bringe und zutiefst spaltend sei.

Überhaupt verlief die Veranstaltung nicht reibungslos. Protesttrommeln waren bis in den Saal zu vernehmen, schließlich musste Amendt seine Rede aufgrund eines vermutlich von den Protestierenden ausgelösten Feueralarms unterbrechen. Der Professor selbst erwähnte in seiner Begrüßung den Widerstand, der sich gegen den Kongress aufgrund seiner Person formiert habe, wies aber sämtliche Vorwürfe von sich. Zu Unrecht werde ihm unterstellt, ein Befürworter von Zwangstherapie bei Homosexuellen zu sein. Das Gegenteil sei richtig, von Zwangstherapie halte er generell überhaupt nichts. Entsprechend unklar sei, wogegen sich die Demonstration eigentlich richte, aber für die Freiheit der Wissenschaft sorge schon die Polizei.  

Von Perversen und pädophiler Propaganda

Zumindest an dieser Stelle kann dem Herrn Professor auf die Sprünge geholfen werden. Amendt, führender Vertreter der Männerrechtsbewegung und erklärter Gegner von Frauenhäusern  („Warum das Frauenhaus abgeschafft werden muss“, Welt, 16.6.2009) hat im Dezember 2016 auf agensev.de einen bemerkenswerten Kommentar veröffentlicht. Agens e.V. stellt sich als unabhängige Arbeitsgemeinschaft vor, die auf die „tatsächliche Gleichberechtigung von Männern und Frauen“ ohne „ideologisch geprägte Rollenbilder“ hinarbeite, und die „zunehmenden Benachteiligung und Diskriminierung von Jungen und Männern auf allen gesellschaftlichen Ebenen“ bewusst machen wolle. Empfohlen werden Links zur „Demo für alle“, deren Vertreter*innen ebenso im Feminismus das Wurzel allen Übels ausmachen. In dem unter Gerhard Amendt erschienenen Kommentar „Grüne fordern vier Eltern für alle Kinder“ erregt sich der Autor über einen Vorschlag der Grünen, allen Erziehenden von Kindern in einer Patchwork-Situation oder lesbischen und  schwulen Paaren ähnliche Rechte und Pflichten wie die der leiblichen Eltern zu ermöglichen – wenn alle Beteiligten einverstanden sind. Im Text heißt es: 

„Typisch ist, wenn Charaktergestörte ihren Willen nicht bekommen, dass sie sich missverstanden fühlen. Denn allein die ‚Perversen‘ – als die sie sich selber nicht sehen können – seien in der Lage das Beste für Kinder zu erreichen. Hier scheint die Nähe zur pädophilen Propaganda auf. Alle Welt versteht die Kinder nicht und schon gar nicht deren Sexualität. Nur die Pädophilen seien dazu in der Lage. Und die Perversion setzt sich fort, wenn sie Sexualaufklärung für Kinder betreiben wollen und jetzt den Status von Eltern fordern. Als Lebenserfahrung könnte hier ein zutiefst gestörtes Verhältnis zu den eigenen Eltern und besonders zur feindselig erlebten Mutter aufblitzen: Was sind Eltern schon wert? (Volker, KT) Beck & Döring (er meint wohl Katja Dörner, KT) verallgemeinern das.  ... Bei beiden geht es um den Zugriff auf Kinder. Das ist typisch für Pädagogik und Politik der pädophilen Rechtfertigung (…).“

Das ist schon einigermaßen starker Tobak, ging es doch um einen Konzeptvorschlag für Familienmodelle, die der traditionellen Vater-Mutter-Kind-Struktur nicht entsprechen. Diese nicht seltenen Lebenswirklichkeiten verknüpft der Professor mit Perversion und Pädophilie – und vor allem auch mit dem Namen Volker Beck. Amendt hier homophobe Grundtendenzen zu unterstellen, ist zumindest einmal eine Deutungsvariante seines eigenen  Kommentars.

Am Freitag an der Goethe-Universität klammerte er das Thema komplett aus. Hier konnten die Zuhörer*innen den Eindruck gewinnen, Amendt deute den angeblich fundamentierten Opferstatus von Frauen als Teil des Feminismus aus, um damit aufzuräumen, dass zum Unglück bezüglich Gewalt in Beziehungen alleine der Mann die Verantwortung trage. Schuld am Glück ebenso wie am Unglück seien immer beide, und  Frauenhäuser auch nur geschaffen worden, „um den bösen Männern das Handwerk zu legen und den Opfern zur Seite zu stehen“. Dabei wisse man doch gar nichts von der jeweiligen Dynamik, die zu Handgreiflichkeiten führe, aber trotzdem seien die Männer immer die Bösen.

Keine überhitzen Reaktionen, wenn er mal zuschlägt

Anhand eines Fallbeispiels versuchte er, seine These zu unterfüttern: Wenn ein Mann arbeitslos sei, unzufrieden und eventuell impotent, ziehe sich die Frau von ihm zurück. Entsprechend würden gegenseitige Erwartungen nicht mehr eingelöst. Es ginge eben nicht um Schuld und Moral und auch nicht um aktiv und passiv – sondern? Man müsse weg von „schnellen überhitzen Reaktionen“, das Entsetzen helfe nicht, zumindest nicht professionell. Aber eine Unterbringung in einen geschützten Ort rettet der Frau eventuell das Leben, wobei nach Amendt Frauenhäuser ja alle dicht gemacht gehören.

