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Martina Chane vom Projekt Oase zeigt der Spaziergängerin Maria Fernanda Auel zwei Hinterlassenschaften der Jäger.

Schüsse in Oberrad

Noch zwei Tage Krähenjagd

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Auf den Gemüsefeldern in Oberrad wird zum Jahresende wieder scharf geschossen. Passanten sind befremdet, Tierschützer erzürnt.

Dieser Frieden. Freitagmorgen in Oberrad, die Wolkendecke tiefergelegt, auf den Straßen kraftfahrzeugreduzierte Weihnachtsferienstimmung, und wenn man die Flugzeuge mal kurz mental ausblenden kann: Ruhe und Gelassenheit allüberall.

Das ist nicht selbstverständlich. Zum Jahresende wird auf den Feldern im Norden des Stadtteils traditionell scharf geschossen. „Furchtbar!“, sagt das Frauchen von Hündin Manna, die gerade östlich des Speckwegs Gassi geführt wird, „gestern war es wieder furchtbar.“ – „Schlimm!“, pflichtet die Begleiterin von Rüde Speedy bei. Wer hier täglich unterwegs ist, kennt das Geballer.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es geht nicht um Silvesterböller. Wir reden über Jäger, die mit scharfer Munition Vögel totschießen. Krähen, Gänse. „Wie im Krieg“ sei das manchmal, klagen Oberräder. Wie in einem Krieg, den bewaffnete Männer alle Jahre wieder führten gegen fast alles, was fliegt.

„Die laufen dann hier rum, Gewehre geschultert“, sagt Mannas Frauchen. „In Oberrad hat man ein unsicheres Gefühl, wegen der Ballerei.“ Die beiden Spaziergängerinnen wollen namentlich nicht genannt werden, nur ihre Hunde dürfen in die Zeitung.

Tierschützern ist die Praxis der Krähenjagd zuwider. Sie protestieren – aber vergebens: Von Anfang August bis Ende Dezember ist die Jagd auf Rabenkrähen und Elstern offiziell erlaubt. Die FR berichtete bereits im Januar, da bestätigte das Ordnungsamt die gesetzlichen Regelungen; einzig Saatkrähen sind ganzjährig geschützt. Die Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) beklagte, der Stadt fehle die Handhabe, den Abschuss zu verbieten: „Aber es ist absolut nicht notwendig, Krähen zu schießen“, so ihre Auffassung.

Das ist auch die Meinung von Martina Chane. Die Gründerin des Vereins Projekt Oase macht sich unter anderem für Wasservögel stark und beobachtet die Lage in Oberrad. „Denen macht das Spaß“, sagt sie über die Jäger. Am Samstag beispielsweise sei fast pausenlos geschossen worden. Patronenhülsen hätten überall herumgelegen, tote Tiere seien als Lockvögel aufgestellt worden – ein Vorwurf, der auch in der zurückliegenden Saison aufkam.

Das Bestreben, die Vögel durch Abschuss zu vertreiben, sei aussichtslos, sagt Chane. „Die Tiere kämpfen um ihr Revier – das ist jetzt ihre Heimat, auch wenn sie eine zugewanderte Art sind wie die Nilgänse.“ Freiwerdende Reviere würden sofort durch nachrückende Individuen besetzt. Gudrun Stürmer, die in Schuss-Hörweite ihr Stadttaubenprojekt am Speckweg betreibt, kennt und kritisiert das Verfahren seit langer Zeit. Mitunter flüchteten sich die Krähen in die Bäume auf dem Gelände des Tauben-Gnadenhofs. „Dann schießen die in unsere Richtung, damit die Krähen auffliegen, und anschließend holen sie sie aus der Luft.“

Wohlgemerkt: alles in einem Gebiet, das ständig Spaziergänger und Hunde nutzen. „Hier sind auch oft Kinder“, sagt Mannas Frauchen. „Aber keine Absperrung, keine Warnschilder, nichts. Man kann doch nicht einfach losballern!“ – „Ich komme aus Thüringen“, sagt Speedys Frauchen, „da wird abgesichert, wenn irgendwo Jagd ist.“ In Oberrad offenbar nicht. Da sind am Freitag weder Schilder noch Absperrband. Aber eben auch keine Jäger. Müssten sie warnen, von Rechts wegen? Das Ordnungsamt kann man nicht fragen, es ist zwischen den Jahren geschlossen.

Einmal traf Speedys Frauchen den Jägersmann abends um 22 Uhr mit dem Gewehr über der Schulter. „Da habe ich gesagt: Sie sehen doch jetzt gar nüscht mehr, wie können Sie jetzt hier schießen?“ Sie rief die Polizei. Geschossen wird trotzdem weiterhin. „Die Leute melden sich bei mir“, sagt Martina Chane. „Ich kümmere mich um verletzte Tiere.“ Sie hat Fotos gemacht, ein wahres Horrorkabinett aus toten Vögeln, Federn, Männern in militärisch anmutenden Tarnanzügen, die tote Nilgänse an den Beinen gepackt übers Feld tragen.

„Wir haben viel Natur hier“, sagt Mannas Frauchen. Hasen, Füchse. „Das lockt die Jäger an.“ – „Die Tiere reden“, sagt Martina Chane, „sie haben ihre eigene Sprache. Man braucht eine Ader dafür.“ An diesem Freitagmorgen kann man ihnen zuhören, und selbst der fremde Hund mit den gefletschten Zähnen dreht im letzten Moment ab. Mehr friedliche Morgen folgen bald. An Neujahr ist die Krähenjagd vorbei.

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