„Ich will zeigen, wie gesellschaftlich relevante Kräfte auf die Beziehungen einwirken“, so der Professor, der zunächst viele Allgemeinplätze aufzeigte. Wie der, dass Ursachen für Gewalt häufig in der Kindheit des Mannes zu suchen seien – was niemand bestreiten dürfte. Dass auch Männer Opfer von Gewalt seien – was auch niemand bestreiten dürfte. Dass er hier jedoch eine Patt-Situation behauptet, dürfte daran liegen, dass er psychische und physische Gewalt nicht klar trennt (siehe Welt, 16.6. 2009). Denn dass nach wie vor mehr Männer Frauen in lebensbedrohlicher Weise schlagen als umgekehrt, dürfte unstrittig sein.

Wert legt er darauf, dass viele Männer durch den Ersten und Zweiten Weltkrieg traumatisiert seien und dies in spätere Generationen nachwirke. Ob der Erste Weltkrieg als Gewaltbegründung im Jahr 2018 herangezogen werden kann, darf zumindest angezweifelt werden, generelle Traumatisierung als Ursache von Gewalttaten wird aber auch niemand verneinen.

Schuld hat nach Amendt maximal juristische Relevanz. Dass Gewalt jedoch auch aus reiner Macht- und Stärkedemonstration heraus ausgeübt wird, deren Ursache in einer Männerdominanz zu suchen ist, taucht im Amendtschen Konzept nicht auf. Gesellschaftlich-patriarchale Strukturen räumen eben jener Dominanz nach wie vor ein Gewohnheitsrecht ein, implizit ist die Bestimmerrolle, die ungerne aus der Hand gibt, wer es sich in ihr jahrhundertelang eingerichtet hat. Das ist verständlich, strukturelle Gewalt sollte aber doch nicht völlig negiert werden in einer Debatte, die sich mit Gewalt auseinander setzt.

Schuld hat die Frauenbewegung – an allem

Der Professor hat hingegen die Schuldfrage für sich anderweitig geklärt – und das, obwohl es um Schuld ja gar nicht gehen soll. Er nennt sie denn auch eine „gesellschaftlich relevante Kraft“, die Frauenbewegung, die 1968 mit der Selbstermächtigung der Frau durchaus positiv gestartet sei, um sie 15 Jahre später einzig in die Opferrolle zu pressen. Dieser Gedankengang ist schon recht bemerkenswert, bedenkt man, dass die Frauenbewegung dafür Sorge trug, dass Frauen sich trauen, Gewalt in der Ehe überhaupt zu artikulieren und eben nicht als Teil des Ehelebens zu verinnerlichen.  Entsprechend kann man nur zu dem Schluss kommen, dass gemäß Amendt also nicht die Schlagenden die Frauen zu dem machen, was sie im Falle sind – nämlich deren Opfer. Die Frauenbewegung schafft diese erst, ganz so, als habe sie die Gewalt herbeigeredet, um die Opferfrau moralisch zu überhöhen.

Damit hätten die Frauen jedoch ihre Selbstermächtigung aufgegeben. Indem sie im Falle aktiv aus einer seinerzeit totgeschwiegenen Gewaltspirale ausbrechen, geben sie ihre „Selbstermächtigung“ auf? Das ist bereits einigermaßen bizarr, tatsächlich völlig krude wird es, wenn Amendt am Beispiel des §218 von einer Infantilisierung der Frau spricht, wohlgemerkt durch die Frauenbewegung. Denn immerhin werde der Arzt kriminalisiert, nicht die Frau und hierfür verantwortlich seien die 68er.

Zunächst einmal sind nach §218 grundsätzlich alle Beteiligten strafrechtlich zu belangen. Doch selbst wenn nicht: Die Frauenbewegung ist  und war stets gegen das Abtreibungsverbot, wie kann sie dann Schuld tragen an den Auswirkungen eines Paragrafen, gegen den sie seit Jahrzehnten ankämpft?  Amendt schiebt eine weibliche „Infantilisierung“ der Frauenbewegung in die Schuhe – und das alles offensichtlich nur, weil Frauen begonnen haben, Gewalt von Männern zu benennen. Gewalt gegen Männer werde verleugnen, klagt Amendt. Mag sein, nur von wem denn? Es ist an den Männern, die gegen sie gerichtete Gewalt zu artikulieren.

Was will uns Amendt sagen?

Professor Amendt reißt allerlei Themen an, die er mehr wirr als kausal miteinander verknüpft und das scheinbar nur,  um die Frau als Opfer im innerfamiliären Konflikt als Erfindung des Feminismus zu etikettieren. Verantwortlich seien beide zu gleichen Teilen, was die Täterschaft verharmlost.

Selbstverständlich kann ich alles in einen Kontext stellen, und weder ein Mann noch eine Frau werden als gewalttätige Schläger geboren. Und natürlich ist eine Ursachenforschung schon alleine deshalb wichtig, damit ein gewalttätiger Mensch überhaupt therapierbar ist. Die Relativierung von Gewalt, indem man das Opfer gleichberechtigt mitverantwortlich zeichnet, ist jedoch ein weiterer Schlag ins Gesicht für jede misshandelte Frau ebenso wie für jeden misshandelten Mann. Amendt hat sich auf die Fahne geschrieben, den Mann vom Joch der unterdrückenden Feministinnenbande zu befreien, die er als des Übels Kern ausmacht. Sie ist es, die der Frau den Opfer-Floh und dem Mann die Täter-Legende ins Ohr gepflanzt zu haben scheint.

Entsprechend dürfte sein Vortrag trotz richtiger jedoch bekannter Ansätze in seiner Konfusion nicht als wissenschaftlich durchgehen. Die Universität Frankfurt muss sich fragen lassen, ob sie ihre Veranstalter zukünftig im Vorfeld nicht eingehender prüft.   

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